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Ein paar Quadratmeter Beklommenheit

An den meisten Orten des Konsums bewegt man sich ganz selbstverständlich. Nur in der Boutique, da ist alles ein bisschen anders, schreibt unsere Autorin. Ein paar Gedanken zum seltsam unsicheren Gesamtgefühl in Modeläden.
mercedes-lauenstein

Eigentlich geht man ja ständig in fremde Räume, in denen man sich benehmen muss: in Cafés, Bäckereien, Arztpraxen. Selten aber fühlt man sich dabei so unwohl wie beim Betreten einer Boutique. Es beginnt meist mit dem Gefühl, schon die Tür irgendwie falsch geöffnet zu haben oder unter seinen Schuhen irgendetwas über die Schwelle des Ladens getragen zu haben, was da nicht hingehört. Hundekacke oder einen Haufen Laub zum Beispiel. Angesichts des sauberen Parketts und der arrangierten Schönheit auf Bügeln, Tischchen, Regalen und Vitrinen fühlt man sich immer irgendwie schmuddeliger als das, was einen erwartet. Und es stimmt ja auch ein bisschen. So wohltemperiert und gebürstet wie die feilgebotene Ware ist man nie. Die eigene, flusen- und krümelbehängte Jacke strahlt zuviel Draußen ab; die feuchte Kälte, die einem in anderen Räumen gar nicht auffallen würde, steigt einem hier plötzlich unangemessen um die Ohren. Statt zu einem Gruß fühlt man sich jetzt vielmehr der Frage verpflichtet, ob man stört, oder ob es okay war, dass man einfach reingekommen ist. 

  In einer Boutique braucht man sofort eine beschäftigt wirkende Pose, weil sonst die Stille zu groß wird. Meist ist es recht leer auf den paar Quadratmetern Ausstellungsfläche und die Scheinwerfer liegen von Beginn an auf einem selbst. Man fühlt sich, als habe man nach einer Sonderbehandlung gefragt, die jetzt schon allein der Fairness halber einen Kauf bedingt. In Cafés, Bäckereien oder Arztpraxen geht man nur, wenn man weiß, dass man etwas kaufen will. Man gerät gar nicht erst in die Bredouille, jemandes Service umsonst in Anspruch genommen zu haben. Und in großen Kaufhäusern ist die Sache mit der Kaufschuld gar kein Thema, denn dort hinein wird man ohnehin nur als Teil der grauen Masse gespült und als kaum sichtbarer Punkt auf dem Gesamtradar wieder herausgeschwemmt. Durch eine Boutique zu gehen, vielleicht sogar etwas anzuprobieren und sich ein wenig beraten zu lassen, dann aber wieder kauflos zu gehen – das fühlt sich so an, als tauche man ohne Geschenk auf einem Geburtstag auf, stürze drei Bier hinunter und haue wieder ab.

 Kaum ist man im Laden, heftet man sich an die erste Kleiderstange – und zwar nicht gleich an die Sale-Stange, auch wenn deren große Ankündigung an der Schaufensterscheibe einen ursprünglich hineingelockt hatte. Man will ja nie aussehen wie jemand, dessen einziges Kaufkriterium das Schnäppchen ist und der sich morgens bereits mit einem großen Edding in den Sonderangebotsfaltblättern all die Dinge markiert, die er jetzt an bestimmten Orten besonders billig kriegen kann. An der Stange muss man dann erst mal kurz zu sich kommen:
  Warum sind meine Schritte eigentlich so laut auf dem Holzfußboden?
  Ich muss leiser atmen!
  Werde ich beobachtet?
  Tropfe ich?
  Ist hier irgendwo ein Spiegel?
  Wie sehe ich überhaupt aus?

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Beim Ablaufen der Kleiderbügel ist auch das richtige Tempo wichtig, eine Mischung aus Zielstrebigkeit und Schlendrigkeit muss es sein, um die wenigen Quadratmeter des Ladens nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam aufzubrauchen. Nie will man aussehen, als müsse man „Kann ich dir vielleicht helfen?“ gefragt werden. (Eine Frage, die meist so klingt, als habe man sich geschnitten und brauche nun dringend Hilfe, oder als stünde man bereits seit Minuten verloren und mit großen Augen in der Mitte des Raumes und wisse plötzlich nicht mehr, wo man hergekommen ist.)

Überhaupt ist die Begegnung mit der Boutiquefrau oder dem Boutiquejungen ein bisschen angsteinflößend. Die Verkäufer sehen immer sauberer und wohlgekleideter aus, als man selbst sich in dem Moment fühlt. Ihre Glattheit wirkt fast unwirklich, als seien sie Schaufensterpuppen, die abends nach Ladenschluss wieder ihre Pose in der Auslage einnehmen. Sie sind die Löwen der Höhle und schaffen es selten, eine lockere, menschenfreundliche Atmosphäre zu verbreiten. Meistens bleiben sie einfach hinter ihren Laptops am Verkaufstresen sitzen und blicken schon beim ihnen geltenden „Hallo“ so kurz und irritiert auf, als störe man sie gerade dabei, die nächste Winterkollektion für Céline zu entwerfen. Sie sprechen nur mit einem, wenn es ihnen die Möglichkeit bietet, einem klar zu machen, dass man ziemlich wenig von Mode versteht. Etwa, wenn man von einer bestimmten Marke noch nichts gehört hat oder bei diesem einen Paar Schuhe nach Größe 39 fragt, wo man doch wissen müsste, dass es von Anfang an ausschließlich in Größe 37 verfügbar war, weil es das Konzept der Sonderedition ist. Eigentlich sind sie wie Reitlehrerinnen, bei denen man sich immer sicher sein kann, dass sie im Zweifel für das Pferd argumentieren. Wenn es einen abgeworfen und den Oberschenkelknochen zertrümmert hat, trösten die Reitlehrerinnen zuerst das erschrockene Pferd. Wenn einem in der Boutique etwas vom Bügel rutscht oder einem der Schuh nicht passt, dann ist nicht das Teil zu leicht oder der Schuh zu klein, sondern man selbst eben der falsche Mensch für dieses fantastische Kunstwerk. 

Unangenehm wird die Begegnung mit den Verkäufern vor allem dann, wenn man irgendwann an ihrem Verkaufstresen angelangt ist, der oft zugleich eine Schmuckvitrine ist. Dort steht man dann in zehn Zentimeter Entfernung vor der Boutiquefrau oder dem Boutiquemann, atmet sich beinahe schon gegenseitig an, möchte aber eigentlich nur den Ring sehen, der da direkt unter dem abgelegten iPhone im Schaukasten zu sehen ist. Auf dem Display des Telefons findet gerade eine WhatsApp-Konversation statt und weil man noch nicht gefragt hat, sieht es die ersten Sekunden so aus, als würde man ihre privaten Nachrichten lesen wollen.

  „Kann ich dir helfen?“
  „Ich würde gerne den Ring angucken.“
  „Achso.“

 Kein Lächeln. Auf dem Ring steht 180 Euro und man wird ihn nicht kaufen, sondern ihn aus Pflichtgefühl etwas zu lange drehen und wenden, so wie man unter Verkäuferbeobachtung überhaupt immer alle Teile mit einer nur halbehrlichen Kaufintention betrachtet.Dann gibt man ihn zurück, gräbt in seinem Kopf nach entschuldigenden Sätzen, die gleichzeitig den Gang zur Tür einleiten, und murmelt dann so etwas wie: „Ja, also danke dann, ich überlege es mir noch mal“ oder „Ich komme dann später noch mal vorbei“. Was alles irgendwie gelogen ist.

Draussen wirkt die feuchte, kalte Luft dann sehr erleichternd und endlich ist man wieder bei sich. Bis drei Schritte weiter eine Boutique auftaucht, die aussieht, als könnte sie ein paar interessante Jungdesigner vertreiben. Mit einem Fuß im Laden stellt man fest, dass man irrte. Die Regale voller Strass-Stein-T-Shirts und mit Blumenmuster bestickten Acid-Jeans. Aber schon liegt das Scheinwerferlicht wieder auf einem und hier wäre die desinteressierte Verkäuferin jetzt mal hilfreich, dann könnte man einfach wieder abhauen. Stattdessen aber eilt eine hoffnungsvoll lächelnde kleine Dame auf einen zu, die schon einen blumigen Zweiteiler in der Hand hält: „Das wäre doch was für Sie!“ Jetzt wieder rückwärts rauszustolpern wäre ein Hieb in ihr Gesicht. Die Höflichkeitsrunde, die man dann dreht, ist viel zu schnell und flüchtig, um der Dame ernsthaft Interesse vorzuheucheln. Wieder auf der Straße tut es einem leid. Vielleicht, denkt man, macht man doch wieder mehr Onlineshopping.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: Alexandra Falken / photocase.com

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