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„Die Briefe haben mir die Angst genommen“

Ohne die Post ihres Freundes aus Westdeutschland wäre Katrin vielleicht nicht aus der DDR geflohen
christian-helten
  • 855013


jetzt.de: Was hat Ihnen das Briefeschreiben damals bedeutet?
Katrin S.: Die Briefe waren unser einziger Kommunikationsweg. Unser Telefon wurde abgehört, weil meine Eltern in ihrer Bäckerei Leute angestellt hatten, die ausreisen wollten. Es gab manchmal so einen Widerhall in der Leitung, da wusste ich, dass wir abgehört wurden. Dann habe ich gesagt, dass mir die Ohren dröhnen, dann wusste auch Henson Bescheid. Die Briefe waren aber auch aus einem anderen Grund ganz wichtig für mich: Sie halfen mir, die Angst vor dem unbekannten Westen zu verlieren. Kapitalismus war für mich was ganz Schlimmes. Henson hat mein Weltbild zurechtgerückt. Ohne unseren Briefwechsel hätte ich vielleicht den letzten Schritt nicht gewagt und wäre nicht geflüchtet. Er hat mich darin bestärkt, dass das Leben in Westdeutschland lebenswert ist.
 
Hatten Jungs aus dem Westen eigentlich eine besondere Anziehungskraft?
Nein. In meinem Studiengang gab es nur noch ein Mädchen, das mit einem Schweizer zusammen war. Uns wurde ja immer gesagt, wie schlecht der Westen war.
 
Sie sind im September 1989 in die BRD geflüchtet. War die Beziehung der Grund dafür?
Eigentlich nicht. Als ich in die BRD kam, waren wir schon nicht mehr zusammen. Ich war 1989 bei den Montagsdemonstrationen und durfte deshalb meinen Studienabschluss zur Pharmazeutin nicht mehr machen. Mein Bruder hat auch Probleme bekommen, weil ich an den Demonstrationen teilgenommen hatte. Das war der Grund, warum ich die DDR verlassen wollte.
 
Haben Sie heute noch Kontakt zu Henson?
Nein. Ich bin jemand, der sehr konsequent ist. Wenn ich mal was beendet habe, ist das für mich ein endgültiger Schlussstrich.
 
War Ihre eingeschränkte Freiheit damals der Grund für die Trennung?
Ich würde sagen, es war ein normales Verlieben und Entlieben. Wir haben uns getrennt, weil es einfach nicht mehr so war, wie ich mir das vorgestellt hatte. Außerdem wollte Henson, dass ich flüchte und zu ihm nach West-Berlin gehe. Dazu war ich aber viel zu ängstlich, und außerdem erschien mir West-Berlin auch wie ein Gefängnis, weil es von der DDR umgrenzt war. Ich bin dann von Ungarn nach Österreich geflüchtet, da waren die Grenzposten ab Mai ja schon gelockert.
 
Aber Henson hat Ihnen trotzdem noch geholfen, in der BRD Fuß zu fassen?
Ja. Ich durfte bei einer Nachbarin seiner Eltern wohnen, und er ist immer ein paar Tage aus Berlin gekommen und hat mir Tipps gegeben und mich bei meinen Erledigungen unterstützt. Das war schon sehr hilfreich.

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