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Bücher, CDs, Brettspiele: Wer heute etwas verkaufen will, stellt einen Trailer ins Netz. Was soll der Quatsch?
jan-stremmel

Kleines Rätsel zum Einstieg: Was verbindet die Band Bon Jovi, den Laufsteg-Trainer Jorge González, die Zeitschrift Stern und das Jugendzentrum Poing? Ganz einfach: Alle vier wollen uns in diesen Tagen etwas verkaufen, und um uns so richtig anzufixen, verwenden sie die exakt gleiche Methode: den Trailer im Internet.

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Bon Jovi hat ein neues Album, Laufsteg-Jorge ein eigenes Buch, der Stern ein neues Layout, und das Juz Poing macht eine Party namens „Endless Friday“. Wir halten fest: Eine Softrock-CD, ein Buch für deutsche „Topmodel“-Fans, eine etwas angestaubte Zeitschrift, eine Fete für Schüler im Münchner Osten. So weit, so harmlos. Doch die Frage ist: Warum brauchen die plötzlich alle einen Trailer?

Vor ein paar Jahren hätte die Plattenfirma von Bon Jovi es dabei belassen, Interviews zu organisieren und Litfaßsäulen zu tapezieren. Der Heyne Verlag, bei dem González’ Biografie erscheint, hätte Anzeigen in Mädchenzeitschriften geschaltet und den Autor in Talkshows gesetzt. Der Stern hätte eine Titelgeschichte über Brustkrebs mit einer nackten Frau bebildert und das Juz Poing hätte vor dem benachbarten Gymnasium Flyer verteilt. Zack, Botschaft raus, Zielgruppe erreicht.

Heute aber können wir als unbescholtene Facebook-Nutzer kaum zweimal den Newsfeed nach unten scrollen, ohne mit Trailern bombardiert zu werden – für Brettspiele, Bands, Theaterstücke, Partys und Frühjahrskollektionen. Immerhin: Ab und zu wirbt ein Trailer tatsächlich noch für einen Film.

War da nicht was? War das Prinzip „Trailer“ nicht ursprünglich mal reserviert für den Moment, in dem man im halbdunklen Kinosaal sitzt, gerade die Jacke bequem hinter den Rücken gestopft hat und mit dem ersten Zug aus dem Strohhalm in der Leinwand versinkt? In jener magischen halben Stunde vor dem Hauptfilm war man bereit, sich selbst von der Vorschau des dümmsten Actionfilms ein wenig heimliche Gänsehaut über den Nacken jagen zu lassen. Rasende Schnitte, donnernde Musik, die stets bedeutungsschwanger grollende Stimme aus dem Off – das reinste Feuerwerk der Sinne! Klar, dass sich diesen Effekt jeder wünscht, der etwas zu verkaufen hat. Weshalb Eiscremehersteller verständlicherweise seit Jahrzehnten den teuren Werbeplatz zwischen Trailern und Hauptfilm kaufen. Nirgends hat man mehr Lust auf Eiskonfekt als mit frisch aufgestelltem Nackenhaar im Kinosessel.

Nun sind schlechte Werbeclips natürlich kein neues Phänomen. Man darf aber annehmen, dass bisher der fünfstellige Betrag, den ein TV-Spot kostet, die schlimmsten Blamagen verhinderte. Heute hingegen gibt Youtube und die damit einhergehende Radikal-Demokratisierung des Bewegtbilds jedem mittelkreativen Marketingleiter ein potenzielles Werkzeug in die Hand, sich zum Gespött der Welt zu machen. Mit Trailern für Produkte, die sich für die filmische Umsetzung in etwa so gut eignen wie ein Bagger für eine Flugschau.

Da sitzt Laufsteg-Jorge mit überschlagenen Beinen an einem Tisch, hält sein Buch in die Kamera, während jemand sanft Piano spielt, und spricht allen Ernstes Sätze wie: „Spannend, überraschend und ehrlich – wie mein Leben.“ Jon Bon Jovi hetzt im Stakkato durch jeden der zwölf Refrains seines Albums. Fußballreporter Waldemar Hartmann monologisiert vor einer Bücherwand über die wilden Geschichten, die angeblich in seinem Buch stehen. Besonders gewitzt ist ein großer Brettspielhersteller, der ein paar Menschen in Mittelalterkostümen eine Art bizarres Bauerntheater aufführen lässt. Gegen das Nervenfeuerwerk im Kino wirkt diese neue Generation von Trailern bestenfalls wie ein flackerndes Teelicht. Weil Rock-Alben, Spiele und Bücher nun mal dadurch ihre Wirkung entfalten, dass sie Bilder im Kopf produzieren. Stülpt man solchen Produkten bewegte Bilder über, wird es schnell anbiedernd, selbstgefällig oder schlichtweg grotesk.

http://www.youtube.com/watch?v=PTifyQ_zTA4 "Ganz traurige Momente" hat Jorge erlebt, sagt er in seinem Trailer. Für den Zuschauer ist der ganze Trailer ein zu langer trauriger Moment.

Nicht dass etwas dagegen spräche, ein neues Medium für Gratis-PR zu nutzen – aber was lässt die Marketingabteilungen an den Erfolg dieser Art von Werbung glauben? Die Zahlen wohl eher nicht: Den Buchtrailer von Waldi Hartmann hatten am Freitag, nach gut zwei Wochen, ganze 82 Menschen gesehen. Für Jon Bon Jovi, der seit Jahrzehnten Fußballstadien füllt, müssen die lausigen 3 700 Klicks auf seinen Trailer wirken wie Gotteslästerung.

Es ist also wohl eher der diffuse Drang des Irgendwie-dabei-sein-wollens, der die Masse an Trailern erklärt, die unsere Timelines verstopfen und doch größtenteils ungeklickt im Netz verstauben. Die Logik: Besser 30 eingefleischte Fans finden einen Clip im Netz, als Youtube zu ignorieren und sich dem Verdacht der Internet-Ignoranz auszuliefern.

Übrigens hat das Kino mittlerweile erkannt, dass da Horden von Banausen in seinem Revier wildern. Bevor Blockbuster, etwa der neue James Bond, mit Trailern im Kino beworben werden, posten die Produktionsfirmen neuerdings sogenannte „Pre-Trailer“ im Netz. Der kleine fade Youtube-Trailer als Vorgeschmack auf den großen Bruder, den echten Hammer-Trailer im Kino: eine charmante Art, die Machtverhältnisse klarzustellen.

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