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Gesprühte Angst vor der Zukunft

Der griechische Staat hat Dringenderes zu tun, als Graffiti zu entfernen - deshalb sagt die wuchernde Street Art von Athen gerade viel über die Sorgen der jungen Griechen aus. Julia hat darüber ihre Masterarbeit geschrieben. Ein Gespräch über die Ästhetik der Krise.
jan-stremmel

Julia Tulke, 25, studiert Europäische Ethnologie an der Berliner Humboldt Universität. Vor ein paar Monaten fiel ihr auf, dass deutsche Zeitungen Artikel über die griechische Wirtschaftskrise sehr oft mit Fotos von Graffiti und Street Art in Athen bebilderten. Sie beschloss, ihre Masterarbeit über „die Ästhetik der Krise“ zu schreiben. Im Frühjahr war sie für zwei Monate in Athen. Sie sprach mit Künstlern und machte mehr als 1000 Fotos. Ab Donnerstag stellt sie die besten davon im Berliner „Raum für drastische Maßnahmen“ aus.      

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jetzt.de: Julia, unterscheidet sich die Street Art in einer „Krisenstadt“ wie Athen von der in, sagen wir, Berlin?  
Julia Tulke: Die Frage ist natürlich erstmal, was überhaupt eine Krisenstadt ist. Ich glaube, die Motive in Athen sind im Vergleich zu anderen Städten ernster. Man sieht mehr menschliche Figuren, vielleicht ist es mehr Realismus. In Berlin zum Beispiel sieht man insgesamt mehr Surreales, Abstraktes, auch mehr Tiere. In Athen bezieht sich die Street Art inhaltlich klarer auf den Protest und die Politik.      

Was treibt diese Künstler an?  
Die meisten sind politisch links gerichtet, teils auch anarchistisch. Manche haben kaum künstlerische Erfahrung, sondern haben aus ihrer politischen Einstellung heraus angefangen zu malen. Solche Leute verwenden häufig Stencils, also Schablonen, weil sie damit beliebig oft das selbe Motiv verwenden können. Bei anderen ist es genau andersherum: Sie waren schon vorher ausgebildete Künstler, wurden aber erst durch die Krise richtig politisiert.  

Was verbindet sie?  
Der Kampf um die Deutungshoheit: Street Art will in Athen vor allem einen Gegenpol schaffen zur Darstellung der Krise in den Massenmedien. Manche Künstler benutzen dafür das Wort „Counterpropaganda“.      

Wie drückt sich das in den Bildern aus?  
Viele Bilder spielen mit der Symbolik der Straßenkämpfe und der Protestbewegung an sich. Zum Beispiel starren einen überall in Athen gesprühte oder gemalte Gasmasken an, die klar mit den Protesten und der Polizeipräsenz assoziiert sind. Aber sehr viele Darstellungen greifen auch Motive aus dem Alltag auf und setzen sich mit der bedrückenden Wirkung der Krise auseinander, der Verzweiflung der Menschen, der Angst. Diese Dinge werden jetzt eben nicht nur sichtbar, wenn die Menschen demonstrieren, sondern sind durch die Kunstwerke direkt ins Stadtbild eingeschrieben.



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Man sieht auffallend viele Kinder und Babys als Motiv... 
Finde ich auch spannend: Ganz oft wird die Krise auf die Körper von Kindern und jungen Menschen projiziert. Einer der Künstler hat mir gesagt: Die Erwachsenen diskutieren über den Ausweg aus der Krise, dabei verhandeln sie im Grunde über die Zukunft der Kinder.      

Wie nimmt man Kontakt zu diesen Künstlern auf?  
Ich habe einige über Galerien gefunden, aber viele haben auch einfach tagsüber auf der Straße gemalt. Die Szene ist relativ offen und nicht besonders groß. Die Tradition, politische Dinge an Wände zu schreiben, gab es zwar schon im Widerstand gegen die Nazis, aber Street Art hat sich erst in den vergangenen fünf Jahren intensiver entwickelt.      

Übernehmen die Künstler auch Motive von anderen Protestbewegungen?  
Ja, da sind viele klassische T-Shirt-Bilder dabei, die jetzt reproduziert werden. Die Ästhetik ist aber meistens schon speziell griechisch: Größtenteils konzentrieren sich die Künstler auf eine Symbolik, die besonders die Griechen verstehen.      

Einige Schriftzüge sind sogar auf Deutsch.  
Stimmt, aber die große Mehrheit ist auf Griechisch. Was meine Arbeit nicht gerade erleichtert hat. Die komplexeren Slogans mussten griechische Freunde mir erklären – oft nehmen die zum Beispiel Bezug auf Parolen aus dem Bürgerkrieg vor 60 Jahren.      

Bei manchen Werken erkennt man kaum einen Zusammenhang zur Krise. Woher wusstest du, dass das wirklich „Krisenkunst“ ist, was du da vor dir hast?  
Wusste ich nicht, denn das Entstehungsjahr steht ja traditionell nur bei größeren Graffiti-Pieces dabei. Das war mir aber auch gar nicht so furchtbar wichtig, denn die Krise ist ja auch nicht klar zeitlich abgrenzbar. Ob sie schon 2008 oder erst 2010 ausgebrochen ist, kann man schwer sagen, und die griechische Politik war ja seit Jahren immer sehr bewegt.      

Noch mehr Länder in der EU stecken gerade tief in der Krise. Warum ist ausgerechnet in Athen die Street Art so auffällig?  
Die Krise hat dort schon die stärksten Spuren hinterlassen. In Spanien zum Beispiel gibt es, soweit ich weiß, noch eine stärkere „Zero Tolerance“-Politik gegenüber Street Art: Die Sachen werden schnell entfernt oder übermalt, und wer beim Sprühen erwischt wird, bekommt echte Probleme. In Athen hat die besondere Dramatik der Krise die Street Art sozusagen begünstigt...

...weil die Polizei mit wichtigeren Dingen beschäftigt ist?  
Genau, und weil der Staat weniger Kapazitäten hat, Bilder zu übermalen. Am Unigebäude in der Nähe meiner Athener Wohnung sah man noch an den weißen Streifen, wo früher regelmäßig Bilder und Graffiti überstrichen wurden. Das passiert jetzt kaum noch. Selbst wenn Parolen auf Regierungsgebäude an gut besuchten Plätzen gesprüht werden, bleiben die dort oft sechs Monate stehen. Der Staat hat gerade andere Prioritäten.      

Hast du auch die Street Art im Zuge der Proteste in der Türkei verfolgt?  
Klar, während der Proteste sind die Straßen in Istanbul innerhalb weniger Tage förmlich explodiert vor lauter Slogans und Bildern. Ich habe da viele Parallelen gesehen. Zum einen die klassischen ikonischen Symbole des Protests wie Gasmasken, natürlich auch wegen der Tränengas-Attacken. Aber da gab es auch eine sehr feine Ironie: Als das Staatsfernsehen zum Beispiel statt über die Proteste zu berichten eine Dokumentation über Pinguine ausstrahlte, tauchten plötzlich überall gesprühte Pinguin-Bilder an den Wänden auf. Ähnlich feinsinnige Ironie habe ich auch oft in Athen gefunden.      

Nämlich?  
Zum Beispiel in den Bildern des Künstlers Dimitris Taxis, der für seine großformatigen „Paste Ups“, also geleimten Plakate, mit Kinderfiguren bekannt ist. Auf einem davon wird ein Junge zwischen zwei Bücherstapeln erdrückt – der eine ist die Vergangenheit, der andere die Zukunft. Eine vielschichtige Analyse der aktuellen Lage, finde ich.      

Gab es während deines Aufenthalts in Athen auch plötzlich neue Motive wegen ganz aktueller Ereignisse?  
Es gab immer wieder Wellen von antifaschistischen Bildern, wegen der vielen rechtsradikalen Übergriffe auf Migranten durch die Anhänger der rechtsradikalen Partei. Die häufen sich in letzter Zeit.


Text: jan-stremmel - Fotos: Julia Tulke / aestheticsofcrisis.org

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