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Ich höre keine Melodien

Wenn Musik erklingt, nimmt Marcel nur ein Scheppern und Klappern wahr. Er hat Amusie, eine Art Farbenblindheit für Töne. Seine Geschichte zeigt: Teenager sein, ohne Musik zu mögen, das ist ganz schön hart.
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Am liebsten taucht Marcel ins rote Meer ab und fotografiert Walhaie. Oder er zieht durch den Botanischen Garten, um Stabheuschrecken abzulichten. Hauptsache Ruhe. Das heißt, genauer: Hauptsache, keine Musik. 

„Ob ich einen Presslufthammer oder laute Lieder höre, ist mir gleich“, sagt Marcel. Er besucht keine Konzerte oder Musicals, hört im Auto nur Wortradio und meidet Läden mit musikalischer Beschallung – sie sind für ihn unerträglich. „Musik ist nicht mehr Teil meines Lebens“, sagt er. Endlich, könnte man hinzufügen.

Marcel, 38, dunkelbrauner Anzug, kurz geschorenes Haar, goldener Ohrring, spricht mit sanfter Stimme. Er drückt sich sachlich aus, aber man spürt, dass es ihm gut tut, über sein Thema sprechen zu können: die Amusie.

Amusie ist die Unfähigkeit, Musik wahrzunehmen. Eine Art Farbenblindheit für das Ohr. Das Gehör von Amusikern wie Marcel ist im Prinzip gesund, dennoch sind Tonfolgen für sie nichts als Klappern und Scheppern. Marcel hatte noch nie einen Ohrwurm.

Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum, sagte Friedrich Nietzsche. Richard Wagner nannte Musik die Sprache der Leidenschaft. Sie gilt als Schlüssel zum Herzen, Philosophie ohne Begriffe, Esperanto unserer Seele. Jeder hat ein Lieblingssong, einen Gute-Laune-Macher, musikalische Assoziationen zu Freunden, zur großen Liebe, zur Jugend. Was macht einer, der diese universale Sprache weder spricht noch versteht? Wie wächst er auf, während die anderen ihre Identität aus Songs schöpfen?

Dass Marcel Musik anders empfindet, bemerkt er zum ersten Mal als Kind, als er die Muppet Show schaut. Alle Kinder freuen sich, wenn Kermit der Frosch zu singen anfängt. Marcel will in dem Moment abschalten. Für ihn ist die Singerei einfach nur Lärm, er wartet nur darauf, dass die Handlung weitergeht.

Im Flötenunterricht in der Grundschule trifft Marcel weder Ton noch Takt. Er übt, doch nichts ändert sich. Wie andere die geforderten Melodien pfeifen, ist für Marcel rätselhaft. Er kann nicht einmal „Alle meine Entchen“ singen. 

Punkband trotz Amusie

In der Jugend wird es schwieriger, der Musik aus dem Weg zu gehen: Alle definieren sich über Bands, Sänger und Musikgenres. Da muss doch was dran sein, denkt sich Marcel und hört auch mal rein, eher aus Gruppenzwang als aus Genuss. Emotional reagiert er am ehesten auf „Krachmusik“, wie er sie nennt. „Wirre Kreissägen, berstender Stahl und Sirenen.“ Deshalb wird er mit 15 zum Punk: Zehn Ohrringe löchern seine rechte Ohrmuschel, Marcel färbt seine Haare bunt und läuft mit engen Jeans und Springerstiefeln durch die Schule. Was soll einer sonst tun, für den Jahrzehnte der Pop-Kultur, Jahrzehnte der Jugend-Identität, völlig gleich klingen?
 
Er hört Bad Religion, die Dead Kennedys und Black Flag mit Henry Rollins – Bands, die seine Freunde hören und ihm auch zusagen. Auch Marcel sucht Orientierung in der Musik, investiert sein ganzes Taschengeld auf Schallplattenbörsen und tauscht Platten mit anderen. Doch wenn seine Freunde untereinander Liederraten spielen, sitzt er doof daneben. Er erkennt keine musikalischen Unterschiede. Er konzentriert sich nur auf die Texte.

Sogar eine Punkband gründet er mit Freunden. Marcel will Sänger sein. Es dauert keine zwei Stunden, bis die Freunde ihn rausschmeißen. „Es hieß: Mit dir nicht“, erinnert er sich. Was muss man können, um Lieder zu singen? Marcel hat keinen blassen Schimmer. Er ist deprimiert und sauer. Als er sich die Kassettenaufnahme noch einmal anhört, leuchtet es ihm ein: „Ich habe eher gesprochen als gesungen.“

Es gibt aber auch Situationen, in denen man ihn nicht einfach rausschmeißen kann, denen er auch selbst nicht einfach entfliehen kann. Der Musikunterricht im Gymnasium war „die Hölle auf Erden“. „Ich bin mit Bauchschmerzen in den Unterricht gegangen, wenn ich wusste, dass wir wieder vorsingen müssen.“ Er bangt, nicht dranzukommen, oder schwänzt. Wenn Marcel wieder nicht weiß, welche Instrumente in einem Lied vorkommen, wie sich Bratsche und Violine anhören, und sich Dur von Moll unterscheidet, schaut ihn der Lehrer entgeistert an. Er will ihm eine Sechs eintragen. „Das hätte bedeutet, dass ich kein Abitur machen kann“, sagt Marcel. Der Lehrer erbarmt sich und schreibt eine Fünf ins Klassenzeugnis. In der elftenKlasse darf Marcel Musik endlich abwählen.

In seinem Freundeskreis kämpft er mit dem Gruppenzwang. Wenn Marcels Freunde in die Disco wollen, versucht er sie zu überreden, in den Pub zu gehen. „Das ist doch viel netter, da kann man sich unterhalten“, argumentiert er dann. Niemand hört auf ihn. Also geht Marcel mit in den Club. „Ich wollte ja nicht alleine zu Hause bleiben“, sagt er. Marcel sitzt dann stundenlang an der Bar. Wenn alle tanzen, unterhält er sich mit dem Barkeeper.

Bei etwa vier Prozent der Menschen ist Amusie angeboren

Bis zu seinen Mittdreißigern steht Marcel vor einem Rätsel. Er glaubt, der unmusikalischste Mensch der Welt zu sein. Dann stößt er im Netz erstmals auf den Begriff Amusie: Das Phänomen basiert auf einer Störung der neuronalen Vernetzung im Gehirn, vermutlich zwischen Temporal- und Frontallappen der rechten Gehirnhälfte. Auch nach einem Schlaganfall kann eine vorübergehende Amusie auftreten, die sich bei den meisten Patienten nach etwa einem Jahr wieder von selbst legt. Auf der Internetseite der kanadischen Brams-Universität macht Marcel einen Test: positiv. Als er das Ergebnis liest, ist er erstaunt und erleichtert. Es ist kein mangelndes Talent, das ihn von Musik fernhält. Er kann nichts dafür. „Ich bin jetzt frei davon“, sagt er. Marcel lässt sich heute nicht mehr zu Dingen drängen, die für ihn keinen Sinn machen, wie etwa zu Schulzeiten, als er einen Tanzkurs machte. Damals saß Marcel oft am Rand oder rauchte draußen. Zu seiner eigenen Überraschung stand er den Anfängerkurs durch, ohne aufzufallen. Seine Tanzpartnerin führte ihn.

Bei etwa vier Prozent der Menschen ist Amusie angeboren, hat man an der Brams-Universität ermittelt. Ob es tatsächlich so viele sind, ist umstritten. Es gibt wenige Studien dazu. Klar ist: Wenige Betroffene wissen von ihrem Schicksal, weil Amusie weitgehend unbekannt ist. „Sie halten sich einfach für unmusikalisch“, sagt der Musikmediziner Eckart Altenmüller aus Hannover.

Manchmal haben Amusiker auch Schwierigkeiten, Sprachen zu lernen und können selbst bei bekannten Sprachen Nuancen nicht gut heraushören. Lauren Stewart von der Goldsmiths-Universität untersucht Amusiker aus dem Umkreis von London. Musik- und Sprachverarbeitung im Gehirn stehen im Verhältnis zueinander, schrieb sie 2012 in einem Fachmagazin. Amusiker können die Gefühle aus der Klangmelodie der Sprache nicht herauslesen. Das fällt im Alltag nicht auf, da in einem Gespräch andere Faktoren wie Mimik und Gestik hinzukommen. Am Telefon tun sich manche Probanden allerdings schwer, Stimmungen ihrer Gesprächspartner einzuordnen. Das weist darauf hin, dass Musik und Sprache den gleichen Ursprung haben. Schon Charles Darwin vermutete, dass Sprache aus musikalischen Lauten und Rhythmen entstanden ist. Marcel spricht Englisch und ein wenig Französisch. Trotzdem sagt er: „Ich habe das Gefühl, dass es mir schwerer fällt als anderen, Sprachen zu lernen.“ Auch Dialekte verstehe er schlecht.

Marcel hat seinen Takt woanders gefunden: in Worten, und vor allem in Farben. Seit er Teenager ist, schreibt er, früher für Poetry Slams, heute für sein Blog. Außerdem fotografiert er, am liebsten farbige Motive wie Insekten und Meeresbewohner. Im Badezimmer hat Marcel eine Farbdusche eingebaut, in jedem Raum seiner Wohnung hat er ein anderes Licht installiert. „Wenn Marcel nach Hause kommt, steuert er schon auf dem Weg mit seinem Smartphone Farbstimmungen an“, sagt seine Frau Juliane.

Ihr ist Marcels Unmusikalität zwei Jahre lang nicht aufgefallen. Im Gegenteil, sie war sogar beeindruckt von seiner Plattensammlung. Einmal beobachtet sie Marcel auf der Tanzfläche, bei einem Techno-Event. „Es sah so absurd aus,“ sagt sie. „Wie jemand, der gegen den Rhythmus arbeitet.“ Der Hochzeitstanz war kurz. „Er ist mir die ganze Zeit auf die Füße getreten“, sagt sie.
 
Immer wieder wird gemutmaßt, welche Berühmtheiten Amusie hatten. Es heißt, Che Guevara hätte weder tanzen noch Musik genießen können, ebenso Milton Friedman, Sigmund Freud und Wilhelm Busch. Sie alle sind nie untersucht worden. Viele Spekulationen, wenig Erkenntnis.

Für Marcel ist jetzt wichtiger, andere Menschen zu finden, mit denen er sich über Amusie austauschen kann. „Ich möchte nicht mehr so alleine damit sein“, sagt er. Seit Jahren sucht er nach Leuten, macht in seinen Profilen auf Facebook und Twitter darauf aufmerksam. Manchmal durchsucht er Abende lang das Netz. Für sein Blog hat er einen ausführlichen Eintrag über sein Leben als Amusiker verfasst. Bislang blieb das alles ohne Erfolg. „Man findet zu allen möglichen Themen Selbsthilfegruppen. Zu Amusie nicht“, sagt er.

Es interessieren sich zwar mehr Forscher für Amusie, aber eine Behandlungsmethode gibt es nicht – und es wird wohl alsbald auch keine entstehen, vermutet Musikmediziner Eckart Altenmüller. Lauren Stewart allerdings hat in intensivem Training mit vier Amusikern geringe Fortschritte erzielt.

Gäbe es eine Therapie, wäre Marcel neugierig. Aber er würde sich das ganz genau überlegen, sagt er. Denn überall, wo Musik wäre, würde er dann vielleicht etwas spüren. Die Musik könnte Emotionen auslösen. Er hat Angst, dass ihn das überfordern könnte.

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