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"Hast du gerade Porno-Soundtrack gesagt?"

Ob mit den Kings Of Convenience, The Whitest Boy Alive oder solo: Erlend Øye macht Pop, der immer verwirrend eigen klingt - und manchmal nach Sexfilm-Vertonung. Kontrolle und Reflexion sind dafür extrem wichtig, sagt er.
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Hipster, Nerd, Genie: Der Norweger Erlend Øye, bekannt als Kopf und Sänger der Gruppen Kings Of Convenience und The Whitest Boy Alive, macht schon lange Pop-Musik, die immer anders und doch stets unverkennbar ist. Mittlerweile lebt der 38-Jährige auf Sizilien „das Leben, nach dem ich so lange gesucht habe.“ Wie das aussieht und welches Konzept hinter seinen Produktionen steckt, erzählt er im Interview.
 
jetzt.de: Erlend, hattest du einen guten Sommer?
Erlend Øye: Ich habe viel Zeit in Paris verbracht, um das Mastering und die Cover-Gestaltung meines neuen Albums fertig zu machen. Ansonsten waren es sehr entspannte Tage, vor allem dann, wenn ich sie zu Hause verbringen konnte.

Wie sieht ein typischer Sommertag bei dir auf Sizilien aus?
Ich stehe spät auf und schreibe einige Mails. Irgendwann esse ich zu Mittag und gegen 16 Uhr treffe ich meine Freunde am Strand und wir gehen schwimmen. Nach zwei Stunden im Meer geht’s zurück an den Schreibtisch.

Seit zweieinhalb Jahren lebst du auf Sizilien. Was gefällt dir an der sizilianischen Kultur am besten?
Dass hier alle zur selben Zeit essen. Denn: Wenn an einem Ort alle etwas gleichzeitig tun, weiß man genau, wann sie auf keinen Fall zu erreichen sind. Wenn man die Leute auf Sizilien um 12.15 Uhr anruft, machen sie sich gerade fertig fürs Essen. Um 15 Uhr sind alle müde und wollen ein Nickerchen machen. Man meldet sich also am besten davor oder danach.

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Erlend Øye

Wie sieht’s mit der italienischen Pop-Musik aus? Hast du dich damit schon arrangieren können?
Was ich wirklich mag, ist italienische Musik aus den Sechzigern, Siebzigern und auch ein bisschen was aus den Achtzigern. Danach wurde es allerdings ziemlich schlimm, das muss man leider sagen.

Was magst du am Pop aus diesen Jahrzehnten?
Er ist sehr verspielt. Diese Musik klingt, als hätten die Leute damals sehr viel Spaß dabei gehabt, sie zu machen. Und als hätten sie keine Angst davor gehabt, neue Ideen zu verwirklich. Die Songs sind irgendwie . . . süß. Ja, süß trifft es. Und ich mag süße Songs nun mal am liebsten.

Dein neues Album klingt auch nach dem leichten Leben auf der Insel. Und irgendwie hört sich das alles schon wieder sehr neu an. Noch unbekannt. Ist das dein Ziel beim Musikmachen?
Das, was ich jetzt mache, ist zumindest ein bisschen neu, das stimmt. Nicht viele Leute haben sich an dieser Art von Musik schon versucht. Aber eigentlich wollte ich, dass es am Ende fast so klingt wie Steely Dan. Und eins muss man sagen: Es ist nicht leicht, so zu klingen wie Steely Dan.

Ein bisschen klingt dein neues Album auch wie ein Achtzigerjahre-Pornosoundtrack.
Hast du gerade „Porno-Soundtrack“ gesagt?

Ja.
(wirkt sehr irritiert) Interessant. Und komischerweise bist du nicht der Erste, der mir mit so was kommt. Ganz ehrlich: Ich habe noch nie einen Achtzigerjahre-Porno gesehen, deshalb kenne ich auch die Soundtracks nicht. Aber wenn die so klingen wie das, was ich gerade mache, müssen es unglaublich gute Soundtracks gewesen sein (lacht).

Du hast mal gesagt, du hättest ein bestimmtes Konzept verfolgt, wenn du Songs entworfen hast. Dieses Konzept, heißt es jetzt, hättest du für dieses Album verworfen. Was für ein Konzept war das? Und: Wie bist du’s letztlich losgeworden?
Wenn man ehrlich ist, steckt ja eigentlich hinter allem, was man macht, ein gewisses Konzept. Auch beim Musikmachen. Ein Album zum Beispiel hat in der Regel immer bestimmte Grenzen, in denen sich die Songs bewegen. Das führt dazu, dass es ein ganz bestimmtes Gefühl erzeugt. Und wenn ein Hörer sich nach diesem Gefühl sehnt, legt er genau dieses Album auf. Solche Grenzen kannte ich bis jetzt auch, wollte sie aber nicht mehr. Keine Limits mehr! Ich hatte zwar kein Problem damit, mich für die neuen Songs auch mal auf dem Spielplatz zu bewegen, auf den ich für The Whitest Boy Alive und Kings Of Convenience immer gegangen bin. Aber ich wollte eben mehr als das. Mehr Freiheit.

Klingt trotzdem, als würdest du sehr kontrolliert und reflektiert an die Musik rangehen.
Meistens schon. Denn Kontrolle und Reflexion sind extrem wichtig beim Musikmachen. Wenn man sich nur treiben lässt, wird man nie wissen, ob und wie ein Song funktioniert.

Wie weißt du denn, dass er funktioniert?
Wenn ich ihn mir zusammen mit meiner Band anhöre und währenddessen niemand etwas sagt. Das heißt, dass etwas mit den Leuten passiert. Also dass der Song funktioniert.

Isolation, hast du schon oft erklärt, wäre ein erprobtes Mittel für dich, dieses Ziel zu erreichen.
Viele der Texte sind in der Isolation entstanden.

Was passiert in der Isolation mit dir?
Erst mal bin ich ungestört. Ich kann in Ruhe meine Sachen machen und auch mal wirklich alles rauslassen. Das gilt vor allem für die Lyrics. In meinen Augen wird man niemals gute Lyrics schreiben können, wenn man sich ständig mit Leuten umgibt. Der Output ist einfach größer, wenn man für sich ist.

Isolation hilft dir also beim Schreiben. Was noch?
Deadlines. Ich brauche einen konkreten Zeitpunkt, wann ich fertig sein soll. Irgendwann will ich die Sachen auch mal beiseitelegen und es gut sein lassen können.

Irgendwelche Schreibroutinen?
Nein, so was habe ich überhaupt nicht. Es kann passieren, dass ich neun Monate lang kein einziges Wort schreibe. Ich schreibe immer nur dann, wenn ich auch etwas zu schreiben habe. Wenn Dinge passiert sind, die mich dazu bringen. Ich schreibe auch nie, während ich gerade ein Album aufnehme oder während der Tour. Ich vermeide es, Prozesse zu vermischen.

Auf dem neuen Album singst du: „I am so full of love, but also full of ideas.“ Heißt das, deine Kreativität hält dich manchmal vom wirklichen Leben ab?
Finde ich gut, diese Interpretation. Diese Zeile bedeutet aber einfach nur, dass ich wahnsinnig viele Ideen habe, wie ich die Menschen und die Welt um mich herum verbessern könnte. Und wenn mich jemand wirklich mal in seine Welt lässt, könnte es passieren, dass ich sie komplett verändern will. Obwohl da so viel Liebe in mir ist.

Wenn also jemand deine Liebe will, sollte er vorsichtig sein?
Ja, aber es kommt dann natürlich darauf an, von welcher Art Liebe wir sprechen, denn auch in einer normalen Freundschaft kann Liebe stecken. Grundsätzlich finde ich es aber super, dass Songzeilen wie diese irgendwann für irgendjemanden total viel bedeuten können, weil dieser jemand etwas ganz Bestimmtes darin sieht. Denn diese Zeilen sprudeln aus mir immer nur heraus – ohne dass ich selbst weiß, was sie für mich eigentlich bedeuten.

Text: erik-brandt-hoege - Foto: de mayda

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