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„Scheiß Grenzen!“

Katrin schreibt an Henson, dazwischen ist die Mauer. Es sind Liebesbriefe, die auch ein bisschen deutsche Geschichte erzählen
jetzt-redaktion

Am 13. August jährt sich der Bau der Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland zum 50. Mal. Diese Mauer trennte auch Katrin und Henson, deren Liebesgeschichte im Jahr 1988 im Zug von Prag nach Dresden beginnt. Katrin, 22, Pharmaziestudentin aus Sebnitz in Sachsen, lernt den zwei Jahre älteren Druckereitechniker Henson kennen. Die beiden verlieben sich, bekommen aber bald die Probleme zu spüren, die ein Zusammensein über die deutsch-deutsche Grenze hinweg mit sich bringt. Katrins Briefe von damals dokumentieren hier die Geschichte einer Liebe zwischen Ost und West. In einem Interview erzählt Katrin heute, wie sie die Situation damals empfunden hat und was aus der Beziehung wurde. 

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Sebnitz, den 4.6.88
Hallo Hennes!

Ich höre gerade Phil Collins und schwebe dabei in Erinnerungen an Joe Cocker, der ja, am Donnerstag, in Dresden ein echt starkes Programm geboten hat. Du wirst ja sicher davon gehört haben. Für mich war es jedenfalls ein sehr, sehr schönes Konzert. Für Euch oder Dich sind ja solche großen Konzerte normal. Zu uns kommen die großen Musiker erst wenn sie drüben längst nicht mehr populär sind z.B. Bob Dylan. Vorige Woche war ich in Dresden im Jazz-Club der heißt Tonne und da haben sie Plakate für das 2. Internationale Jazz-Festival in Viersen eingeladen. Das war aber echt gemein, denn wir dürfen dort ja nicht hin, und wenn man dann noch begeisterter Jazz-Fan ist, ist es doppelt schwer. Ach übrigens hab ich schon 2 mal versucht Euch anzurufen, aber leider komm ich nicht so ganz durch zu Euch. Vielleicht versucht Ihr's mal bei mir oder besser bei meinen Eltern, denn ich habe in meiner Wohnung kein Telefon. Bei uns muß man erst Arzt oder Professor sein ehe man eins bekommt. Ich bin heut echt nicht auf's Schreiben eingestellt, aber ich wollte Euch nicht so lange auf Post warten lassen, sonst habt Ihr mich vielleicht schon ganz vergessen. Ich bin das Mädchen mit den langen blonden Haaren aus dem Zug von Prag nach Dresden.

Schreibt mal oder ruft an.
Katrin S.
  


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Sebnitz, den 2.7.88
Mein Allerliebster!

Nun sind wir wieder jeder allein für sich. Doch lebe ich nun schon wieder in der Hoffnung, Dich am 16.7. wiederzusehen. Möge die Zeit bis dahin sehr, sehr schnell vergehen. Heute kam auch Dein lieber Brief. Du hast mir ja davon überhaupt nicht's erzählt und da war die Freude echt groß.

Ich hoffe Eure Fete heute Abend wird sehr schön, damit Du nicht so alleine bist werde ich an Dich denken. Hoffentlich streßt mich die kleine Nadine nicht so sehr mit Geschichten erzählen, ringen und spielen. Heute habe ich nämlich den totalen Hänger, wenn ich mir vorstelle das Du noch da sein könntest. Scheiß Grenzen und Gesellschaftsforderungen.

Ich höre gerade Radio (Bayern III) Contry-Songs was total losgeht. Da könnte ich glatt im Auto sitzen und fahren, fahren. Der schöne blaue Himmel und daneben einen sehr, sehr lieben Menschen (nur noch Dich). Henson ich hab Dich sehr lieb und weiß eigentlich nicht ob das gut ist. Ich mache mir so Gedanken wegen dem Studium und unserer Liebe. Beim Studium darf ich mich nämlich nicht verquatschen mit wem ich zusammen bin, sonst darf ich gehen und dann habe ich das erste Mal und das letzte Mal ein Studium bekommen. Susi hat mir deshalb heute schon tüchtig die Hölle heiß gemacht. Manchmal spielt sie so Mutter für mich und da Sie weiß das ich total in Dich verliebt bin will Sie mir natürlich bloß helfen, obwohl ich das ja alles selbst weiß. Hoffentlich ist unsere Liebe stark genug dies alles ohne erhebliche Schwierigkeiten durchzustehen.

Weißt Du was am Schönsten bei Dir ist? Ich kann so sein wie ich bin. Bei allen Anderen vor Dir, mußte ich mich verstellen oder für irgend etwas interessieren für was ich gar keinen Nerv hatte, vielleicht ist es auch deshalb immer auseinander gegangen, denn man kann auf Dauer nicht immer etwas machen wozu man nicht geboren ist.
Ich umarme Dich und schließe Dich ganz fest in mein Herz ein

Deine Katrin(chen)
Viele liebe Grüße an Marcus und Katja.
Ich denke an Euch.


  • 855005


9.10.88
Für Dich Henson, in Liebe, Deine Katrin!

Es regnet draußen und Dire Straits stimmen mich total melancholisch. Ich liege nun schon seit Mittwoch zu Hause im Bett oder auf dem Sofa, denn ich kann kaum laufen vor Schmerzen. Ich habe mir nicht den Fuß verletzt, sondern eine üble Grippe seit dem 21.9. spielt mir übel mit. Die Grippe ging ganz schnell weg mit Antibiotika aber nachdem dies alle war, waren wieder Fieber, Gliederschmerzen und heftiges Bauchweh wieder da. Wenn ich so alleine zu Hause bin denke ich wieder recht oft an unseren gemeinsamen Urlaub und wie schön das war. Das erste mal wo ich richtig traurig war, war als Du im Taxi saßt und mir nicht gewunken hast. Da hätte ich heulen können und die Zeit bis zur Zugabfahrt war für mich auch total belastend. Ich habe mich beim Kaufhaus geradeüber vom Bahnhof auf die Bank gesetzt und die Uhr angestart. Und als es 15.45 war hab ich auf Dein Flugzeug gewartet, aber es war nicht zu hören durch den Straßenlärm. Ich hoffe Du denkst auch noch manchmal an unseren Urlaub und an mich.Warum schreibst Du denn eigentlich nicht mehr? Es bedrückt mich, ich habe Dich doch trotzdem gern, bloß ich konnte Dich nicht lieben, weil ich immer Angst vor dem Versuch habe und hatte die DDR vielleicht mal zu verlassen. Du hast mir manchmal nicht den Raum gelassen zur freien Entscheidung. Oh man, wie kann ich Dir dies alles mal erzählen. Ich habe auch Angst dies zu schreiben wegen meinem Studium. Komm doch bald mal wieder vorbei. Ich halts kaum noch aus ohne mit Dir wieder Freundschaft geschlossen zu haben. Rufe doch endlich mal an oder schreibe, damit ich sehe das Du mir nicht mehr böse bist. Ich warte auf jede Antwort und Lebenszeichen von Dir.

Es umarmt Dich ganz lieb
Deine Katrin!


  • 855007



Sebnitz, den 6.3.89
Lieber Henson!

Ich sitze gerade bei Rotwein, Kerzenschein, Hermann van Veen und im Ofen knack das Holz. Auf dem Tisch steht Dein Bild und so schreibe ich Dir jetzt diese Zeilen. Immer wenn es mir gut geht und ich sentimental werde schreibe ich Dir Briefe und meist werden es dann Liebesbriefe, die Dich dann so fertig machen. Warum ich das tue weiß ich nicht!? Vielleicht weil ich Dir doch irgendwie noch sehr nahe stehe ohne es zu merken. Sei mir bitte deshalb nicht böse. Dir geht es leider nicht so, doch vergessen können wir Beide uns irgendwie nicht. Heute war ich das zweite Mal auf der Polizei wegen der Einladung Deines Bruders. Morgen muß ich noch mal hin. Sie wollen mich nicht so richtig fahren lassen. Sie haben Angst ich könnte bei Euch bleiben. Das ist zwar bei mir unbegründet. Doch viele junge Leute sind halt nicht wieder gekommen von Euch. So daß es endlose Gespräche gibt bis sie ja oder nein sagen. So etwas zermürmt einen unendlich, ich glaube das wollen die auch.

Hoffentlich kommst Du am Wochenende nach Leipzig oder nach Berlin. Ich wart sehnsüchtig auf Deinen Anruf. Nun kann ich wieder mit Dir reden am Telefon, hoffe ich wenigstens. Wie geht es Dir jetzt gefühlsmäßig so? Hast Du die Frau aus der U-Bahn jetzt ganz oder ist da nichts!

Habt Ihr jetzt beim Studium auch frei. Wir haben ja jetzt drei Wochen frei. In Leipzig ist ja Messe und da werden unsere Internate gebraucht für Soldaten. Es wurde auch mal Zeit eine Pause, denn die Nerven und die Konzentration in der Schule nahmen jetzt total ab.
Ich warte auf Dich und Deinen Anruf. Ich möchte Dich bald Wiedersehen.
Bis hoffentlich bald!
Dein Katrinchen!
 
Die Briefe wurden der Sammlung „Post von Drüben“ des Museums für Kommunikation in Berlin entnommen. Ab dem 13. August werden in einem Online-Archiv unter www.museumsstiftung.de/post-von-drueben erstmals 600 Briefe veröffentlicht, die zwischen 1949 und 1990 zwischen Ost- und Westdeutschland verschickt wurden.

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