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Landschaften voller Vorfreude

Richard Gilligan ist jahrelang durch die Welt gereist und hat illegal gebaute Skateparks fotografiert. Die Bilder zeigen, wie viel man erreichen kann mit Begeisterung, Improvisationstalent - und ein paar Säcken Zement. Ein Gespräch über eine ganz spezielle Schatzsuche.
jan-stremmel

jetzt.de: Die Parks, die du fotografiert hast, sind gut versteckt - unter Autobahnbrücken, in Baulücken oder Gärten. Wie hast du sie gefunden?
Richard Gilligan: Das war ziemlich schwierig, die Leute sind extrem vorsichtig, schließlich sind die meisten Parks illegal gebaut. Manche werden nach sechs Wochen von den Behörden entdeckt und abgerissen, manche nach sechs Monaten oder erst nach sechs Jahren. Ich habe die Suche im Internet begonnen und schnell gemerkt, dass ich mich langsam von außen nach innen arbeiten muss. Am Anfang stand oft ein Foto von Zementsäcken, Schaufeln und Skateboards auf einem Blog - natürlich meist ohne genauere Ortsangabe. Ich habe dann oft Skateshops in der Nähe angerufen und mich erkundigt, ob sie etwas von Leuten wüssten, die gerade etwas gebaut haben.

Du warst lange Fotograf von großen Skatemagazinen...
...was natürlich sehr geholfen hat. Wenn ich nicht selbst Skateboarder wäre, hätte man mir die meisten Orte nie gezeigt.

Gibt es in dieser Szene eine tendenzielle Feindseligkeit gegenüber Fremden, wie bei Surfern?
Nicht so stark. Aber die Leute bauen sich selbst eine Rampe, weil sie etwas haben wollen, das sie nicht teilen müssen. Mich hat auch fasziniert, wie wenig die einzelnen Gruppen voneinander wussten: Ein paar Skater hatten zum Beispiel in einer englischen Industrieruine einen Beton-Pool gebaut - und keine Ahnung, dass in einem Wald nicht mal eine Stunde weiter eine andere Gruppe einen kleinen Skatepark gebaut hatte. Und sie wollten das auch gar nicht wissen. Wenn ich fragte, ob sie mal bei den anderen waren, sagten sie: Nö, wieso auch? Wir haben doch alles hier, was wir brauchen.

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"Wie ein besessener Schatzsucher": der irische Fotograf Richard Gilligan (32).

Was ist denn so faszinierend daran, sich einen eigenen Skatepark zu bauen?
Wenn du mit Beton und Sperrholz eine Rampe baust, schaffst du etwas Einzigartiges, das nur dir und deinen Freunden gehört. Das ist etwas ganz anderes, als wenn die Stadt ein Gelände einzäunt und ein paar Boxen und Geländer hinstellt. Da musst du Helm tragen, darfst kein Bier trinken, und überall fahren Kinder auf Rollern rum. Wenn du etwas skatest, das du selbst gebaut hast, bekommst du eine ganz merkwürdige Verbindung dazu. Über Monate willst du nirgendwo anders fahren.

Ganz zum Schluss deiner Reise, als klar war, dass ein Bildband entstehen würde, hast du selbst einen Skatepark gebaut - in deiner Heimat Irland.
Es war zum Verrücktwerden: Ich hatte bis zum Schluss keinen einzigen selbstgebauten Park in Irland gefunden! Also haben wir Geld für den Beton zusammengeschmissen und einen gebaut. Wegen der wirtschaftlichen Lage in Irland sind gerade viele junge Leute arbeitslos, es haben also viele Skateboarder Ende 20 ziemlich viel Zeit. Es war schon komisch: Da bin ich jahrelang quer durch die Welt gereist - und schieße das allerletzte Foto eine Viertelstunde von meiner Haustüre entfernt. Zwei Tage später musste die Festplatte mit allen Fotos beim Verlag in Paris sein.

Und, wie skatet sich so ein selbstgebauter Park?
Es macht dich wahnsinnig stolz. Und es ist verdammt schwierig, manchmal sogar eigentlich unmöglich - da ist ja nichts wirklich perfekt. Einem selbstgebauten Park sieht man immer die Chronologie seiner Entstehung an: Der Teil, der zuerst gebaut wurde, ist meistens scheiße, überall Wellen und Kanten und Löcher. Mit jeder weiteren Bauphase werden die Rampen dann besser und die Oberflächen glatter. Die Skater bekommen mit der Zeit allmählich Ahnung von der Arbeit mit dem Beton. Am Ende stimmen dann plötzlich alle Winkel, die letzten Rampen sind immer am besten befahrbar.

Wie kamst du überhaupt auf die Idee, solche Parks zu suchen und zu fotografieren?
Ich habe in Wales Fotografie studiert, für meine Abschlussarbeit dokumentierte ich die Skateboardszene in Portland, Oregon. Es gibt da einen riesigen Skatepark, der seit den Neunzigern Stück für Stück illegal unter einer Brücke gebaut wurde. Er liegt in einer sehr unsicheren Gegend, da treffen sich Obdachlose, Prostituierte und Junkies. Viele Jugendliche, die von daheim ausgerissen sind, leben dort. In diesem Park war ich drei Wochen. Ich erlebte fiese Schlägereien und hatte ständig Sorge, wegen meiner Fotoausrüstung überfallen zu werden. Aber ich merkte bald: Die Leute taten mir nichts und vertrauten mir. Weil ich eben kein Fotoreporter war, der sich an ihnen aufgeilte. Ich war auch ein Skater, einer von ihnen. Ich fotografierte vor allem die Menschen, aber die Bilder des Skateparks strahlten etwas Besonderes aus. Diese Do-it-yourself-Subkultur innerhalb des Skateboardens faszinierte mich von da an.

Klick dich durch Fotos aus Richards Bildband "DIY", der im September erschienen ist.

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Die Fotos sind alle in Europa und den USA aufgenommen. Wieso nicht auch an anderen Orten der Welt?
Irgendwann hat sich die Sache verselbständigt, die Orte bekamen in meinem Kopf eine Art Hierarchie: Ich dachte, jetzt warst du in New York, also musst du nach Philadelphia. Du warst in Philadelphia, also musst du nach Boston und deshalb auch nochmal nach Portland und so weiter. Es war wie mit einem besessenen Schatzsucher. Irgendwann schrieb ich meinem Verleger eine Mail: "Sorry, ich brauche noch zwei Jahre mehr Zeit." Ich wollte unbedingt nach Russland, Asien und Australien, ich dachte: Verdammt, ich kann das nicht veröffentlichen, bevor es perfekt ist!

Du hattest schon knapp vier Jahre investiert...
...und mir wurde klar: Das ist Quatsch. Das Buch kann kein Katalog werden, in dem jeder einzelne selbstgebaute Skatepark der Welt verzeichnet ist.

Welcher Park war am professionellsten gebaut?
In Philadelphia gibt es einen sehr großen, sehr berühmten Park namens FDR, er liegt unter der Interstate 95. Ich weiß noch, wie ich frühmorgens im Hochsommer von New York aus den Bus dahin nahm. Ich verlief mich, landete in einem Ghetto, und als ich endlich ankam, war ich nassgeschwitzt und völlig fertig. Und bin trotzdem stundenlang geskatet. Ich musste mich dazu überwinden, irgendwann mit dem Fotografieren anzufangen, weil das Wetter schlechter wurde. Der Wind fegte durch den Park, überall war Staub. Ich raste mit meiner Kamera wie ein Irrer herum und fotografierte einfach alles. Als ich am nächsten Tag die entwickelten Filme vom Labor abholte, wusste ich: Genau diese surreale Stimmung ist es! Du hast eine Mauer durchbrochen, genau so funktioniert das.

Warum sieht man auf deinen Fotos niemanden beim Skaten?
Ich fand Landschaftsfotografie immer interessanter als die Actionfotos, die ich für Magazine machte. Ich wollte, dass diese Bilder das genaue Gegenteil von dem sind, was man von Skatefotos erwartet. Ich finde, ganz ohne Bewegung wirken die Plätze würdevoll.

Als Skateboarder überlegt man beim Betrachten automatisch, wo man einen Trick machen könnte, wie viel Schwung man dafür bräuchte...
Ganz genau! Ich habe einen Architekturprofessor gebeten, die Einleitung zu dem Buch zu schreiben. Darin sagt er, meine Fotos zeigten Landschaften, "die schwanger sind mit Vorfreude". Das trifft genau das Gefühl, das ich beim Fotografieren hatte.
 
Außerdem steht in der Einleitung, die Parks erinnerten an Behausungen von wilden Tieren.
Was mich an Skateboardern am meisten fasziniert, ist, wie proaktiv sie sind. Es geht immer darum, das zu nehmen, was du findest, und das Beste daraus zu machen. Ein bisschen wie ein Vogelpaar, das sich denkt: Wir haben keine Behausung, aber hey, da oben ist eine Baumkrone, lass uns Stöckchen und Blätter zusammentragen und anfangen zu bauen - und nächste Woche haben wir ein Nest.


Text: jan-stremmel - Fotos: Richard Gilligan, Carhartt

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