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Mal nüchtern betrachtet

Wie ist es, ständig mit Betrunkenen zu arbeiten? Pünktlich zum Oktoberfest: Eine Polizistin, ein Taxifahrer, eine Ärztin und ein Türsteher erzählen.
christian-helten

Die Gesprächspartner:

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Servet Yolcu, 39, fährt seit neun Jahren Taxi in München. Nachts sind etwa 70 Prozent seiner Fahrgäste betrunken. Für den Umgang mit denen, sagt er, braucht es viel Fingerspitzengefühl. Er mag das nicht besonders. Deshalb fährt er lieber tagsüber – obwohl er nachts mehr verdienen könnte.  

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Ann-Christin Wolfrum, 24, arbeitet seit einem Jahr bei der Münchner Polizei. Sie fährt am Wochenende regelmäßig Streife in der Innenstadt. Mit Betrunkenen hat sie dann zu tun, wenn es Probleme gibt. Wenn Leute aneinander geraten. Oder wenn jemand nicht mehr weiß, wo er wohnt.  

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Oliver Wartenberger, 29, ist laut Arbeitsvertrag „Gästemanager“ im Club Mixed Munich Arts. Davor stand er vier Jahre lang an diversen anderen Türen im Münchner Nachtleben. Der Großteil seiner Gäste ist alkoholisiert. Ein größeres Problem als der Alkohol sind in letzter Zeit aber die Drogen, sagt er.

 

Hanna Müller*, 31, ist in der Facharztausbildung zur Chirurgin. Beim Nachtdienst in der Notaufnahme behandelt sie fast täglich Betrunkene, die im Rausch gestürzt sind oder sich bei Schlägereien verletzt haben. Andere bringt die Polizei vorbei – zum Blutabnehmen nach einer Verkehrskontrolle. *Name geändert

 

jetzt.de: Oliver, wie entscheidest du, wen du nicht in den Club lässt? Oliver: Wenn jemand die Treppe zum Club nicht mehr runterkommt, hat es keinen Zweck.

 

Und wen lässt du nicht in dein Taxi steigen, Servet?

Servet: Ich nehme niemanden mit, der nicht mehr stehen kann. Und wenn er völlig betrunken und alleine ist. Am Kunstpark wollten sie mir mal so einen reinschmeißen, da habe ich gesagt: Entweder einer von euch fährt noch mit, oder ich fahre den nicht. Einer ist also mitgekommen, der Betrunkene hat mir eine Adresse genannt – das war dann ein Autohaus. Die nächste Adresse, die er genannt hat, war eine Hausverwaltung, die dritte eine Schule. Als ich dann den zweiten Typen nach der richtigen Adresse gefragt habe, sagte der, er habe den anderen heute Abend erst kennengelernt und wisse auch nicht, wo er wohne.

 

Und dann?

Servet: Ich fühle mich ja auch in gewisser Weise verantwortlich für den Fahrgast. Also habe ich ihn ins Krankenhaus gebracht. Ihr kommt also auch mit den anderen „Betrunkenen-Berufen“ in Kontakt. Ann-Christin: Wenn im Club was passiert, sind es oft die Türsteher, die die Polizei anrufen.

Hanna: Neulich hatte ich im Krankenhaus auch eine Überschneidung mit einem Türsteher. Den hatte ein Betrunkener gebissen. Die waren dann beide da.

Oliver: Es gibt in dieser Welt Sachen, die sind komplett irre! Wir hatten mal einen da, der sich eine Havana-Flasche in den Po gesteckt hat und damit durch den Laden gelaufen ist. Und klar, wenn die Grenze überschritten wird, muss ich die Polizei oder den Rettungsdienst rufen.

 

Könnt ihr auf den ersten Blick erkennen, wie ein Betrunkener drauf ist? Oliver: Man kriegt das schon mit. Ich gucke, wie jemand geht, ob er in der Schlange wankt, wie er mit seinen Freunden redet. Bei uns kommt es aber auch total auf die Musikrichtung an, wie die Leute drauf sind. Bei Hip-Hop-Veranstaltungen wird viel gesoffen, da kommt es schnell zu Pöbeleien. An einem normalen Elektroabend passiert das nicht. Ann-Christin: Es ist sehr schwer, Betrunkene abschließend einzuschätzen, weil sie einen unglaublich schnellen Emotionswechsel haben. Jemand, der total sanftmütig und ruhig ist, kann von jetzt auf gleich aggressiv werden.

Servet: Das kann ich nicht bestätigen. So, wie die Leute ins Taxi einsteigen, steigen sie auch wieder aus.

Hanna: Ich kenne das schon, dass sie plötzlich aggressiv werden, oder andersrum – dass einer erst sagt „Lass mich in Ruhe, ich will nach Hause!“ und wenn er merkt, was passiert ist, fängt er plötzlich an zu heulen. Es ist aber schwierig, richtig einzuschätzen, ob es nur am Alkohol liegt, wenn einer sich komisch benimmt. Einer, der sich geschlagen hat, könnte ja auch eine Schädelverletzung haben. Was, wenn ich ihn gehen lasse, und dann liegt er später bewusstlos zu Hause? Dann bin ich schuld.

 

War dein erster betrunkener Patient ein Schock für dich?

Hanna: Ja, schon. Der war wahnsinnig kräftig, hat immer ganz plötzlich den Körper angespannt, wie wahnsinnig mit den Zähnen geknirscht und war nicht mehr ansprechbar. Zum Glück war seine Cousine dabei, die sagte, dass er das öfter hat. Ich hätte mir da am Anfang schon etwas mehr Unterstützung gewünscht, weil du mitten in der Nacht ganz alleine bist. Die Nachtschwester und ich, wir sind wir dann zwei junge Frauen mit einem völlig distanzlosen Patienten. Und gerade Aggressionen sind als Frau manchmal schwer zu handhaben.  

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Arbeiter im Dicht-Dienst: Servet muss Fahrgäste oft wachrütteln, wenn er sie nach Hause gefahren hat. Hanna erlebt weinende Männer in der Notaufnahme. Ann-Christin nimmt plumpe Sprüche gelassen. Und Oliver schickt Gäste erstmal zum Kaffeetrinken, wenn sie zu betrunken sind.

 

Macht Alkohol aggressiver als andere Drogen?

Oliver: Aggressoren sind oft nur auf Alkohol. Und wenn mehrere zusammen angetrunken sind, ist mehr Aggressionspotenzial da. Die Stimmungsschwankungen sind auch krass. Manchmal gehen die zum Rauchen raus, kassieren da eine Frischluftwatschen und kommen komplett verändert wieder rein. Da musst du die Ruhe bewahren, wir sind ja nicht zum Verprügeln angestellt, sondern zum Betreuen. Manchmal musst du aber auch jemanden fixieren und auf die Streife warten. Wenn ich jemanden nicht reinlasse, ruft der auch mal „Arschloch!“ Aber da reicht meistens ein böser Blick und fertig.

Servet: Der Türsteher hat ja auch eine gewisse Machtposition, die Polizei oder ein Arzt werden auch respektiert. Ich glaube, wir Taxifahrer haben es mit Besoffenen am schwersten. Die geben uns Geld, also denken sie, wir sind eine Art Sklave und sie können sich alles erlauben.

 

Was machen die dann so?

Servet: Der Betrunkene, der seine Adresse nicht kannte, hat zum Beispiel die ganze Fahrt an meinem Sitz geruckelt.

 

Als Türsteher muss man sicher oft diskutieren, wenn man jemanden nicht reinlässt.

Oliver: Ja, da kommt der Standardsatz: „Ich hab doch gar nichts getrunken!“ Ich sag dann nett und freundlich: „Pass auf, Freundchen, du brauchst mich nicht verscheißern.“ Oft schick ich den einfach einen Kaffee trinken – das wirkt Wunder, der kommt nach einer halben Stunde fit zurück und kann mit seinen Freunden weiterfeiern. Darum geht’s ja: Wir wollen die Gruppendynamik nicht zerstören, die Leute sollen sich wohlfühlen.

 

Bei welchen Gruppen darf am häufigsten einer nicht mit rein?

Oliver: Meistens in Männergruppen, oft recht junge, die kennen ihre Limits nicht. Ich sag das denen vorher, dann können sie selbst entscheiden, ob sie sich trennen. Manchmal bringen sie dann auch ihre zwei betrunkenen Kumpels zum Taxi und kommen wieder. Und dann bringt Servet die anderen heim . . .

Servet: Bei Gruppen ist es mir lieber, wenn ein Mädchen dabei ist. Reine Jungsgruppen sind schlimmer, die schreien rum im Auto oder sonst was.

 

Wie geht ihr bei der Polizei mit den Freunden der Betrunkenen um? Ann-Christin: Wenn jemand sehr betrunken ist, versucht man, das auch den Freunden zu erklären. Und wenn sie ihn nach Hause bringen, ist das für uns natürlich von Vorteil. Wenn der Alkoholpegel in der Gruppe insgesamt hoch ist, wenn jemand vom Rettungswagen mitgenommen werden muss oder wegen einer Schlägerei mit zu uns, ist es manchmal aber schwieriger, wenn Freunde dabei sind – weil man dann nicht nur mit einem diskutieren muss, sondern mit drei.

 

Hanna, du hilfst den Betrunkenen als Ärztin ja. Bedanken sie sich dafür?

Hanna: Neulich war ein junger Mann da, der blutüberströmt auf der Straße gefunden wurde, er hatte eine schwere Kieferverletzung. Als seine Eltern kamen, hat er geweint, das war total rührend. Und der hat zum Schluss auch vielen Dank gesagt. Aber das passiert fast nie, die meisten sind sehr undankbar. Vielleicht schämen viele sich auch.

Ann-Christin: Es gibt auch bei uns vereinzelt welche, die sich schämen. Vor allem bei denen, die in die Ausnüchterungszelle müssen. Wenn wir die nach Hause schicken, sagen sie schon mal: „Tut mir leid wegen der Unannehmlichkeiten.“ Aber das kommt auch eher selten vor, die meisten packen ihre Sachen und gehen.

 

Wie sieht so eine Ausnüchterungszelle eigentlich aus?

Ann-Christin: Das ist eine ganz normale Zelle, mit einer Liege und einer Toilette, man kann auch eine Decke haben, wenn man möchte. Wir kontrollieren die Zellen alle 15 Minuten, wenn es erforderlich ist, auch öfter.

 

Randaliert da noch jemand?

Ann-Christin: Wenn sie die Situation verstanden haben, randalieren sie meistens nicht mehr, weil sie ja wissen, dass es nichts bringt. Und klar, viele schlafen. Aber es gab auch mal einen, der die ganze Nacht da gesessen ist und sich nicht bewegt hat.

 

Wird man als junge Polizistin eigentlich oft von Betrunkenen angebaggert?

Ann-Christin: Klar, es gibt schon Junggesellenabschiede, die sagen: „Oh, eine Polizistin, leg mir doch mal die Handschellen an!“ Die Polizei ist generell ein gern gesehener Gast, um mal einen Spruch zu drücken. Ich persönlich nehme mir das aber nicht so zu Herzen. Die betrunkenen Leute glauben in dem Moment ja wirklich, sie seien witzig.

 

Ihr müsst also ziemlich schlagfertig sein in euren Jobs, oder?

Oliver: Bei Frauen ist das, glaube ich, noch mal was anderes. Bei mir reicht meistens: zwei Meter, Vollbart.

 

Und im Taxi erledigt sich das Pöbel-Problem, wenn der Fahrgast einschläft?

Servet: Ja, dann habe ich meine Ruhe. Aber es kann auch ganz schön schwierig sein, die Leute aufzuwecken, wenn man ankommt. Da muss man oft richtig rütteln! Und manchmal schlafen die Leute kurz ein und wissen danach nicht mehr, wo sie sind und wo ich sie hinfahre.

 

Ekelt ihr euch vor den Betrunkenen?

Ann-Christin: Ja, wenn sich jemand übergibt. Aber da kann man ja nicht sagen „Du hast dir aufs Bein gekotzt, ich fass dich nicht mehr an“, sondern muss den zum Beispiel in den Rettungswagen setzen. Und ich mag diesen Geruch von abgestandenem Alkohol nicht, den man vor allem morgens zwischen vier und sechs riecht. Der ist schwer zu ertragen, wenn man nüchtern ist. Wenn ich privat unterwegs bin und mir jemand entgegen kommt, der so riecht, denke ich sofort an meine Arbeit.

Oliver: Ja, der Geruch ist grenzwertig, da muss ich auch immer erst mal eine rauchen.

Hanna: Ich musste neulich bei einem innen die Lippe nähen und war ganz nah an seinem offenen Mund – das war schon unangenehm. Aber ich glaube, im Krankenhaus gibt es ekligere Sachen.

 

Servet, hat dir schon mal jemand ins Taxi gekotzt?

Servet: Zwei Mal. Das Blöde ist: Wenn das passiert, ist die Schicht für mich gelaufen. Das muss professionell gereinigt werden, sonst bleibt der Geruch im Auto. Kostet natürlich, und der Fahrgast muss das zahlen. Das sage ich auch vorher: Ich nehme dich mit, aber wenn du dich übergibst, wird es richtig teuer für dich.

 

Wie teuer denn?

Servet: Die Reinigung kostet 150 Euro. Wenn ich zum Beispiel noch fünf Stunden zu arbeiten habe, verlange ich inklusive Verdienstausfall 250 Euro.

 

Oliver, dein Job ist der einzige, bei dem man theoretisch selbst trinken dürfte. Machst du das?

Oliver: Ich habe vorher als Barkeeper gearbeitet, da trinkst du oft selbst. Darum bin ich auch an die Tür gewechselt. Es gibt zwar kein generelles Verbot, und Sonntagmorgen um halb sechs trinken wir auch mal ein Bierchen. Aber du musst schon nüchtern sein, gerade morgens, wenn die Leute total drüber sind.

 

Laut Statistik ist der Alkoholkonsum in den letzten Jahren etwas zurückgegangen. Dafür sind die Zahlen von Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden, extrem gestiegen.

Hanna: Meine Kollegen sagen alle, dass die Leute heute viel, viel schneller ins Krankenhaus gehen, egal ob sie sich nur den Ellenbogen angeschlagen oder ein echtes Problem haben. Auch die Polizei muss sich über Ärzte absichern. Oder die Eltern bringen ihr betrunkenes Kind, weil sie damit zu Hause nicht zurecht kommen. Die wollen die Verantwortung abgeben – und der Arzt ist sicher nicht derjenige, der sagt: „Passt, geh heim!“

 

Glaubt ihr, Kampagnen wie „Kenn dein Limit“ von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wirken bei Jugendlichen?

Hanna: Ich denke, dass ein Jugendlicher sich nicht so sieht, wie die Jugendlichen auf den Fotos. Vielleicht findet er es sogar cool, wenn es mal peinlich wird, weil er betrunken ist.

Ann-Christin: Ich weiß nicht, wie viel so eine anonyme Kampagne bringt. Aber bei uns gibt es Jugendbeamte, die in die Schulen gehen, zum Beispiel mit Rauschbrillen. Was ist das denn?

Ann-Christin: Das sind Brillen, die einen Rausch simulieren: eingeschränktes Sichtfeld, der Boden schwankt und so weiter. Das spricht die Jugendlichen direkt an und sie können was ausprobieren. Aber auch damit erreicht man sicher nicht jeden.

Oliver: Seien wir doch mal ehrlich: Wenn ich mit 15 in der Schule hocke, schon Geschlechtsverkehr hatte und Joints geraucht habe und gerade anfange, jedes Wochenende zu saufen – und da kommt einer mit ’ner Brille. Da denk ich mir doch: Was willst du eigentlich?

Ann-Christin: Wie gesagt: Man erreicht sicher nicht jeden.

 

In München hat am Wochenende das Oktoberfest begonnen. Ihr habt jetzt sicher viel zu tun, oder?

Hanna: Also, ich freu mich nicht auf die Nachtdienste . . .

Ann-Christin: Klar, es wird mehr werden als sonst, aber ich hab mir den Job ja ausgesucht, das gehört dazu.

Servet: Ich fahre während der Wiesn lieber tagsüber, auch wenn ich nachts vielleicht mehr verdiene. Ich mag das mit den Betrunkenen einfach nicht, ich bin da nicht der Typ für.

Oliver: Halb so wild. Wir haben bei uns im Club kein Oktoberfest-Programm und auch kein After-Wiesn-Publikum. Wer in Tracht kommt, den lassen wir einfach nicht rein.  

 

Text: christian-helten - und nadja-schlüter; Fotos: Conny Mirbach

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