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Tanz ums Totem

Was tragen die da herum? Und warum eigentlich? Festival-Totems helfen Freunden, sich wiederzufinden, und schweißen zusammen. Eine Auswahl der schönsten Kunstwerke von der Fusion
marlene-halser

In einer großen Gruppe auszugehen, das ist schon an einem ganz normalen Abend mühsam. Dauernd muss man auf jemanden warten und je größer die Masse, desto träger und schwerer fortzubewegen ist sie auch. Noch anstrengender wird’s auf einem Festival: so viele Leute, so viele Bühnen, so was von kein Handyempfang. Einer will was trinken, der Nächste will tanzen, der Dritte muss aufs Klo. Dass ständig alle aufeinander warten, ist so gut wie ausgeschlossen. Da geht man schnell verloren und auf großen Festivals war’s das dann. Wenn man Pech hat, trifft man sich das nächste Mal im Zelt – vorausgesetzt, alle schlafen zur selben Zeit. Dabei wollte man all die schönen Erlebnisse doch mit den Freunden teilen, mit denen man hergekommen ist!

Also zurück zu den einfachen Dingen, dachte sich ein schlauer Mensch irgendwann, irgendwo, vor nicht allzu langer Zeit (Genaueres ist leider nicht überliefert), und befestigte einen auffälligen Gegenstand an einer langen Stange, die über die Menschenmenge hinausragte. Seine Methode hatte Erfolg: Seine verlorengegangenen Freunde kamen zurück. Ganz analog, ganz ohne Verabreden, ganz allein auf Sicht.

Und wie das so ist mit einfachen, aber genialen Ideen: Irgendwann greifen andere Menschen sie auf – und denken darüber nach, wie man sie besser machen kann. Seit drei, vier Jahren, berichten Festivalgänger, sind die Dinger mehr und mehr auf Open-Air-Festen zu sehen. Ist das Prinzip etabliert, kommt das Design. Immer kunstvoller werden die Kreationen. Denn mittlerweile geht es nicht mehr nur ums Wiederfinden, sondern auch um Distinktion.

Im Netz nennt man sie „Festival-Totems“. Ein guter Name. Denn als Totem bezeichnete der Ethnologie Claude Lévi-Strauss das Symbol einer Gruppe – und tatsächlich sind die meist mit viel Zeit und Mühe gestalteten Festival-Maskottchen längst zu Gruppenabzeichen geworden, die sagen: „Unter diesem Objekt sind wir als Clan vereint.“ Wie eine Art Wappentier bekommen die Totems von ihren Jüngern einen Namen und eine Persönlichkeit zugedacht. Und wachen als Schutzgeister über die Freunde, die unter freiem Himmel feiern.

Softeis mit verstopftem Rohr

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Lutz (gestreiftes Top, Mitte), 28, Frankfurt: „Wir gehören alle zu Softie, dem Techno-Softeis. Ich habe vier Tage lang an Softie gebastelt und ungefähr hundert Euro fürs Material ausgegeben. Seine Waffel besteht aus einem Eimer, das Eis ist aus Bauschaum. Das Ganze habe ich mit Latexfarbe bemalt, in der spezielle Pigmente sind, die im Dunkeln leuchten. Sieht toll aus! Die Augen und den Mund habe ich aus Weihnachtsbaumkugeln gemacht. Wir haben Softie auch als Fahne ausgedruckt und sie über unserem Camp gehisst, damit wir immer zu unserem Zelt zurückfinden. Eigentlich kann Softie auch Seifenblasen spucken. Aber das Rohr ist verstopft. Wahrscheinlich ist eine Ameise reingekrabbelt.“


Freude über Fridolin

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Farina, 26, Berlin: „Mit Fridolin dem Löwen habe ich vier schöne, kreative Nächte verbracht, bis er fertig war. Sein Kopf ist aus Pappmaché und seine Mähne aus eingefärbtem Schneiderfließ. Das Tolle an Fridolin ist, dass man seinetwegen ständig mit anderen Menschen ins Gespräch kommt. Die Leute freuen sich über ihn und bewundern die liebevolle Arbeit, die in ihm steckt. Und ich freue mich mit. Diese Dankbarkeit, die einem von fremden Menschen entgegengebracht wird, weil man sich mit etwas Mühe gemacht hat, die ist schon toll.“


>>> eine Glitter schnaubende Giraffe und etwas Origami


Schnaub mal Glitter, Giselle

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Olaf, 41, Hamburg: „Das ist Giselle, la Girafe. Allerdings ist das nur ihr Künstlername. Eigentlich heißt sie Gisela Glubsch. Früher hat Giselle Helene Fischer gehört, aber das haben wir ihr ausgetrieben. Jetzt mag sie elektronische Musik und kommt mit uns zu Festivals. Giselles Hals besteht aus Hasendraht, den wir mit Stoff umwickelt haben. Den Kopf haben wir aus Pappmaché gemacht, ihre Wimpern sind aus Malerquasten zurechtgestutzt. Und Giselle kann rauchen und Glitter ausschnauben! Unten am Fuß haben wir einen Schlauch befestigt, was man da reinpustet, kommt aus Giselles Maul wieder raus. Beim Tanzen kann man Giselle mithilfe eines Dorns, der eigentlich für Sonnenschirme gedacht ist, in die Erde drehen. Dann steht sie von alleine. Wollen wir weitergehen, hat Giselle einen eigenen Zivi, Sven, der sie trägt  – die gemeine Hausgiraffe ist zwar handzahm, aber eher schlecht zu Fuß.“

Allein mit der Taube

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Dennis, 29, Hamburg: „Mein Freund Leo hat die ‚Dancing Pigeon’ gebastelt. Oder viel mehr gefaltet. Das ist nämlich Origami. Allerdings liegen Leo und die anderen irgendwo im Delirium. Wo, weiß ich nicht. Also bin ich alleine losgezogen, um sie zu finden. Oder zumindest einen von ihnen, das würde mir schon reichen. Die anderen kommen dann früher oder später dazu. Die Taube hilft mir bei der Suche. Was wir allerdings festgestellt haben: Tagsüber funktioniert das Ding zwar super, aber nachts braucht man ein Totem, das leuchtet, sonst bringt das nichts. Wir sind noch nicht so professionell.“


>>> Rettung für den Teppichklopfer und ein spontanes Familienwappen


Könnte auch ein Sexspielzeug sein

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Fabian, 24, Wien: „Keine Ahnung warum, aber ich bin irgendwie auf Putzutensilien abonniert. Letztes Jahr hatte ich einen Staubwedel dabei, diesmal ist es ein Teppichklopfer. Aber der hat ja auch wirklich eine schöne Form. Er ist leicht, liegt beim Tanzen gut in der Hand und man kann sich damit frei bewegen. Und bevor die Hersteller Pleite gehen – denn heutzutage klopft ja kaum noch jemand seinen Teppich aus –, hat er als Totem eine neue Bestimmung gefunden. Rettet die Teppichklopfer! Aber das Beste ist: Ich habe genau drei Minuten gebraucht, um das Totem zu bauen. Vorhin hat mich jemand gefragt, ob das ein Sexspielzeug ist. Wie man sieht: Mein Totem ist multifunktional einsetzbar.“

Mehr Lametta

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Martyn alias Buuf, 25, Groningen / Niederlande: „Die Fahne habe ich erst heute Vormittag gebastelt. Ein paar Leute, mit denen ich hier bin, hatten das Material dabei. Aber niemand hat etwas daraus gemacht. Als ich dann die ganzen Totems gesehen habe, wollte ich ein eigenes haben. Also habe ich heute Morgen einfach Tüllstoff an einer Bambusstange befestigt und die Fahne mit Lametta verziert. Ich bin Performer im Paradigm, einem Techno-Club in Groningen. Die ganze Crew ist mitgefahren. Wir sind wie eine Familie. Und jetzt haben wir unser Familienwappen mit dabei.“


>>> Ein Hase verlängert die Arme und ein Schirm hebt sich vom Himmel ab


Hasentanz

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Paula, 26, Berlin: „Unser Motto ist ‚Follow the White Rabbit’. Der Hase war schon im letzten Jahr auf der Fusion mit dabei. So sieht er auch aus. Ein Ohr war abgebrochen und musste wieder fixiert werden. Außerdem hat ihn im letzten Jahr jemand mit roter Farbe besprüht. Dafür trägt er jetzt statt einer Taschenlampe eine Lichterkette mit sich. Uns war vor allem wichtig, dass der Hase leicht ist. Deshalb besteht sein Körper aus Pappe. So macht es Spaß mit dem Hasen zu tanzen, es fühlt sich fast so an, als wäre er die Verlängerung deiner Arme. Und der Hase küsst für sein Leben gern. Man muss ihn anderen Menschen nur vors Gesicht halten und schon wird er geknutscht.“

Gold vor Blau

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Caroline, 23, Berlin: „Oh, das ist gar nicht mein Totem. Das gehört meiner Freundin Tina. Wir wechseln uns mit dem Tragen ab. Zum ersten Mal hatte sie den goldenen Schirm vor drei Jahren auf einem kleinen Open Air in Mecklenburg-Vorpommern dabei. Seitdem nimmt sie ihn immer mit. Er ist unser Erkennungszeichen, so finden wir uns wieder. Bei zwanzig Leuten und ohne Handyempfang würde das sonst nicht klappen. Gerade hat es schon wieder funktioniert: Zwei meiner Freunde haben mich wegen des Schirms in der Menge entdeckt. Was mir besonders gut an dem Totem gefällt? Das Gold hebt sich so schön vom Blau des Himmels ab.“


>>> Schaf mit Fanpage und Fisch in Balance


Shaun da Fusion-Bouncer

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Geli, 32, Berlin: „Ich hab’ einfach meinen alten Shaun-das-Schaf-Rucksack umfunktioniert und ihn mithilfe der Träger um eine Malerstange gewickelt. Fertig. Früher war Shaun mal männlich, mittlerweile aber ist er trans* und trägt Lippenstift und Moustache. Shauny, wie wir sie liebevoll nennen, ist jetzt schon das vierte Jahr in Folge auf der Fusion mit dabei. Sie ist die beste Tänzerin überhaupt, soo mit den Armen und Beinen schlenkern kann niemand außer ihr. Sie hat sogar eine eigene Facebook-Fanpage. 'Shaun da Fusion-Bouncer' heißt sie dort. Ich halte Shaun sehr gerne. Ich war mal Tonfrau beim Fernsehen, deshalb fühle ich mich mit der Stange wohl.“

Fisch ohne Zigarette und Bier

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„Darf ich vorstellen: der Regenbogenfisch. Sein Körper besteht aus Maschendraht, Alufolie und Geschenkpapier. Außerdem trägt er eine Lichterkette, damit man ihn nachts sehen kann. Der Regenbogenfisch ist unsere Kommunikation. Jeder aus unserer Gruppe weiß sofort, wo wir sind, wenn er ihn sieht. Die Teleskopstange lässt sich bis zu vier Meter hoch ausfahren, das ist praktisch, wenn man mitten in der Menge tanzt. Allerdings ist der Fisch dann nicht mehr so leicht zu balancieren. Besser man stellt die Stange am Boden ab. Und man braucht als Träger immer einen Assistenten, der einem das Bier und die Zigarette hält. Denn alle drei Dinge auf einmal, das geht leider nicht.“

Text: marlene-halser - Fotos: marlene-halser

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