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"Pure Brutalität fanden wir nicht sexy"

Michel Ruge wuchs in St. Pauli auf und erlebte eine Jugend voller Gewalt. Jetzt hat er sie in einem Buch verarbeitet. Im Interview spricht er über junge Machos und Schlägereien auf dem Kiez.
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jetzt.de: Über Ihre Entwicklung als Jugendlicher schreiben Sie: „Ich war bei meiner ersten Nutte gewesen. Ich war in einer Gang. Ich war ein Mann.“ Müssen Sie rückblickend selbst darüber schmunzeln?
Michel Ruge: Stolz darauf war ich nur damals. Denn damals waren diese Dinge für uns wichtige Eckpfeiler. Hatten wir all das geschafft, hatten wir unsere Reifeprüfung bestanden. In dieser Parallelwelt, diesem Mikrokosmos, in dem wir zu der Zeit lebten, galt es generell, andere Prüfungen zu bestehen als im bürgerlichen Leben. Und Männlichkeit hat man eben durch Stärke definiert und dadurch, dass man sich in einer bestehenden Hierarchie seinen Rang erarbeitet.
 
Und durch Sex mit Prostituierten?
Sex war das Geschäft in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Und da wir damals kleine Machos waren, gehörte es für uns dazu, sich damit auch gut auszukennen. Das klingt sexistisch, aber so war unsere Welt ja auch.

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In Ihrem Buch heißt es, Sie wären früher „geil auf Keilereien“ gewesen. Woher kam diese Geilheit?
Wir waren damals nicht besonders gut in der Schule. Schule hat uns nicht wirklich interessiert, meistens haben wir einfach gefehlt. Stattdessen wollten wir uns ausprobieren in einer Welt, die dominiert war von Sex und Gewalt. Wir wollten wissen, wie wir in dieser Welt bestehen können. Und um das herauszufinden, gab es nichts Besseres als eine direkte Auseinandersetzung mit einem Kontrahenten. Durch unsere Kämpfe konnten wir uns selbst spüren.
 
. . . und ein paar Mädchen imponieren?
Ja, das wollten wir natürlich auch. Die Mädchen von St. Pauli hat es ja nicht interessiert, ob unsere Väter Doktoren oder Anwälte waren. Sie wollten wissen, wie durchsetzungsstark ein Junge war.
 
Der Ursprung Ihrer Kämpfe scheint jedoch noch ein anderer zu sein: die häusliche Gewalt, die Sie in Ihren Geschichten ebenso detailliert beschreiben. Was hat das mit Ihnen als Jugendlicher gemacht?
Das hat mir vor allem gezeigt, dass Gewalt ein probates Mittel ist, um die eigene Meinung durchzusetzen. Bei häuslicher Gewalt stehen ja immer auch Macht und Angst im Vordergrund. Indem man Menschen Angst macht, macht man sie gefügig und kontrolliert sie. Die häusliche Gewalt, ausgehend von meinem Stiefvater, hat mich sehr geprägt.
   
Hatten Sie Rachegefühle? Wollten Sie selbst auch mal was kaputt machen?
Bei vielen Gleichaltrigen um mich herum war das so. Ich aber hatte große Hemmungen, jemanden zu verletzen. Ich konnte mich immer davor bewahren, schlimme Sachen mit Menschen zu machen. Man könnte mich als gutmütigen Typen unter den damaligen Straßenkindern bezeichnen.
  
Mehr Zuwendung bekamen Sie in der Gang, in der sie Mitglied waren: bei den Breakers.
Bei den Breakers habe ich viel Liebe bekommen. Dort habe ich auch Respekt und Anerkennung erfahren. Innerhalb der Gang herrschte eine Art Brüderlichkeit. Natürlich haben wir uns auch gebissen und hatten kleine Rangeleien, aber wir waren eine geschlossene Gemeinschaft, die sich auch ein gemeinsames Feindbild kreierte. Das hat zusammengeschweißt, genau wie unsere großen Auftritte, wenn wir mit 60 Mann durch die bürgerlichen Gegenden gestapft sind und uns alle Platz gemacht haben.
 
Solche Aufmärsche gab es vor allem vor anstehenden Gang-Kämpfen. Besonders eindrücklich schildern Sie im Buch Ihren ersten Kampf: Sie ringen am Boden mit einem Jungen, der schon sein Messer gezückt hat, und es entsteht der Eindruck, als würden Sie dort gar nicht mit ihm ringen – sondern mit Ihrem Stiefvater. Haben Sie Ihr eigentliches Feindbild womöglich auf greifbarere Gegner projiziert?
Ich habe es damals anders gespürt. Ich empfand nicht nur Verachtung, sondern auch Bewunderung für meinen Stiefvater. Besonders dann, wenn er sich körperlich gerade gemacht und gegen andere behauptet hat. Das fand ich ehrlich und mutig. So absurd es klingt: Teilweise habe ich versucht, meinem Stiefvater genüge zu tun - auch wenn er es nie mitbekam -, indem ich auf der Straße Gleiches getan habe.
 
Wie ging es Ihnen nach den Schlägereien?
Mich hat mein schlechtes Gewissen ständig gequält. Ich habe teilweise geweint, wenn ich jemanden verwundet habe. Da wir nicht besonders behütet und größtenteils uns selbst überlassen waren, hatte ich ja auch die Möglichkeit, regelmäßig zu reflektieren. Ich habe sehr viel nachgedacht und gegrübelt.

Sie schreiben von großen Glücksgefühlen im Straßenleben. Glauben Sie nicht, es hätte Sie damals etwas anderes noch glücklicher gemacht?
Es gab schon Glücksmomente, aber das waren eben nur Momente. Das alles war ja ein Weg, ein langer Selbstfindungsprozess. Ich kann nicht sagen, dass ich damals immer glücklich war, aber auch nicht, dass mir etwas fehlte. Ich hätte nicht tauschen wollen mit den Leuten aus den Elbvororten. Wir haben die privilegierten Kids von den Privatschulen immer als talentlos empfunden, borniert, saturiert, irgendwie willenlos. In dieser HipHop-Kultur mit Breakdance, Graffiti und Gangs hatten sie nichts zu sagen. Sie waren die Angsthasen, die vor uns wegliefen. Sie haben versucht, in der Schule ihre Leistung zu bringen. Später, als ich studiert habe, habe ich einige von ihnen wieder getroffen.
 
Sie schreiben, Sie hätten in den Gangs mehr intelligente Menschen kennengelernt als später in der Uni. Inwiefern?
Sie hatten vor allem soziale Intelligenz. Ümet zum Beispiel, der Chef von den Breakers, hatte ein tolles Gespür für Menschen, konnte sie beurteilen und leiten. Er hatte Charisma und war wirklich sehr eloquent. Ich habe später viele Manager erlebt, die seine Qualitäten gebraucht hätten.
 
Unter ihm schien es auch nicht so hart zuzugehen. Fast ein bisschen ironisch scheint es, dass Sie zu Ihren Kämpfen mit Ghettoblastern auf den Schultern liefen, aus denen Soul-Liebeslieder schallten . . .
Unsere Gangattitüde war auch lange nicht so hart wie die heutiger Straßenkids. Heute laufen Gangmitglieder mit GI-Haarschnitt oder gleich glatzköpfig herum, sind am Hals tätowiert und aufgepumpt mit irgendwelchen Steroiden. Sie machen immer nur ein böses Gesicht. Wir hingegen haben fast immer nur gelächelt. Wir hatten lange Haare, Flaumbart, sportliche Kleidung, haben Kool & the Gang und Sly & the Family Stone gehört und sogar ganz weich dazu getanzt. Bei uns war immer ein Funken Selbstironie dabei. Pure Brutalität auszustrahlen fanden wir überhaupt nicht sexy.
 

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Schlägereien waren als Jugendlicher Ihr bevorzugtes Ausdrucksmittel. Aber hoffentlich keines, das Sie anderen Jugendlichen weiterempfehlen möchten.
Nein, es war ja nur ein Ausdrucksmittel in unserer damaligen Welt, in der wir uns ein Beispiel an den Erwachsenen genommen hatten. Ich habe natürlich auch meine Lehren daraus gezogen.
 
Zum Beispiel?
Ich habe gelernt, dass Gewalt immer destruktiv ist. Gewalt macht Menschen krank, physisch wie psychisch. Gewalt geht an niemandem spurlos vorbei. Gewalt, egal in welcher Form, macht etwas mit einem. Und deshalb ist Gewalt nie der richtige Weg. Ich schreibe jetzt über all diese Dinge, weil ich möchte, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene einen anderen Blick auf St. Pauli bekommen. Ich möchte, dass diejenigen, die St. Pauli zuvor nicht verstehen konnten oder wollten, dadurch die Möglichkeit erhalten, dieses teilweise unmoralische Leben dort zu begreifen. Diese Geschichte kann dabei helfen, eine bessere Verbindung zu den heutigen Jugendlichen herzustellen und mit ihnen in Kommunikation zu treten, anstatt sie, wie so oft, nur zu Monstern zu verschreien. Verstehen ist der erste Schritt zur Verständigung.
 
Wie erleben Sie das Gewaltverhalten heutiger Jugendlicher?
Ich finde, dass die Gewaltspirale extrem nach oben explodiert ist. Die Quantität der Gewalt hat stark zugenommen – aber die der Körperlichkeit nicht. Das fängt schon bei den Kindern an. Viele verbringen ihre Kindheit zu Hause, hocken vor dem Fernseher, spielen Videospiele. Was ich vermisse, ist, dass Kinder ihre Umwelt selbst entdecken und nicht nur wohlbehütet im Hort oder in der Ganztagsschule geformt werden. Mit Umwelt meine ich das, was draußen vor der Tür passiert. Wenn man ab und zu auch mal in Hinterhöfen oder auf einer Baustelle herumklettert, entsteht eine ganz andere Körperlichkeit, als wenn man immer nur Schwimm- und Reitunterricht bekommt. Ich finde auch, dass Kinder, die in der Pause auf dem Schulhof rangeln, nicht ständig gestoppt werden müssen. Rangeleien gehören zur Entwicklung genauso dazu wie Zärtlichkeiten.

Straßenkämpfe und Gangs zählen jedoch nicht dazu. Wozu raten Sie Jugendlichen heute stattdessen?
Sport ist eine super Sache, um sich selbst zu spüren. Im Speziellen finde ich Fechten, Ringen und Boxen hervorragend, weil es die direktesten Auseinandersetzungen sind, die man wählen kann. Im Kampfsport entwickelt man ein Bewusstsein für sich und andere, und durch Schmerzempfinden entwickelt man Mitleid und ein emphatisches Empfinden. Daraus resultieren Fairness und Kameradschaftlichkeit. Man kann lernen, seine Aggressionen einzuschätzen und sich ihnen gegenüber zu behaupten. Das ist wichtig – denn wir alle haben Aggressionen und Gewalt in uns. Wenn man Gewalt grundsätzlich vermeiden will – und das in einer Gesellschaft, in der sie allgegenwärtig ist –, weiß man auch nicht, wie man damit umzugehen hat, wenn man damit plötzlich konfrontiert wird.
 
Glauben Sie denn, dass Jugendliche durch Kampfsport generell gewaltfreier im Alltag werden?
Nein, natürlich nicht. Es liegt in der Verantwortung des Lehrers, seine Schüler nicht abzurichten, nicht scharf zu machen für Straßenkämpfe, sondern ihnen die Verantwortung zu vermitteln, jede Aggression in eine positive, zum Beispiel sportliche Energie fließen zu lassen.
 
„Bordsteinkönig“ von Michel Ruge ist im Januar bei Knaur erschienen.


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