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„Für’s Scheitern gibt es nur wenig Raum“

Psychologin Petra Holler hört die Sorgen Münchener Studenten – sie sieht verwundert auf eine neue Generation von Leidenden
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Wenn Münchener Studenten Prüfungsangst oder persönliche Krisen plagen, hilft das Studentenwerk: Ein Team aus Psychologen arbeitet in der Beratungsstelle im Olympischen Dorf verzwickte Probleme auf. Gerade finden immer mehr Studierende den Weg in die Büros am Helene-Mayer-Ring 9. Diplom-Psychologin Petra Holler leitet die Münchner Beratungsstelle. Im Gespräch erklärt sie die Gründe für den Zuspruch und sagt, warum sich die Studenten der Nullerjahre so sehr von ihren Vorgängern unterscheiden.

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jetzt.de: Im Herbst kommt die Reform des Studiums, der sogenannte Bologna-Prozess zu einem Ende. Auch in den Geisteswissenschaften der LMU wird dann der Bachelorabschluss eingeführt. Ist Ihnen mulmig zumute? Petra Holler: Nein. Ich bin eher gespannt, wie sich das auf unsere Klientel niederschlagen wird. Kommen denn viele Studierende aus den Geisteswissenschaften zu Ihnen? Der größte Prozentsatz kommt aus technischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Haben Sie dafür eine Erklärung? Wir glauben, das hat mit der Umstrukturierung des Studiums zu tun. Zumindest ist der Schluss naheliegend, weil in diesen Fächern schon umgestellt wurde. Im vergangenen Jahr hatten wir 850 Studenten bei uns – 20 Prozent mehr als im Jahr davor. Ist den Leuten bewusst, dass sie vielleicht „Opfer“ der Studienreform und damit der Straffung und Verschulung des Studiums sind? Die kennen ja die Zustände vorher nicht. Das ist eher unsere Vermutung. In der alten Studienform durfte oder musste man meist seinen Stundenplan selbst basteln. Man musste immer wieder sein Studienziel hinterfragen. Mühsam war das ja schon. Wenn man was hinterfragt, muss man auch innere Zweifel aushalten. Wer sich dagegen anpasst und immer zur Leistung bereit ist, hat es im neuen System wohl leichter. (überlegt) Aber das Menschenbild dahinter ist schlimm. Inwiefern? Für mich gehören Fehler zur Persönlichkeitsentwicklung im Studium. Scheitern, etwas Abbrechen, Umwege gehen. Das gehört zum Erwachsenwerden, aber dafür gibt es wenig bis gar keinen Raum. Es ist ja in Ordnung, wirtschaftliche Aspekte und Notwendigkeiten zu berücksichtigen. Daraus darf nur keine Schieflage entstehen, bei der die Persönlichkeitsbildung leidet. Jeder Fachbereich bietet jetzt zum Beispiel Seminare zu „Soft Skills“ an, um das wieder aufzufangen. Das hat etwas sehr Funktionalistisches. Sie meinen Fächer wie Rhetorik oder Philosophie, die als Wahlfach angeboten werden und für die es auch Bewertungen gibt? Genau. Bergen diese Kurse denn wirklich das Potential für strukturelle Veränderungen? Oder macht man die, um die Anpassungsleistung noch zu verstärken? Was meinen Sie mit funktionalistisch und strukturell? Das eine ist Coaching und zielt darauf ab, die Leistungsfähigkeit zu erhöhen – also funktionaler zu werden. Dabei lernt der Student aber nicht die Angsttoleranz, die er zum Beispiel braucht, um bestehende Strukturen zu hinterfragen; um sich zu wehren, sich mit unangenehmen Realitäten zu konfrontieren und dann vielleicht einen Richtungswechsel vorzunehmen. Werden die Studenten also feiger? Das ist eine kühne Schlussfolgerung. Mir geht es nur um diese Schieflage: Gibt es für das, was es zum Menschwerden braucht auch Räume? Wo haben Sie studiert? An der LMU, vor knapp 20 Jahren. Erinnern Sie sich an Erlebnisse, die Sie zu dem gemacht haben, was Sie heute sind? Das Studium selbst. Ich hatte vorher eine Ausbildung zur Dolmetscherin und Übersetzerin gemacht. Das war ein Handwerk und das war prima, hat mir aber nicht gereicht. Ich habe das Studieren als extreme Bereicherung erlebt. Seminare wählen, Nebenfächer wählen, sich zu seinen Interessen ziehen lassen, zur Philosophie zum Beispiel. An der Uni habe ich das Denken gelernt. Wie lange haben Sie gebraucht? Fast sieben Jahre. Ich habe aber viel gejobbt nebenbei.


Angeblich geht das mit den neuen Studiengängen kaum mehr. Die Auslastung ist extrem. Es gibt die Präsenzpflicht, sehr häufig müssen nach den Vorlesungen Protokolle gefertigt werden – das geschieht am Abend. Am Wochenende gibt es dann Blockseminare. Dann müssen noch Prüfungen geschrieben werden, die vom ersten Semester an in die Endnote fließen. Man darf sich keinen Ausrutscher erlauben. Es ist völlig illusorisch, anzunehmen, dass so jemand noch Jobben kann. Aber wie geht es dennoch? Eltern. Bafög. Lebenshaltungskosten niedrig halten. Studienabschlusskredit vom Studentenwerk. So etwa. Geht es den Studierenden schlechter als Ihnen vor 20 Jahren? In vielen Fällen haben die Leute, die kommen, das Gefühl: ,Ich schaffe es mit meinen Ressourcen nicht, mein Leben und dieses System unter einen Hut zu kriegen.‘ Sollen diese Leute also ihre Ressourcen besser nutzen oder muss das Studiensystem schon wieder geändert werden? Vieles ist nicht gut gelaufen. Deshalb haben selbst glühende Befürworter des Bologna-Prozesses Änderungspläne auf dem Schreibtisch liegen. Fragen Sie die Studierenden, wo sie sich in zehn Jahren sehen? Das frage ich immer. Weil es wichtig ist, die Phantasie anzuregen, wenn jemand in Angst gefangen ist. Wie sehen die Münchner Studenten ihre Zukunft? Vielen fällt dazu nichts ein. Und darunter leiden sie. Klingt nach Ideen- und Ziellosigkeit. In den meisten Fällen gibt es im verborgenen Kämmerchen heimlich kultivierte Träume, die aber schambesetzt sind. Die Leute trauen sich erst nach einer Weile zu sagen, was sie wirklich interessiert. Was denn? Kreative, künstlerische Berufe etwa, von denen sie aber denken, das sei nichts für sie, weil sie doch etwas Vernünftiges machen müssten. Mir fällt auch weniger die Ideenlosigkeit auf als ihre Schwierigkeit, ihrem eigenen Erleben und ihren Ideen Raum zu geben. Wenn eine Idee da ist: Wie sieht sie aus? Bürgerlich. Gescheiter Beruf, gescheit Geld verdienen und eine gut funktionierende Liebesbeziehung. Die Filmfestspiele von Cannes wurden vergangene Woche mit dem Animationsfilm „Up“ eröffnet, in dem ein alter Mann sich und sein Haus von Luftballons davontragen lässt. Er beginnt die große Reise, erfüllt sich den Traum seines Lebens. Sollte es denn das Ziel jedes Studenten sein, „seine Träume zu leben“? Ob es ein Ziel sein sollte, kann ich nicht sagen. Das muss jeder selber finden. Im Studium sollte man sich ansatzweise in Traumszenarien reindenken, sich ausprobieren. Aber es geht auch darum, von Dingen Abschied zu nehmen, weil man nicht alles verwirklichen kann. Diese Kultur des „Alles ist möglich“ ist sehr dazu angetan, auch bei Studenten Gefühle des Scheiterns auszulösen. Der Franzose Alain Ehrenberg hat „Das erschöpfte Selbst“ geschrieben, ein Buch über die extreme Zunahme von Depressionen. Er beschreibt darin die permanente Suche nach Selbstrealisierung, die zu einem permanenten inneren Gefühl des Scheiterns führt. So wird man unglücklich. So wird man unglücklich. Kann man die Studenten der Nullerjahre schon unter einem Begriff subsumieren? Leistungswillig. Bemüht, zurechtzukommen. Angepasst. Sind es kleine Unternehmer? Das ist kein schlechtes Bild. Sie sind Manager. Lebensunternehmer.

Text: peter-wagner - Foto: Jürgen Stein

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