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Die Badewannentäufer

An deutschen Universitäten wird missioniert und aus dem Stegreif getauft. Dahinter steckt eine christliche Spilttergruppe aus Südkorea.
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Der Tag, an dem Anastasia Bogo die himmlische Offenbarung erhalten soll, beginnt denkbar unspektakulär. Die 23-jährige Studentin war gerade auf dem Weg zur Uni und hatte es eilig an diesem Augustmorgen. Vor der Bibliothek wird sie von zwei Südkoreanerinnen angesprochen. Theologie-Studentinnen so sagen sie. Sie müssten ein Referat einüben und mit der Sprache hätten sie noch Probleme. Ob Anastasia sich fünf Minuten Zeit nehmen könnte? Länger wird es sicher nicht dauern. „Weil ich ein hilfsbereiter Mensch bin und dachte, ich könnte helfen, habe ich mich darauf eingelassen“. Kurz darauf findet sich Anastasia Bogo mit einem Mini-DVD-Spieler auf dem Schoß und flimmernden Bibelvideos vor der Nase auf einer Parkbank wieder. Dazu zitieren die beiden Südkoreanerinnen unablässig Bibelverse. Aus fünf Minuten wird eine Stunde und aus dem vermeintlichen Referat ein Missionierungsversuch inklusive dem Angebot einer Direkttaufe. Am Besten gleich hier und vor Ort, warum nicht am Teich vor der Universität?

  Anastasia Bogo hat Bekanntschaft mit Vertretern der „Gemeinde Gottes des Weltmissionsvereins“ gemacht. Das wurde ihr allerdings erst klar, als die beiden Mädchen ihr zum Abschluss des Gesprächs einen Flyer in der Hand drückten, der ihre wahre Identität offenbarte. Diese Geschichte, die Anastasia Bogo in Hamburg erlebte, wiederholt sich derzeit in ganz Deutschland. Menschen werden von Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft angesprochen – fast immer unter einem falschen Vorwand. Und fast immer entpuppt sich das Gespräch als Bekehrungsversuch. Die Missionsbestrebungen sind mittlerweile derart aggressiv geworden, dass sich Stefan Barthel von der Berliner Senats-Leitstelle für Sektenfragen diesen Monat veranlasst sah, vor der Gruppe zu warnen. Auch die Beratungsstelle Sekteninfo NRW hat bereits zahlreiche Berichte über die ominösen Missionare gesammelt und mahnt zur Vorsicht, wie auch die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen.

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Wenn die Missionare an die Tür kommen, bieten sie eine Taufe in der heimischen Badewanne an.

  Dabei weiß man nicht viel über die Gruppe, die ihre Wurzeln in Südkorea hat. Gegründet wurde sie von Ahn Sahng-Hong, der 1918 als Buddhist geboren wurde und mit 30 Jahren zum Christentum konvertierte. Er ließ sich in einer protestantischen Freikirche taufen, wurde Mitglied der Sieben-Tages Adventisten, einer wertkonservativen Strömung des Christentums, die an eine baldige Wiederkehr von Jesus Christus glaubt. Im Bewusstsein, in der Endzeit zu leben, werden die Gebote der Bibel besonders streng interpretiert. Irgendwann wuchs in Ahn Sahng-Hong die Überzeugung, dass er selbst die Wiedergeburt von Jesus Christus sei. Aus den unterschiedlichen Einflüssen, die ihn geprägt haben, entwickelte er ein neues Glaubenssystem: Er gründete im Jahr 1964 die Gemeinde Gottes des Weltmissionsvereins. Damit schuf er eine stark expandieren Gemeinschaft. Mittlerweile zählt sie weltweit nach eigenen Angaben 1,2 Millionen Mitglieder. Tendenz steigend.

  Neben einer sehr wörtlichen Auslegung der Bibel, aus der die Gruppe auch das Verständnis entwickelt hat, die jüdischen Feiertage so einzuhalten, wie Jesus es getan hat, gibt es noch eine weitere Besonderheit: Sie glauben an eine Gottmutter. Abgeleitet wird die Vorstellung aus verschiedenen Bibelzitaten, in denen Gott im Plural von sich spricht. In einer Bibelstelle in der Offenbarung heißt es etwa, der „Geist und die heilige Braut“ würden einladen, das „Wasser des Lebens“ zu trinken. Im Christentum gibt es verschiedene Interpretationsansätze, so wird die Braut auch allegorisch als die Gemeinde bezeichnet. Die Jünger von Sahng-Hong hingegen lehnen jegliche Deutung strikt ab. Wer an Gott glaubt, muss auch an die Gottmutter glauben. Und wer das nicht tut, so macht die Lehre der Gruppe deutlich, dem wird der Eingang zum Paradies verwehrt.

  Die Gemeinde sieht es jetzt als ihre Aufgabe an, mit ihrem „exklusiven Wissen“ möglichst viele Seelen vor dem Fegefeuer der Verdammnis zu retten. Dazu muss der Gläubige erneut getauft werden und sei es im Teich vor der Universitätsbibliothek.

  „Ich wurde auf dem Weg zu einem Kurs angesprochen“, verrät die Jura-Studentin Corinna, die ebenfalls schon Erfahrungen mit der Gruppe gesammelt hat und ihren vollen Namen nicht in der Zeitung sehen möchte. Wieder gab sich eine junge Frau südkoreanischer Herkunft als Studentin aus, die für ein Referat üben müsse. Wieder artete das Referat zu einem Missionierungsgespräch aus. „Es war schon beinahe eine Belehrungsstunde. Das Mädchen wurde sehr aggressiv, konfrontierte mich mit Bibelzitaten und konnte kaum nachvollziehen, warum ich ihrer Argumentation nicht folgen wollte.“ Dass verstärkt auf dem Campus geworben wird, wundert Ursula Caberta, Sektenbeauftrage der Stadt Hamburg nicht. „Es ist kein spezifisches Merkmal dieser Gruppe, aber Studenten sind immer beliebte Opfer“, erklärt Caberta. Das Studium ist meist ein einschneidender Lebensabschnitt, in dem sich junge Menschen neu orientieren. Diese Phase des Umbruchs ist für Gruppen mit radikalen Weltanschauungen ein besonders beliebter Anknüpfungspunkt, ihre Lehre zu verbreiten.

  Die Gruppe selbst gibt sich derweil verschlossen. Ein Einblick in ihre Strukturen ist nicht gewollt. Die Gemeinderäume, die mittlerweile in den meisten deutschen Großstädten existieren, unter anderem in Berlin, Hamburg und Essen sind nirgendswo verzeichnet. Ansprechpartner gibt es keine. Die einzige Möglichkeit zu der Gruppe zu finden, ist von ihnen gefunden zu werden. „Es handelt sich hier um eine klassische Sekte“, sagt Ursula Caberta aus religionswissenschaftlicher Perspektive. Allerdings: Wirklich viel wissen die wenigsten von der Gruppe. Auch die Sektenberatungsstellen tappen größtenteils noch im Dunkeln.

  Einen ersten Einblick in die verborgenen Strukturen des Weltmissionsvereins kann man in den Schilderungen von Christiane U. finden. Die 35-Jährige wurde im vergangenen Jahr von der Gruppe missioniert. Es geschah, kurz nachdem ihr Mann verstorben war, sie war damals unterwegs im Zentrum einer größeren deutschen Stadt und wurde angesprochen. Christiane U. zeigte sich offen. Sie hatte das Gefühl, dass man ihr Antworten geben könnte, auf Fragen, die sie seitdem Verlust ihres Mannes im Kopf hatte. Antworten nach einem Sinn des Lebens, das ihr mittlerweile so sinnlos erschien. Aber Christiane U. fand vor allem etwas anderes: das Gefühl einer Gemeinschaft. Jeden Samstag trafen sich die Gläubigen zum gemeinsamen Beten, zum Singen, zum Kochen. „Schwester“, wurde sie genannt und fühlte sich aufgehoben. Doch Christiane sollte nicht nur nehmen. Nachdem man ihre Seele gerettet hatte, lag es nun an ihr weitere Menschen vor der Verdammnis zu bewahren. Bevor die Gläubigen allerdings selber missionieren dürfen, werden sie in einem mehrjährigen Bibelkurs vorbereitet – in Südkorea. Sehr bald trat Christiane U. eine erste Reise dorthin an. Aber mit der Begeisterung über die internationale Gemeinschaft, die sich so sehr um sie kümmerte, wuchsen auch die Zweifel. Christiane spricht heute von militärischer Disziplin, die dort herrschte. Wer nicht zu den Gottesdiensten kam, wurde angerufen. Wer sich nicht an die strengen Regeln der biblischen Vorstellung hielt, wurde von den Brüdern und Schwestern darauf angesprochen. Wer Veranstaltungen fern blieb, wurde besucht. Zuerst dachte Christiane U., es läge an der gegenseitigen Fürsorge, aber irgendwann wurde ihr die Kontrolle zu viel. Sie stieg aus der Gruppe komplett aus.  
  Die Missionierungsbestrebungen der weiteren Mitglieder werden derweil immer aggressiver. Es gibt Berichte, dass dabei zunehmend auch direkt an Haustüren geklingelt wird. Nach einem Gespräch bieten die Missionare dann an, die Taufe direkt in der heimischen Badewanne zu übernehmen. 

  So blieb es auch für Anastasja Bogo nicht bei der einmaligen Einladung zum Paradies im Flur der Universität. „Irgendwann standen die vor meiner Haustür. Als ich Ihnen sagte, dass es schon beim ersten Mal nicht geklappt habe, haben sie gelacht. Und es weiter versucht.“ Christiane U. erzählt noch von einer großen Fotowand im Gemeindehaus der Sekte. Jeder Missionierte, also jede „gerettete Seele“ wurde fotografiert und dort angepinnt. An der Wand hingen sehr viele Fotos, erinnert sich die Aussteigerin. Und es wurden immer mehr.

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