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"Die Wähler sind wählerischer geworden"

Ein Tisch, viele Themen. jetzt.de hat junge Vertreter von Parteien, Kirchen und Organisationen zu einer Gesprächsrunde eingeladen. Die Grundfrage hinter allen anderen: Wie werden wir morgen leben? Zum Auftakt geht es um die Politikverdrossenheit.
mark-heywinkel

Am Tisch sitzen: Timur Husein, Beisitzer im Bundesvorstand der Jungen Union, Kevin Kühnert, Vositzender der Jungsozialisten in Berlin, Lasse Becker, Vorsitzender der Jungen Liberalen, Karl Bär, Bundessprecher der Grünen Jugend, Josephine Michalke, Bundessprecherin der Linksjugend ['solid], Sören Siegismund-Poschmann, Kapitän der Berliner Jungen Piraten, Yvonne Everhartz, Mitglied des Bundesvorstands des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Henriette Labsch, Beisitzerin im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland, Immo Fischer, Pressestelle WWF-Jugend.

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jetzt.de: Es heißt, unter Jugendlichen ließe das politische Engagement nach. Könnt ihr das bestätigen?
Yvonne Everhartz (Bund der Deutschen Katholischen Jugend): Wir waren jetzt gerade wieder Mitherausgeber der neuen Sinus-Jugend-Studie U18, die 14- bis 17-Jährige in den Blick nimmt. Wenn man politisches Engagement als Engagement in den Parteien oder in der organisierten Politik versteht, dann nimmt das natürlich ab. Man kann die Leute fragen: Wie findest du Politik? Dann sagen viele: Scheiße. Wenn man die Jugendlichen aber mal fragt, was sie in ihrer Freizeit machen, dann kommt ganz oft raus, dass sie etwas für eine Gruppe in ihrem Stadtteil machen. Ich glaube, dass sich viele Jugendliche politisch engagieren, das aber selbst niemals so nennen.
 
Woran liegt das?
Lasse Becker (JuLis): Die Kompromissbereitschaft ist vielleicht ein bisschen geringer geworden. Die Leute tun sich schwerer damit zu akzeptieren, dass sie nicht zu 100 Prozent mit der Linie einer Partei übereinstimmen können. Ich persönlich gebe offen zu: Wenn ich mit der FDP 60 Prozent Übereinstimmung habe, dann bin ich schon ganz zufrieden. Um 100 Prozent Übereinstimmung mit einer Partei zu haben, muss man selbst eine Partei gründen und einziges Mitglied bleiben.  
Immo Fischer (WWF Jugend): NGOs haben da einen Vorteil: Wenn ich sage, ich engagiere mich beim WWF, dann ruft das eigentlich immer positive Reaktionen hervor. Eine Umweltorganisation steht ja eher nicht im Verdacht, aus Machtkalkül zu handeln, und man muss sich auch nicht für den letzten Kompromiss rechtfertigen, den man eigentlich selber blöd findet und der bei der Parteiarbeit nicht zu vermeiden ist.
Lasse Becker: Und das ist meiner Meinung nach ein wichtiger Punkt: Man muss die Strukturen so verändern, dass man einen leichteren Einstieg findet. Man muss dieses abschreckende „Oh, jetzt bin ich sofort bei allem dabei.“ vermeiden. Man muss sich punktuell engagieren können.

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Sören Siegismund-Poschmann, Immo Fischer, Henriette Labsch (von links)

Damit umgeht man auch die Dogmen des Dachverbandes. Habt ihr mit diesem Problem zu kämpfen?
Henriette Labsch (Evangelische Jugend): Bei den Kirchen ist das schon ein großes Problem. Wir sind zwei große Jugendverbände, die jugendpolitisch sehr aktiv sind, und kämpfen bei den Jugendlichen oft mit den Vorurteilen, wir hätten keinen Spaß, da wir nur beten, keinen Sex vor der Ehe haben und sowieso keinen Alkohol trinken.
Timur Husein (Junge Union): Das haben wir alles ausreichend, aber da ist trotzdem die CDU mit im Hintergrund.
Henriette Labsch: Aber bei uns sind es die Vorurteile, die die Jugendlichen davon abhalten, einfach mal in die Jugendgruppe in der evangelischen oder katholischen Kirche zu gehen. Pfadfinder kann man da mal ausklammern, denn die gehen ja zelten. Das sind jedenfalls eher die Hemmschwellen. Viel mehr als die Tatsache, dass die katholische Kirche keine Priesterinnen zulässt oder die evangelische Kirche, die ihre Vorsitzende schnell wieder aufgibt, weil sie bei rot über die Ampel gefahren ist. Und bei uns gibt es auch nicht so das Ziel, dass die evangelische Jugend später dann schön ihre Steuern zahlt.
Karl Bär (Grüne Jugend): Wir werden sehr oft mit den Grünen verwechselt und bekommen dann oft für gewisse Dinge auch einen mit auf den Deckel. Wir haben aber auch gar nicht den Anspruch, dass alle Leute zu uns kommen sollen. Es sollen die Leute zu uns, die unsere Ansichten teilen. Dass wir allgemeinpolitisch und parteinah arbeiten, hat aber den Vorteil, dass man bei uns die ganze Palette mitbekommt. Man kann Kommunalpolitik machen. Man kann an Theorie arbeiten, man kann sich für Umweltschutz vor Ort stark machen, all das ist möglich. Allgemeinpolitisches Engagement ist ein Vorteil für Leute, die nicht von einer kleinen, punktuellen Frage angetrieben werden, sondern von etwas größerem, wie beispielsweise einem Freiheitsbegriff.
Kevin Kühnert (JuSos): Genau, viele Leute ziehen NGOs auch vor, weil sie sich eine politische Meinung zu einem Einzelthema zutrauen, aber sie können sich selber kein politisches Weltbild geben.
Josephine Michalke (solid): Was wir beobachten: Es gibt weniger Parteien- oder Vereinsentscheidung aufgrund von Milieuzugehörigkeit. Es ist sehr selten, dass man noch in ein bestimmtes Milieu geboren wird und dann auch automatisch SPD- oder CDU-Mitglied oder was auch immer wird. Heutzutage würden viele Leute sich lieber flexibel ihre politische Vertretung zusammenstellen, die sich zum Beispiel für Umweltschutz einsetzt, die aber auch etwas für Datenfreiheit im Internet macht.
Timur Husein: Weniger als früher, aber immer noch ist das Elternhaus, in das du geboren wirst, eines der entscheidendsten Merkmale. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das muss nicht immer so sein oder bleiben. Mein Vater zum Beispiel war SPD-Mitglied. Mittlerweile habe ich ihn für die CDU werben können. Ohne die immer noch vorhandenen Milieus hätten wir in Bayern oder in Baden-Württemberg nicht die größten Landesverbände. Da sind auch unsere Milieus zuhause. Und ich weiß nicht, wie das bei euch anderen Parteien ist, aber solid wird auch eher in Ostdeutschland besonders stark sein.
Josephine Michalke: Und in NRW.
Timur Husein: Und in NRW, gut, das hat auch spezielle Gründe. Da habt ihr einfach mehr Leute. Die Wähler sind wählerischer geworden, die Jugendlichen auch.
Lasse Becker: Ich glaube, das Hoch bei der Jungen Union in Bayern und Baden-Württemberg oder bei solid in Ostdeutschland liegt nicht daran, dass es dort das Milieu gibt, das irgendwie besonders konservativ oder besonders links ist, sondern dass man von einem gewissen Niveaueffekt profitiert. Wenn man schon viele da hat und die Schulhof-CD eben von solid verteilt wird, dann setzt sich das fort.

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Timur Husein, Lasse Becker (von links)

Trotzdem sollen die Jugendlichen aber doch in den jungen Ablegern auch immer noch auf Parteilinie gebracht werden, oder?
Timur Husein: Machen wir uns nichts vor, eines der wichtigsten Ziele von politischen Jugendorganisationen ist, dass die Jugendlichen dann in unserem Fall irgendwann CDU/CSU-Mitglieder werden und CDU oder CSU wählen. Man verändert ja auch nur etwas in den Parlamenten und den Räten. Und da kann man nicht die Junge Union wählen, sondern da wählt man eben CDU/CSU oder andere Parteien.
Karl Bär: Für mich ist das Wichtigste bei der Grünen Jugend, dass wir die Jugendlichen bestärken. Es ist mir egal, ob die Leute danach im Parlament hocken oder später im BUND-Büro in Brüssel mit 30 anderen sitzen und gegen Lobbyismus vorgehen. Die Bestärkung der Leute ist für mich wesentlich zentraler als die Frage, ob wir die irgendwie in die Partei reinkriegen.
Immo Fischer: Was verstehst du denn darunter, wenn du sagst, du möchtest die Leute bestärken?
Karl Bär: Dass unser Freund von den Piraten hier beispielsweise so wenig redet. Das wäre etwas, was nach vier oder fünf Jahren in unserem Verband nicht mehr passieren würde.
Josephine Michalke: Meine perfekte Vorstellung einer Gesellschaft ist jetzt nicht unbedingt der Parlamentarismus, deswegen geht es mir nicht nur darum, dass die Leute Die Linke wählen. Sie können auch gerne andere linke Parteien wählen. Mir geht es um eine Linke als Bewegung. Darum, dass die Menschen, die sich bei uns engagieren oder sich für unsere Positionen interessieren, sich der Linken irgendwie verbunden fühlen. Die Partei ist ja kein Selbstzweck. Ich finde, unsere größte Aufgabe ist, uns selbst überflüssig zu machen.

Diese Debatte ist Start einer vierteiligen Gesprächsreihe, die in den kommenden Wochen auf jetzt.de fortgeführt wird. Nächste Woche: Was genau ist Liquid Democracy und wollen wir sie wirklich?



Text: mark-heywinkel - und Carsten Schrader; Fotos: Elena Wagner

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