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Eine Flucht und ihre Folgen

Angesichts der Flüchtlingsströme aus Libyen: Ein Gespräch mit Anni Kammerlander, die in München jugendliche Flüchtlinge psychologisch betreut.
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Anni Kammerlander ist Geschäftsführerin von Refugio. Die Organisation unterstützt Menschen, die aufgrund von Folter, politischer Verfolgung oder kriegerischen Konflikten ihr Herkunftsland verlassen mussten und in München im Exil leben. Bei Refugio erhalten die Flüchtlinge psychologische Betreuung. In den letzten Jahren kommen vermehrt Jugendliche, die alleine nach Deutschland geflohen sind.
 
Was für Jugendliche kommen zu Ihnen?
Das sind Leute, die entweder durch ihr Leben in den Herkunftsländern oder durch ihre Flucht oder durch beides traumatisiert sind. Wir bieten ihnen hier eine psychologische Betreuung und wenn nötig eine Therapie an. Wir haben 1994 mit unserer Arbeit angefangen, zunächst haben wir uns nur um Erwachsene gekümmert. Aber wir haben relativ schnell festgestellt, dass der Bedarf von Jugendlichen ebenfalls sehr groß ist.
 
Woher kommt das?
Die Zahl der unbegleiteten Flüchtlinge, also Minderjährige, die ohne ihre Eltern nach Deutschland kommen, ist in den letzten beiden Jahren stark gestiegen. Früher hatten wir so um die zehn Jugendliche in Einzeltherapie, jetzt sind es über 60.

Aus welchen Ländern kommen die Flüchtlinge?
Aus den Krisenländern Somalia, Irak, Afghanistan, Nigeria, Sierra Leone.

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Momentan sieht man in den Nachrichten Bilder von tausenden Menschen, die mit kleinen Booten auf die italienische Insel Lampedusa kommen. Haben Sie hier in München schon einen Anstieg der Flüchtlingszahlen registriert?
Momentan sitzen die meisten Flüchtlinge auf Lampedusa und damit in Italien regelrecht fest. Gerade berät die Politik noch darüber, inwiefern die Länder der Europäischen Union Italien bei der Aufnahme der vielen Flüchtlinge helfen wird.
 
In wieweit ist denn eine solche Flucht schon traumatisierend?
Die Geschichten sind schon heavy. Flüchtlinge aus Afrika sind ja meist über Libyen nach Europa gekommen. Das ist eine lange und beschwerliche Reise. Viele Schlepper bedrohen die Flüchtlinge mit dem Tod, wenn sie nicht mehr Geld bezahlen. Einer erzählte, wie er gezwungen wurde, einen Toten über Bord zu werfen, der während der Überfahrt gestorben ist. Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak stranden meist in Griechenland. Die Zustände dort sind katastrophal. Es gibt kaum Unterkünfte, die schlafen unter freiem Himmel. Wir wissen von Jugendlichen, die, als sie hörten, sie müssten nach Griechenland zurück, einen Selbstmordversuch unternahmen. Andere haben natürlich schon vorher  genug schlimme Dinge erlebt: Folter, Tod von Familie oder engen Verwandten, Krieg.
 
Sie sind also doppelt belastet...
Es geht ja noch weiter. Wenn sie hier ankommen, denken sie, sie sind in Sicherheit. Bis sie merken, dass durch das Asylverfahren neuer Stress auf sie zukommt.

Gibt es in den Kulturen, aus denen die Flüchtlinge kommen, nicht eine große Hemmschwelle, sich psychologisch behandeln zu lassen?
Ja, viele lehnen es ab, über ihre Gefühle zu sprechen. Sie können das nicht, haben es nie getan. Die Traumata dieser Jugendlichen machen sich durch andere Verhaltensweisen bemerkbar. Durch Symptome wie: Alpträume, Panikattacken, Aggression. Einen Kindersoldat aus Sierra Leone zum Beispiel erinnert  jedes laute Geräusch sofort an eine Kriegssituation.
 
Wie kommen die Leute zu ihnen?
Sie werden von anderen Ämtern und Stellen an uns vermittelt. Wir unterhalten uns dann erstmal mit dem Jugendlichen und überlegen uns, ob es Sinn macht, ihn als Klienten anzunehmen. Sie bleiben oft zwischen einem und drei Jahren.
 
Wie sind die Heilungschancen?
Das hängt von vielen Faktoren ab. Die Leute stecken ja auch ohne ihre psychische Erkrankung in großen Schwierigkeiten. Ein 14-jähriger Afghane, der zur Schule gehen kann, ein Ziel vor Augen hat und dessen Tag strukturiert ist, hat bessere Aussichten als ein 17-jähriger Kindersoldat aus Sierra Leone, der in einem Flüchtlingsheim um seine Abschiebung mit 18 bangen muss. Wer nur einen Duldungsstatus hat, darf weder eine Ausbildung machen noch arbeiten. Die hängen dann im Heim herum. Unter solchen Bedingungen bekommt quasi jeder psychische Probleme.

Wie hoch ist der Prozentsatz von jugendlichen Flüchtlingen mit psychischen Problemen?
Letztes Jahr waren von 59 Jugendlichen in einer Erstaufnahmeeinrichtung drei ohne psychische Auffälligkeiten.
 
Sind auch Mädchen darunter?
Ja, aber 95 Prozent der unbegleiteten Flüchtlinge sind Jungs. Die Flucht ist zum einen körperlich sehr anstrengend. Zum andern schicken manche Familien einen Sohn nach Europa in dem Glauben, er könne dort Geld verdienen und sie unterstützen. Die Jugendlichen leiden sowohl unter der Trennung von ihren Eltern als auch unter dem Druck, ihre Familie nicht zu enttäuschen.
 
Was müsste sich Ihrer Meinung nach von Seiten der Politik ändern?
Deutschland hat jetzt seit kurzem die Kinderrechtskonvention anerkannt. Das ist ein guter Schritt. Vorher galten alle Kinderschutzrechte nicht für Flüchtlinge. Jetzt ist die Frage, ob und wie das umgesetzt wird. Das Asylrecht ist sehr streng.

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