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"Erzählen bedeutet, Dinge in den Griff zu bekommen"

Eine Liebesgeschichte in zehn Versionen - das ist Katharina Hartwells Debütroman. Ein Gespräch über Ängste, Arbeitstrott und Nerd-Foren
nadja-schlueter

Mehr als zwei Jahre hat Katharina Hartwell, 29, an ihrem ersten Roman gearbeitet. Er ist fast 600 Seiten dick und erzählt die Geschichte eines Paares in zehn verschiedenen Versionen. Die Autorin spielt darin mit den unterschiedlichsten Genres, vom historischen Roman bis zu Science Fiction und Märchen.
   
jetzt.de: Katharina, deine Ich-Erzählerin erzählt, um sich und ihren Freund Jan zu retten. Ist Geschichtenerzählen wirklich eine Möglichkeit, jemanden zu retten?
Katharina Hartwell: Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Menschen müssen erzählen, was ihnen widerfahren ist. Wir packen immer alles in Erzählstrukturen, um es in Beziehung zu uns zu setzen und um nicht daran zu verzweifeln. Erzählen bedeutet, Dinge in den Griff zu bekommen. Es ist gefährlich für uns, wenn Dinge so furchtbar sind, dass wir verstummen.
 
In deinem Roman wird die gleiche Geschichte immer wieder erzählt.
Ja, wenn einem etwas Schreckliches widerfährt, muss man es wieder und wieder erzählen, vielleicht auch immer mit einem anderen Fokus, und irgendwann versteht man, was es mit einem gemacht hat. Marie muss die Situation, in der sie ist, immer wieder erzählen. Erst ganz zum Schluss nähert sie sich dem tatsächlichen Geschehen an.
 
Hattest du von Anfang an einen Roman im Kopf, der aus zehn Geschichten besteht?
Erst gab es das abstrakte Konstrukt. Ich wusste, ich wollte mehrere Geschichten verknüpfen und mit Genre und unterschiedlichen Settings arbeiten. Ich habe relativ schnell einen ersten Entwurf geschrieben, aber der war eher wie eine Mindmap, damit ich ungefähr wusste, wo es hingeht. Ich habe später viele Geschichten ausgetauscht und Stränge und Motive, die verwoben sind, erst nachträglich eingearbeitet. Ich habe auch viel mehr Geschichten geschrieben, als letztendlich im Buch sind.

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Mehr als zwei Jahre hat Katharina Hartwell an ihrem Debütroman gearbeitet.
 
Hing deine Wand dann voller Strukturpläne?
Tatsächlich, ja! Für die Konzeptionsarbeit braucht man etwas Visuelles. Ich hatte Diagramme und Zeichnungen und habe alles in einem großen Kreis angeordnet, damit ich den Verlauf der Geschichten sehen und die Verbindungen einzeichnen konnte.
 
Den Geschichten ist immer ein Zitat oder Bild vorangestellt. Haben die dich inspiriert oder hast du sie nachträglich ausgesucht?
Unterschiedlich. Bei manchen Geschichten war erst das Bild da, bei anderen waren Zitate und Bilder da, die aber aus irgendwelchen Gründen doch nicht so gut funktionierten. Dann musste ich nach was Besserem suchen. Manchmal wanderte die Geschichte auch woanders hin, als das Zitat es suggeriert hätte. Dann habe ich natürlich nicht die Geschichte im Zaum gehalten und gezwungen, dem Zitat zu folgen, sondern habe ein anderes Zitat gesucht.
 
Wo hast du gesucht?
Hauptsächlich im Internet. Ich habe mich zum Beispiel viel in Nerd-Foren rumgetrieben, in denen es um Quantenphysik ging, sogar mit Quantenphysikwitzen! Es gibt zum Beispiel auch ein Buch, wie man Quantenphysik seinem Hund erklären kann. . .
 
In den Geschichten kommt viel Übersinnliches vor: Geisterfotografie, Fabelwesen, Horrorgestalten. Hast du eine Vorliebe für magische Motive und Figuren?
Ja, sehr. Genreliteratur ist in Deutschland immer so ein bisschen verpönt, aber ich mag es sehr gerne und habe immer viel Science Fiction und Fantasy gelesen. Gleichzeitig habe ich mich in meinem Studium viel mit kulturwissenschaftlichen Herangehensweisen an solche Dinge wie Geisterfotografien Ende des 19. Jahrhunderts oder Konzeptionen der Seele beschäftigt.
 
Die lustigste Geschichte im Buch ist eine Art Märchen. Eignet sich diese Form besonders gut zum Parodieren?
Ich wollte auf jeden Fall eine lustige Geschichte im Buch haben, weil das ein großer Bestandteil meines Tons und meines Erzählens ist, der in diesem Projekt aber nicht besonders viel Platz einnehmen konnte. Es war relativ schwer, einen Ton zu finden, der zeigt, dass ich Märchen oder Science Fiction als Erzählform ernst nehme, und durch den ich gleichzeitig einen kunstvolleren Umgang damit finde oder eine zeitgemäßere Version davon schaffe. Das hat sich in den Geschichten unterschiedlich niedergeschlagen. Im Märchen war es eben das Humorvolle.
 
Im Buch geht es sehr viel um Angst. Die Liebe der Protagonisten wirkt dadurch fast anstrengend und fordert die beiden sehr. Ist Liebe Angst haben?
Ja, für mich macht das alle Beziehungen aus, nicht nur eine zwischen Liebenden. Für mich sind das zwei Seiten einer Medaille: Je näher ich jemandem stehe, umso mehr fürchte ich mich.


Du bist bisher einen ziemlich professionellen Nachwuchsautorinnen-Weg gegangen: Studium am DLL, dem Literaturinstitut in Leipzig, Teilnahme an bekannten Wettbewerben, ein erster Erzählband. War es dir wichtig, während deiner Arbeit immer wieder Öffentlichkeit, Kritik und Anerkennung zu bekommen?
Mir war das schon wichtig, weil man ja erstmal jahrelang vor sich hin arbeitet. Mit 18 fing es an, dass ich meine Sachen rausschicken wollte. Der Erzählband ist erschienen, als ich 26 oder 27 war. Wenn ich in der Zwischenzeit an keinen Wettbewerben teilgenommen, mich nicht beworben und keinerlei Rückmeldung gekriegt hätte, wäre mir das zu unheimlich gewesen.
 
Am DLL hast du den Master gemacht und in diesem Rahmen an deinem Roman gearbeitet. Hat dir das Studium geholfen?
Es ist nicht das gewesen, was ich gesucht habe. Für viele ist es sicher gut, in einer Gruppe zu arbeiten und betreut zu werden, aber ich hatte eher das Gefühl, enorm gegen einen Widerstand arbeiten zu müssen und mit meinem Text ganz weit weg von den anderen zu stehen.
 
Wird am DLL sehr hart mit den Texten ins Gericht gegangen?
Ich habe das so empfunden, ja. Ich wünschte mir einen sanfteren Umgang mit Texten, während viele Teilnehmer das explizit nicht wollten. Ich glaube, dass diese Härte etwas Zartes im Text kaputt machen kann. Mir reicht darum ein relativ mildes Feedback, das aber durchaus kritisch sein kann.
 
Was würdest du Autoren empfehlen, die an ihrem ersten Romanprojekt arbeiten?
Man kann nicht zweieinhalb Jahre auf einer Inspirationswelle reiten und in Glückseligkeit vor sich hin schreiben. Ich persönlich glaube an Arbeitsstrategien und brauche einen bestimmen Trott. Ich finde es super, sich eine Arbeitsroutine zurecht zu legen und jeden Tag in die Bibliothek zu gehen. Ich arbeite viel mit unterschiedlichen Überarbeitungsphasen, mache Ausdrucke und handschriftliche Korrekturen und tippe die dann ab, ganze Versionen fertige ich handschriftlich an. Ich finde das wichtig, um überhaupt voranzukommen.

Katharina Hartwell: „Das fremde Meer“, Berlin Verlag, Juli 2013

Text: nadja-schlueter - Foto: Tobias Bohm

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