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Neue Farben in der Sprache

Das Web, HipHop und die Straße: Mit diesen Einflüssen verändert sich der Jugendslang heute schnell, radikal und vor allem ziemlich europäisch
stefan-zehentmeier

Unlängst hat der Langenscheidt-Verlag das Jugendwort des Jahres gekürt: „YOLO“, ein Akronym für „You Only Live Once“, machte das Rennen unter den insgesamt 40 000 Einsendungen. Neben diesem Anglizismus findet sich auch ein arabisches Wort in der Top Ten des Langenscheidt-Verlags: „Yalla“ (in etwa: beeile dich) steht in der Liste nur stellvertretend für die Flut an arabischen, aber auch serbischen, kroatischen oder türkischen Wörtern, die momentan ihren Weg in den täglichen Sprachgebrauch deutscher Jugendlicher finden.

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Schlendert man dieser Tage über deutsche Schulhöfe, könnte man ins Staunen kommen: Dort mischen sich türkische, arabische, serbische, kroatische und albanische Lehnwörter Seite an Seite mit polnischen und weißrussischen Vokabeln in die deutsche Sprachgrundlage, ein multikultureller Slang, der sich zudem durch alle Zweige unseres dreigliedrigen Schulsystems zieht. So sind Ausdrücke wie „Chaya“, „Para“ oder das geliebte „Ticara“ längst Alltagsvokabeln geworden, man ruft sich gegenseitig mit „Brate“ oder „Bratko“ bis „Habibi“ und schimpft über „Kachbahs“ und „Yaraks“, während echte „Chabos“ sogar wissen, wer oder was ein „Babo“ ist.

Wo vor einigen Jahren noch Erkan und Stefan über den Einfluss der meist türkischstämmigen Immigrantenkinder auf deutsches Sprachgut alberten, findet man heute ein buntes Vokabelmischmasch, das neugierig macht: Woher kommen diese Wörter, die beinahe über Nacht in Jugendzimmern Einzug gehalten haben? Die Antwort findet man auf mehreren Ebenen. Zu einem guten Teil beeinflusst heute das Web 2.0 die Jugendsprache und natürlich haben Lehnwörter verschiedener Sprachen immer auch von selbst ihren Weg in die deutsche Sprache gemacht, doch gerade das aktuelle Feiern eines multikulturellen Sprachmischmaschs im deutschen Hip Hop, genauer gesagt im Subgenre Gangsterrap, dürfte jene sprachliche Integration den entscheidenden Schritt voran gebracht haben. Auch und gerade weil die Popularität des Genres so groß wie nie zuvor ist: An der Spitze der deutschen Charts finden sich immer mehr Hip-Hop-Produktionen, die Jahre zuvor noch als tiefster Underground gehandelt worden wären.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht dabei unter anderem der Offenbacher Rapper Haftbefehl. In Musikfachkreisen macht man Haftbefehl für eine noch immer anhaltende Renaissance deutschen Gangsterraps verantwortlich, die er durch authentische Schilderungen des kriminellen Milieus Frankfurts und nicht zuletzt seinen unverkennbaren Slang und Sprachstil losgetreten hat. Sein Frankfurter Rap-Umfeld firmiert unter dem Namen „Azzlackz“ (bedeutet etwa so was wie „assoziale Kanacken“), ein Name, der mittlerweile schon beinahe einiges Subgenre begründet hat.

Früh entstand so zu ihm ein Wikipedia-Eintrag, der auch das Sprachphänomen bereits vorzeitig absteckte. Dort sprach man von Haftbefehls Aussprache samt dem Konsonanten H als „stimmloser, velarer Frikativ“, einer Klangfärbung, die an den „Duktus der arabischen Sprache erinnert“ und nicht zuletzt dem „Türkischen, Kurdischen und Arabischen entnommenen Vokabeln (. . .) und Satzstrukturen“. „Ich sage immer, ich hab eine eigene Sprache erfunden“, lacht Haftbefehl ins Telefon, nicht umsonst habe er sein zweites Album „Kanacki?“ (gesprochen: Kanackisch) genannt. Im weiteren Gespräch relativiert Aykut Anhan, so heißt Haftbefehl mit bürgerlichem Namen, diese Aussage dann aber doch. Geboren und aufgewachsen als Sohn einer türkischen Mutter und eines kurdischen Vaters, sei es eher sein Umfeld in Offenbach und Frankfurt gewesen, das als linguistischer Schmelztiegel fungierte: „Offenbach ist ja eine sehr multikulturelle Stadt, wir haben einen der höchsten Ausländeranteile in ganz Deutschland. Daher hatte ich immer die verschiedensten Leute um mich rum, neben Türken und Kurden auch Freunde aus Marokko, Griechenland, vom Balkan und Italiener. Da wurde natürlich Deutsch gesprochen. Aber dann hat eben der Araber öfter mal ein bestimmtes Wort benutzt, dann kam der Italiener mit seinen Wörtern und das wurde über die Zeit hinweg einfach in einen Topf geworfen.“ Dabei ist Haftbefehl bei weitem nicht der erste deutsche Rapper, der verschiedene Fremdwörter in seine Texten verbaute, aber doch einer, der dies zu einem absoluten Markenzeichen machte: „Ich denke, wir waren so prägend, weil wir uns einfach getraut haben so zu rappen, wie wir sprechen. Das schöne an dem Slang ist ja: auch wenn man das ein oder andere Wort nicht versteht, kann man viele Bedeutungen aus dem Zusammenhang erklären und lernt dann auch noch was.“ So erschließen sich Schritt für Schritt auch die abenteuerlichsten Fremdwörter.
 
Welchen Einfluss Haftbefehls Songs haben, lässt sich quantitativ schon an den Klickzahlen seiner Videos ablesen: Kaum ein Song zählt unter drei Millionen Aufrufe, auf Facebook fiebern 450 000 Haftbefehl-Fans dem Release seine dritten Albums „Blockplatin“ entgegen. Dabei stehen ihm seine Zöglinge Celo & Abdi in nichts nach. Das bosnisch-marokkanische Rapduo brachte nicht nur ganz eigene Vokabeln ins Spiel, sondern legte gerade anfangs großen Wert darauf, mit besonders kryptischen Texten anzuecken. So heißt es etwa auf ihrer ersten Single „Franzaforta“:
 
„Qifsha nonen Kanacks reden so, Sarajevo, Istanbul Amsterdam, es geht um trgovat, tijara, handeln, tamam ya hast du das verstanden, zwei Immigranten fremd im eigenem Land et, mauvais future en etranger culture, mais ich bin gesund ca va allah sükür“.
 
Verstanden? Dabei finden sich neben bosnischen und marokkanischen Einflüssen auch französische Vokabeln, die die Leidenschaft der beiden für französischen Rap spiegeln. Die Texte selbst zeichnen sich durch oft nur sehr lose Wortverbindungen aus, die dennoch eindrucksvolle Bilder zeichnen. Gerade dieser rätselhafter Slang, aber auch der authentische Straßenhintergrund der beiden Rapper dürfte schließlich für die guten Verkaufszahlen ihres Debütalbums gesorgt haben: „Hinterhofjargon“ landete überraschend auf Platz Acht der deutschen Charts. Gerade haben die beiden einen Autorendeal beim Musikriesen Sony unterschrieben.

Heute befinden wir uns quasi in der dritten Generation der Slang-Rapper: Künstler wie Schwesta Ewa, Olexesh oder SSIO bringen nun polnische, ukrainische und afghanische Vokabeln an den Tisch und kommen damit auf ähnlich schwindelerregende Klickzahlen wie schon die Pioniere des Sprachphänomens. Kein Wunder, dass sich der mittlerweile kaum überschaubare Slang mit immer neuen Vokabeln weiter verbreitet. Wer cool sein will, wer dabei sein will, muss sich zunächst mit den entsprechenden Referenzwerken auseinandersetzen um dann im wahrsten Sinne mitreden zu können. 

Sicherlich werden sich auch nächstes Jahr wieder amerikanische Vokabeln auf den vorderen Rängen der deutschen Jugendwörter finden, es ist aber zu erwarten, dass auch gerade jene „gesamt-europäische“ Vokabeln noch mal stärker vertreten sein werden als noch anno 2012. Das ist schön, denn es zeichnen doch gerade diese Wortimporte ein viel besseres Bild der deutschen Gesellschaft als die alten Anglizismen.
 Stefan Zehentmaier
 
Kleine Vokabelliste (Wortherkunft soweit bekannt):
 
Chaya: Mädchen, Frau
Para: Geld (türkisch)
Ticara: handeln, auch: dealen (türkisch)
Habibi: Schatz, Freund, Liebling (Kosename, arabisch)
Brate: Bruder, freundschaftliche Ansprache (serbokroatisch)
Kahba: Hure (arabisch/kurdisch)
Yarak: das männliche Geschlechtsteil (türkisch)
Kurac: das männliche Geschlechtsteil (serbokroatisch)
Chabo/Chab: Junge (zigeunersprachlich/Rotwelsch)
Babo/ Baba: Vater, auch: Boss, Anführer (türkisch)
tamam: ok (türkisch)
aynen: ebenfalls, ebenso, bestätigender Ausspruch (türkisch)
Ot: Cannabis (türkisch)
Amjas: Onkels, bedeutet: Polizei (türkisch)
Cho: Bruder (arabisch)
Arkadash: Freund (türkisch)
Jibbit: Joint  
Kafa: Kopf (türkisch)
Abi: Bruder, Ansprache zu jedem älteren Bekannten (türkisch)
Eova: Ok, Aha



Text: stefan-zehentmeier - Illustration: Vi Pham

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