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Wie es ist, mit einer ADHS-kranken Mutter aufzuwachsen

Wenn Mama ein großes Kind ist.
Aus der jetzt-Redaktion*
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    Illustration: Daniela Rudolf

Würde meine Mutter diesen Text lesen, würde sie wahrscheinlich weinen. Vielleicht würde sie mich anschreien und mir vorwerfen, dass ich lüge. Oder beides tun: schreien und weinen. Wir würden vielleicht wochenlang nicht miteinander sprechen. Vielleicht wäre sie aber auch gar nicht böse auf mich, sondern würde sich sogar bei mir entschuldigen. Die Wahrheit ist: Ich weiß nicht, wie sie auf diesen Text reagieren würde, denn ich weiß eigentlich nie, wie meine Mutter reagieren wird.

Meine Mutter ist anders als die meisten Mütter. Meine Schulfreunde sagten immer wieder, sie sei lustig oder cool. Ich konnte das nie verstehen. Ich stand oft verloren an Bushaltestellen, weil sie vergessen hatte, mich abzuholen, und wenn wir zusammen unterwegs waren, schämte ich mich für sie. Ich wünschte mir eine „normale“ Mutter. Die Mamas der anderen waren doch auch nett und vernünftig. Sie packten ihren Kindern ein Pausenbrot ein, streichelten ihnen liebevoll den Kopf und verbrachten Zeit mit ihnen. Bei mir war das nie so. Und ich wusste nicht, warum. Bis meine Mutter mir vor drei Jahren beiläufig von ihrer ADHS-Diagnose erzählte.

 

Wenn man ADHS hört, denkt man sofort an zappelige Kinder. Laut Bundesgesundheitsministerium leiden in Deutschland etwa zwei bis sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen an der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Der Selbsthilfe-Verein ADHS Deutschland e.V. zitiert auf seiner Webseite eine Studie, nach der die Störung bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen auch im Erwachsenenalter weiter besteht.

Über ADHS bei Erwachsenen wird aber kaum gesprochen. Vielleicht, weil wenig darüber bekannt ist. Vielleicht auch, weil die Krankheit umstritten ist. Kritiker sagen, es handle sich um eine Modekrankheit, die zu oft und zu schnell diagnostiziert werde. Manche Ärzte zweifeln sogar daran, ob es ADHS überhaupt gibt. Symptome wie etwa Unaufmerksamkeit, Überaktivität und Impulsivität treffen schließlich auch auf andere psychische Erkrankungen zu. Manchmal werden auch Hochbegabte für ADHSler gehalten. Ob es ADHS wirklich gibt oder nicht und ob es bei meiner Mutter richtig diagnostiziert wurde, kann ich nicht beurteilen. Die Symptome decken sich jedenfalls mit ihren.

 

Meine Mutter sagt Dinge, die manche vielleicht denken – aber niemals aussprechen würden

 

Meine Mutter ist ein lauter Mensch, der Blicke auf sich zieht. Sie ist voller Energie und immer in Bewegung. Sie sagt Dinge, die sich manche vielleicht denken, aber niemals aussprechen würden, sie redet viel und oft unzusammenhängend. Emotionen sprudeln ungefiltert aus ihr raus. Sie streitet wegen Kleinigkeiten mit Fremden oder flirtet ungehemmt mit Kellnern. Mit dem Zuhören hat sie Probleme. „Du hörst mir gar nicht zu“, das habe ich schon unzählige Male zu ihr gesagt. Wenn ich ihr etwas erzähle, unterbricht sie mich oder packt ihr Handy aus und schreibt Nachrichten oder macht Fotos. Sie ist auch ziemlich chaotisch: Ständig glaubt sie, ihr Handy oder ihren Geldbeutel verloren zu haben und gerät in Panik. Meist finden wir dann beides in ihrer Handtasche. Neulich musste ich sie daran erinnern, mir mein versprochenes Geburtstagsgeschenk zu geben.

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Zu den Symptomen von ADHS zählen neben Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit auch Sprunghaftigkeit und Reizbarkeit. Meine Mutter ist launisch und unberechenbar. Sie sagt regelmäßig und kurzfristig Treffen ab – ihr sei etwas dazwischengekommen. Aus Erfahrung weiß ich, dass sie dann einfach keine Lust hat, jemanden zu sehen. Auch Wutausbrüche sind keine Seltenheit. Ein paar mal schmiss sie sogar mit Gegenständen um sich. Als ich meinen Führerschein machte, weigerte ich mich nach ein paar Versuchen, mit ihr Auto zu fahren, weil sie anfing herumzubrüllen, wenn ich zu langsam fuhr oder mir an einer Kreuzung der Motor abstarb. In meiner Kindheit war ich oft angespannt. Auch heute bin ich es manchmal noch, wenn ich sie sehe. Ich habe dann das Gefühl, mir keine Fehler erlauben zu dürfen, weil es sonst wieder Krach gibt. Ihre extrovertierte Art gleiche ich mit scheinbarer Ruhe aus, tief drinnen koche ich aber meist vor Wut.

 

Während manche Eltern sich um ihre zappeligen, hyperaktiven Kinder kümmern müssen, war es bei uns umgekehrt: Ich musste immer Rücksicht auf meine Mutter nehmen.

 

Menschen mit ADHS wirken oft unsensibel und egoistisch. Auch ich hielt meine Mutter lange für einen unsensiblen Trampel. Aber das stimmt nicht unbedingt. Sie ist vielleicht sogar sensibler als andere. Sie hat nur Probleme, sich in sie hineinzuversetzen, behandelt sie schlecht und merkt es gar nicht. Wenn man ihr das vorwirft, findet sie das ungerecht. Oft reicht eine kleine Kritik aus, um sie zum Weinen zu bringen oder sie wütend zu machen. Dann legt sie das Telefon auf oder haut während eines Streits einfach ab. Während manche Eltern sich um ihre zappeligen, hyperaktiven Kinder kümmern müssen, war es bei uns umgekehrt: Ich musste immer Rücksicht auf meine Mutter nehmen.

 

Im Grunde ist sie wie ein großes Kind. Es fällt ihr schwer, sich an gesellschaftliche Normen zu halten. Ihre Mutterrolle überforderte sie. Kinder von Erwachsenen mit ADHS leiden oft ebenfalls an der Störung, ich zum Glück nicht. Manchmal denke ich aber, es wäre einfacher mit ihr gewesen, wenn wir uns ähnlicher wären. Ich bin so ziemlich das Gegenteil von ihr: ruhig und zurückhaltend, Harmonie und Stabilität sind mir wichtig, lauten Konflikten gehe ich aus dem Weg. Ich stehe ungern im Mittelpunkt. Während meine Mutter meist bunt zusammengewürfelte und ausgefallene Kleidung bevorzugt, trage ich am liebsten schwarz.

 

Obwohl ich mir noch immer eine „normale Mutter“ wünsche, habe ich eingesehen, dass sie sich nicht ändern kann und wird

 

Lange fiel es mir schwer zu glauben, dass meine Mutter krank ist. Weil es bedeutet, dass sie für manche Dinge, die sie macht, nichts kann, und man sie dafür nicht zur Verantwortung ziehen kann. Das zu akzeptieren ist verdammt hart, wenn man so wütend auf jemanden ist, weil er einen oft verletzt hat. Obwohl ich mir noch immer eine „normale Mutter“ wünsche, habe ich nach jahrelangen Konflikten eingesehen, dass sie sich nicht ändern kann und wird. Sie lebt in einer anderen Welt, in der die Dinge eben anders aussehen. Dafür habe ich eine Mutter die lustiger, lockerer und intelligenter ist als die meisten anderen.

 

Vor ein paar Jahren noch hätte ich diesen Text nicht geschrieben – ich hätte die Gefühle meiner Mutter wichtiger genommen als meine eigenen. In den letzten Jahren habe ich aber gelernt, auch meine Gefühle ernst zu nehmen. Denn Kinder mit kranken Eltern haben zwar früh gelernt, für andere da zu sein, aber nicht für sich selbst. Wenn ich einmal Kinder habe, will ich ihnen das beibringen. Sie sollen einen solchen Text schreiben können, ohne zu zögern und ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen.

 

*Um ihre Identität und die ihrer Mutter zu schützen, möchte die Autorin dieses Textes nicht namentlich genannt werden.

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