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„Kopieren ist gut für Autoren“

Der Blogger und Science Fiction-Autor Cory Doctorow über Einfluß im Internet und das Recht auf Kopie
lars-weisbrod

Cory Doctorow ist Autor für das Weblog boingboing.net, schreibt Science-Fiction-Romane und setzt sich für eine Liberalisierung des Urheberrechts ein. Gerade ist sein neuer Roman „Upload“ in Deutschland erschienen, der wie der Vorgänger „Backup“ unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlich wurde und umsonst aus dem Internet heruntergeladen werden kann. jetzt.de: Im Untertitel nennt sich Boingboing „A Directory of Wonderful Things“. Wo findet ihr die vielen Links zu den „wundervollen Dingen“, die ihr präsentiert? Cory: Manche werden von Lesern eingeschickt. Aber ich mache das jetzt auch schon seit acht Jahren und habe mittlerweile eine Liste von über 2000 Seiten, die ich mir jeden Tag anschaue, um zu sehen, ob es was interessantes Neues gibt. jetzt.de: 2000 Seiten? Wie schaffst du das denn? Cory: Man wird sehr schnell geübt darin, sich nur die Überschriften durchzulesen. Und wenn etwas wirklich interessant ist und ich es beim ersten Lesen übersehe, dann wird es irgendwo anders noch mal auftauchen. jetzt.de: Du schreibst Science-Fiction-Romane und in deinem letzten Buch „Backup“ ist eine Grundidee, dass in der Gesellschaft nicht mehr das Geld zählt, das man verdient, sondern das Ansehen, das man bekommt. Cory: Ich habe darüber geschrieben, welche alternativen Ökonomien im Internet entstehen: Sie basieren eher auf Einfluss und Ansehen und funktionieren wie ein akademischer Zirkel. Die Meinung von Leuten wird geschätzt und sie haben die Möglichkeit, etwas zu bewirken, weil sie Ansehen und Leistungen vorweisen können, nicht Kaufkraft. Das ist nicht problemlos. Die meisten ökonomischen Systeme werden ja Winner-takes-all-Systeme – die reichsten Leute haben die meisten Möglichkeiten, reicher zu werden. Und das trifft auch auf Ansehen zu: Die Leute, die den meisten Respekt von ihrer Umgebung bekommen, haben dann die größten Möglichkeiten, sich noch mehr Respekt zu verschaffen. Auch Google funktioniert nach diesen Prinzipien.

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Cory Doctorow. jetzt.de: Du bist einer der wenigen Autoren, die ihre Bücher unter der Creative Commons-Lizenz veröffentlichen: Sie können umsonst heruntergeladen und sogar verändert werden. Machst du das, weil du auch nicht auf Geld aus bist, sondern auf Aufmerksamkeit? Cory: Nein, überhaupt nicht. Ich veröffentliche unter Creative Commons, weil ich so mehr verdiene. Es gibt einen ökonomischen, einen künstlerischen und einen moralischen Grund unter Creative Commons-Lizenz zu veröffentlichen. Der ökonomische Grund ist ziemlich einfach: Die Leute nehmen elektronische Bücher nicht als Ersatz für gedruckte Bücher. Sie nehmen es als Anreiz, gedruckte Bücher zu kaufen. Niemand liest lange Texte am Bildschirm, weil Computer einfach zu sehr ablenken. Man kann so kein ganzes Buch lesen, wenn man nicht die eiserne Disziplin eines Mönchs hat. Ich bin also nicht sehr besorgt, dass Leute ein eBook als Ersatz für ein gekauftes Buch nehmen könnten. Mein Problem ist nicht Piraterie, sondern Unbekanntheit: Wenn Leute meine Bücher nicht kaufen, liegt es wahrscheinlich daran, dass sie noch nie davon gehört haben und nicht daran, dass ihnen jemand eine elektronische Version umsonst gegeben hat. jetzt.de: Was mit den anderen Gründen, unter Creative Commons zu veröffentlichen? Cory: Der künstlerische Grund ist: Wir sind im 21. Jahrhundert. Kopieren wird immer leichter. Wenn man Kunst macht, die nicht kopiert werden soll, dann tut man etwas, das von Natur aus anachronistisch ist. Das ist nicht schlimm, ich mag Leute, die Höhlenmalerei oder so etwas machen. Aber das ist dann keine zeitgenössische Arbeit. Und der moralische Grund: Egal, was ich tue – wenn die Leute es mögen, werden sie es kopieren. Kopieren zu verbieten, ist nichts anderes, als die Leute zu verdammen - seinen Lesern zu sagen, dass sie Idioten sind und sie zu verklagen. Es ist etwas Unmoralisches, Leute dafür zu bestrafen, dass sie Kultur betreiben. jetzt.de: Nicht alle Autorenkollegen werden deine Ansichten freuen. Cory: Es gibt eine kleine Zahl von Autoren, die mich wirklich hassen. Weil sie denken, wenn ich sage „man kann das Kopieren nicht aufhalten“ und „Kopieren ist gut für Autoren“, dann würde ich lügen. Aber es ist keine Lüge! Kopieren wird immer einfacher werden, ob Autoren das jetzt gut finden oder nicht. jetzt.de: Du bist der Ansicht, dass das Kopieren für Autoren nur Vorteile mit sich bringe. Ist denn das Herunterladen von Musik ein größeres Problem? Cory: Was wir da tun müssten, ist, Napster wieder aufzubauen als etwas, das Musiker bezahlt. Das war es fast, als es geschlossen wurde. Die Nutzer haben gesagt, dass sie zehn oder 15 Dollar pro Monat zahlen würden. Napster ist also zu den Plattenfirmen gegangen und hat gesagt: Wir bezahlen euch so viel, wie ihr wollt, um zu legalisieren, was unsere Nutzer sowieso schon machen. Und die Plattenfirmen haben geantwortet: Das interessiert uns nicht. Wir schließen euren Laden und bauen einen Dienst auf, der genauso gut ist wie Napster und der von uns kontrolliert wird. Das haben sie bis heute nicht geschafft. Ich denke, man könnte ein System einführen, für das man die gleichen Verwertungsgesellschaften nutzt, die Geld einsammeln für Musik, die in Bars gespielt wird und im Radio. Die könnten zu den Internet-Providern gehen und ihnen Lizenzen anbieten und die Provider würden das freiwillig bezahlen, weil sie dann damit werben können, dass man alle Musik bekommt, die jemals aufgenommen wurde. jetzt.de: Aber führt ein solches Modell nicht dazu, dass Internetuser für Musik zahlen, die sich in Wahrheit andere herunterladen? Cory: Betrachte es einmal von der Seite: Der erste Provider hat für eine E-Mail-Box etwas extra berechnet – aber es hat sich als günstiger herausgestellt, einfach jedem alles zu geben. Ich habe meinen eigenen E-Mail-Server und ich brauche auch den E-Mail-Service meines Providers nicht. Aber der Aufwand, mir 30 Cent weniger für ein E-Mail-Konto zu berechnen, würde 50 Cent kosten. Also ist es egal. Bei vielen Gütern ist es jetzt schon der Fall, dass jeder zahlt und die Dinge einfach an alle verteilt werden. jetzt.de: In deiner Wikipedia-Biographie wird explizit erwähnt, dass du in einem Haushalt von Aktivisten großgezogen worden bist, die bei Greenpeace- und Anti-Atomwaffen-Kampagnen dabei waren. Siehst du die Digital-Rights-Bewegung als eine Weiterführung von deren Anstrengungen? Cory: Ja. Ich denke, wenn man im 21. Jahrhundert lebt, ist es einfacher als jemals zuvor, sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen und die Gesellschaft zu verändern. Das ist gut und aufregend. Wenn ich ein politisches Statement habe, dann das: Die wichtigste Aufgabe für unsere heutige Gesellschaft besteht darin, dass wir dafür sorgen, dass Computer uns dienen und uns nicht kontrollieren. Solange Computer Werkzeuge bleiben, die uns stärken, und keine, die uns versklaven, werden wir uns auf eine bessere Welt hinbewegen. Aber in der Sekunde, in der Computer dazu benutzt werden, uns zu kontrollieren, geht alles den Bach hinunter.

Text: lars-weisbrod - Foto: Bart Nagel

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