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Moskau aufs Dach steigen

Pasha Subotich dokumentiert mit seiner Kamera illegale Skatertreffen auf Prachtbauten aus der Sowjetzeit. Die Bilder strahlen Freiheit aus. Aber wie frei kann man als junger Mensch in Russland sein?
jetzt-redaktion

jetzt.de: Ihr skatet auf sowjetischen Monumentalbauten. Ist es nicht schwer, da rauf zu kommen?

Pasha Subotich: Du kannst überall hinkommen, wenn du unbedingt willst. Man muss nur ein paar Schlösser kaputt machen. Aber manche Aufstiege waren in der Tat ungemütlich: Wir wollten unbedingt auf das Dach des Olympischen Pools, weil es aussieht wie eine riesige Halfpipe. Um da hin zu kommen, mussten wir eine Wand hochklettern, vorbei am Fenster des Wächters. Die Skateboards zogen wir an einem Seil hoch – das Gebäude ist mehrere Stockwerke hoch, da konnte man sie nicht einfach hochschmeißen.

 

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Viele Häuser, auf denen ihr skatet, sind bewacht. Wie seid ihr an der Security vorbei gekommen?

Wir mussten immer bei Tagesanbruch da sein: Die Wächter schlafen dann meistens, aber es ist noch nicht zu hell. Wir haben den ganzen Sommer gebraucht, um die Dächer abzuklappern, weil wir es selten gebacken bekommen haben, so früh aufzustehen. Andere Gebäude, wie der Moskau-Pavillon am Messegelände VDNcH, sind verlassen und total baufällig. Ein Haufen Eisen und Glas. Selbst wenn du leise trittst, wackelt alles total.

 

Warum geht ihr auf die Dächer? Beim Messegelände gibt es doch einen Skatepark.

Ja, dort wurde mit viel Tamtam der größte Skatepark Europas eröffnet – aber der ist schnell ganz schief geworden und bekam Risse. Profiskater raten davon ab, ihn zu benutzen. Die Regierung tut so, als würde sie etwas für junge Menschen machen, aber letztendlich gibt es immer wieder Leute, die versuchen sich an solchen Projekten zu bereichern.

 

Deine Fotos vermitteln das Gefühl der absoluten Freiheit. Fühlst du dich frei?

Nein. Meiner Meinung nach wohne ich in einem Polizeistaat. Hier ein Beispiel: Vor einem Jahr ist ein ukrainischer Kletterer mit dem Pseudonym Mustang Wanted auf eines der Moskauer Stalin-Hochhäuser gestiegen. Er hat den riesigen Stern auf dem Gebäude in ukrainischen Nationalfarben angemalt. Freunde von mir machten am gleichen Tag einen Basejump von dem Hochhaus. Sie wurden festgenommen, obwohl klar war, dass sie das mit dem Stern nicht waren, sie sind von viel weiter unten gesprungen. Später hat Mustang Wanted die Tat gestanden, trotzdem waren meine Freunde ein Jahr lang unter Hausarrest. Erst vor ein paar Tagen gab es einen Prozess, in dem sie frei gesprochen wurden.

 

Die Fotos auf deiner vkontakte-Seite, dem russischen Facebook, sehen wild aus: Motorrad-Rennen, Ruineneinbrüche, Punkkonzerte. Hast du ein adrenalingeladenes Leben?

Das denken irgendwie alle. Dabei schlafe ich auf einem Klappsofa bei meinen Eltern. Die Leute fragen immer: Woher nehmt ihr die Zeit und die Kohle, so wild unterwegs zu sein? Aber das passiert ein paar Mal im Jahr. Den Rest der Zeit arbeite ich in Kackjobs und schiebe Depressionen.

 

2013 standest du unter polizeilichem Hausarrest, weil du auf einem Motorrad durch eine U-Bahn-Station gefahren bist.

Das Video, wie ich spätnachts durch die Station fahre, ging viral durchs Netz. Und dann war ich dumm. Ich habe für eine kurze Zeit vergessen, in was für einem Land ich lebe und habe, allerdings mit Helm verkleidet, ein paar Interviews gegeben. Später hat ein Kerl, der damals mit uns unterwegs war, mich verraten. Ich saß eine Woche in Untersuchungshaft und dann noch einmal drei Monate zu Hause, mit Fußfessel.

 

Pasha hat zwei Hochschulabschlüsse. Sein Geld verdient er aber mit etwas ganz Fachfremden (nein, nicht mit fotografieren)

 

So eine Tat hätte aber auch in Deutschland polizeiliche Konsequenzen.

Ja, aber mir wurde bewaffnetes Rowdytum vorgeworfen und mit fünf bis sieben Jahren Gefängnis gedroht. Ich hatte Glück, dass gerade die Olympischen Spiele bevorstanden und die ganze Welt auf Russland schaute. Es gab eine Amnestie – unter die ich auch gefallen bin. Aber selbst bei dieser Amnestie stört mich die Willkür. Einzelne Menschen haben so viel Macht! Wenn du jemandem nicht gefällst, der die Position hat, dich einzusperren, ist es eine Sache von zwei Telefonanrufen.

 

Wie lebt es sich derzeit als junger Mensch in Russland?

Die Situation ist gerade schwierig: Ich bin 29 und wohne wieder bei meinen Eltern. Weil der Rubelkurs so schlecht ist, sind vor allem die importierten Sachen sehr teuer. Ich habe vorher immer analog fotografiert, jetzt kann ich mir keine Filme mehr leisten. Viele saufen. Vor meinem Haus sitzen welche täglich auf der Bank – die sind fünf, sieben Jahre jünger als ich und täglich blau.

 

Ist das Skaten auf den Sowjet-Bauten für dich eine Art Protest?

Mir ging es um den visuellen Aspekt. Die ersten Bilder entstanden eher zufällig: Ich hing mit Kumpels auf einem Dach ab, einer hatte ein Board dabei und ich eine Kamera. Die Bilder wurden gut und dann haben wir Feuer gefangen. Mir fielen sofort ein Haufen passende Dächer ein: Die Moskauer Olympiahalle, die von oben aussieht wie eine Schale; das schräge Dach des Moskau-Pavillons oder das Velodrom von Krylatskoje.

 

Bist du ein ausgebildeter Fotograf?

Nein. Und ich will mich nicht Fotograf nennen. Es gibt jetzt in Russland einen Haufen Leute mit Kameras, die sich so bezeichnen. Dabei machen sie nur Fotos von hübschen Frauen in unterschiedlichen Nacktheitsstadien – perfekt mit Photoshop bearbeitet und leblos. Mich interessieren aber nur Bilder, auf denen was los ist. Ich bin auch nicht gut in Auftragsarbeiten. Einmal habe ich bei einem Magazin gejobbt. Einrichtungen fotografieren, das ging noch, mit Einrichtungen muss man nicht reden. Aber dann wurde ich beauftragt, Portraits von Fremden zu schießen. Das war schrecklich. Ich kann nur mit meinen Freunden arbeiten, mit Leuten, mit denen ich mich wohl fühle. Ich mache die Fotos eher für mich, nicht für den Verkauf.

 

Womit verdienst du dein Geld?

Ich habe zwei Hochschulabschlüsse, in Marketing und PR, habe aber kaum im Job gearbeitet. Mir fällt es schwer, im Büro zu sitzen. Eine Zeit lang habe ich als Industriekletterer gejobbt. Ein Kollege hat mich dann gefragt, ob ich Lust habe, Stadtuhren zu reparieren, die hoch auf Pfeilern oder auf Türmen hängen. Davon gibt es allein in Moskau 900 und ständig gehen welche kaputt. Als Uhr-Monteur habe ich es am längsten ausgehalten: drei Jahre. Momentan installiere ich Handy-Antennen.

 

Willst du weg aus Russland?

Eine schwierige Frage. Manchmal würde ich gern weg. Aber dann bekomme ich diese sentimentalen Russlandgefühle: Die Birken, die Balalaikas, ach! (lacht) Jetzt im Ernst: Ich mag es schon gerne hier. Das ist schließlich mein Zuhause. Meine Freunde sind in Russland; Menschen, die mir wichtig sind. Ich will bei ihnen sein und nicht mit ihnen skypen.

 

Text: jetzt-redaktion - Interview: Lena Petrova / Fotos: Pasha Subotich

 

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