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Und es geht doch!

Für soziales Engagement neben der Uni bleibt im neuen Bachelor-System eigentlich keine Zeit. Wir haben vier Studierende getroffen, die davon erzählen, wie sie es trotzdem schaffen
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Amelie, 23, studiert Ethnologie und hilft Flüchtlingen

Ich habe außerhalb meiner Klausurphasen zum Glück ein eher entspanntes Studium und daher die Zeit, mich für soziale Gerechtigkeit zu engagieren. Seit drei Jahren bin ich über den Münchner Flüchtlingsrat Patin einer irakischen Flüchtlingsfamilie. Ich wollte gerne was mit Flüchtlingen machen, weil ich mich im Studium mit Migration und internationalem Recht beschäftige. Also gab ich in Google „München“ und „Flüchtlinge“ ein und fand gleich das Angebot (save-me-kampagne.de). Einmal pro Woche fahre ich nun zu dieser Familie: Ich helfe den Kindern bei ihren Hausaufgaben, den Eltern bei amtlichen Briefen, oder gehe mit ihnen aus. Das ist ein schöner Ausgleich zur Uni. Nebenbei lerne ich Arabisch, bekomme leckeres Essen und lerne das deutsche Sozialsystem von einer anderen Seite kennen. Für mich sind die Besuche kaum Aufwand und dennoch habe ich das Gefühl, etwas konkret Hilfreiches zu tun, weil ich die Probleme sichtbar lösen kann. Die Termine sind flexibel, doch ein regelmäßiger Wochentag hilft, das routiniert durchzuziehen. Neben der Familie bin ich noch in zwei weiteren Organisationen aktiv: Beim Freiwilligenaustausch „weltweit e.V.“, mit dem ich ein Jahr in Kenia war und heute Austausche mitorganisiere, und bei „La vie campesina“, einer weltweiten Bewegung von Kleinbauern gegen Landraub, wo ich im Übersetzerteam arbeite. Mein Kalender ist also immer voll, doch zum einen funktioniert vieles auch per Mail und zum anderen kann ich mehr für die Uni tun, wenn ich weiß, dass ich nicht viel Zeit habe, weil ich sie dann effektiver nutze. Außerdem habe ich dank meiner Aktivitäten ein Stipendium, das mir finanziell den Rücken frei hält, und ich bekomme auch sehr hilfreiche Inputs zu Themen wie Flüchtlingsrechte und Umweltschutz, die mich im Studium weiterbringen. Studium und Engagement ergänzen sich bei mir also wunderbar.
 

Hans, 21, studiert Architektur und rettet Menschen

Feuerwehrmann sein war als Kind schon immer mein Traum. Mit 12 bin ich zur Jugendfeuerwehr gegangen, seit 2008 bin ich in der aktiven Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr. Das wollte ich auch nicht aufgeben, als ich letztes Jahr für das Studium nach München zog. Pro Monat gibt es ein bis zwei verpflichtende Übungen, um körperlich fit zu bleiben und auf dem neuesten Stand der Technik zu sein. Wir lernen uns aus Höhen abzuseilen, Menschen aus der Isar zu ziehen und aus unzugänglichem Gelände zu bergen. Vor allem bedeutet bei der Feuerwehr sein aber eine ständige Alarmbereitschaft, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Mein Handy ist gleichzeitig eine Art Pieper: Wenn es einen Alarm gibt und ich innerhalb der nächsten zehn Minuten zur Wache kann, versuche ich das auch. Mit Uni und Freizeitgestaltung verträgt sich das nicht immer: Manchmal habe ich einen Alarm, gerade bevor ich aus dem Haus will, auf einer Party bin oder im Hörsaal sitze. Nach langen Einsätzen kann es durchaus sein, dass ich völlig übermüdet zum Kurs komme oder Sachen nachlernen muss. Zum Glück habe ich verständnisvolle Freunde, die mir ihre Mitschriften leihen. Und: Das ist alles freiwillig. Wir sind nicht gezwungen, Prüfungen ausfallen zu lassen oder Übungen abzubrechen. Wir haben etwa fünfzehn Leute mehr als Plätze auf den Einsatzfahrzeugen, um immer mit einer Mindeststärke ausrücken zu können. Die Arbeit ist zum Teil sehr belastend, denn es muss selbstverständlich sein, in Gebäude zu gehen, wo andere heraus rennen und auch unschöne Anblicke nach Unfällen dürfen einen nicht zu sehr belasten. Doch ich mag das Gefühl, Menschenleben retten zu können und auch den Adrenalinkick bei jedem Einsatz. Es ist erstaunlich, welche Kräfte man in Alarmbereitschaft freisetzen kann. Übrigens kann man in jedem Alter der Freiwilligen Feuerwehr beitreten, wenn man fit genug ist.
 

Doro, 22, studiert Medizin und ist bei Amnesty International

Bevor ich ein Medizinstudium in München anfing, habe ich in Genf Internationale Beziehungen studiert. Anfangs war ich voll Tatendrang und hatte mir alles angeschaut, was man so machen konnte: Orchester, Fachschaft, die Fakultätszeitschrift und verschiedene UN-Simulationen. Daneben war ich Backgroundsängerin, besuchte einen Zeichenkurs, spielte Tennis, und so weiter. Durch mein neues Studienfach hat sich mein Zeitbudget radikal verringert: Ich muss gestehen, dass man sich echt gut organisieren muss und das Studium einer eisernen Disziplin bedarf. Meine Aktivitäten musste ich erst mal zurückschrauben. Im ersten Semester habe gar nichts gemacht außer Sport und Zeichnen. Im zweiten Semester hat sich die Amnesty-Hochschulgruppe dazugesellt. Dort bin ich aber auch nicht die Aktivste, sondern projektbezogen dabei, das heißt konkret eine Handvoll Treffen im Semester. Ich fühle mich aber noch nicht ganz ausgelastet und erfüllt, deswegen werde ich in den nächsten Semestern definitiv noch mehr machen. Ich habe viele Interessen und wenn ich nicht überall etwas machen kann, fühle ich mich nicht wohl. Dazu gehört auch gesellschaftliches und politisches Engagement. Ich gestalte meine Umwelt gerne mit und es ist ein tolles Gefühl, Einfluss auf die aktuellen Geschehnisse nehmen zu können. Das einzige, was mir dabei wichtig ist, ist absolute Flexibilität. Engagement darf sich für mich nie wie eine Pflicht anfühlen. Ich entscheide gerne spontan, wie stark ich mich einbringe und wo ich gerade besonders motiviert und interessiert bin. Deswegen engagiere ich mich lieber projektbezogen, also arbeite für einen kürzeren Zeitraum dafür umso intensiver an einem Projekt mit, als langjährig und regelmäßig in einem Verein.
 


Christian, 25, studiert doppelt und ist in der Ethikkommission
 
Theoretisch ist schon mein Doppelstudium (Politik und Geschichte) ein Vollzeitjob. Aber mein Ziel ist es nicht, so schnell wie möglich fertig zu werden. Ich will kein Lernroboter sein. Neben dem Studium engagiere ich mich bei verschiedenen Organisationen in der internationalen Umwelt- und Klimapolitik und verwende nahezu meine gesamte Freizeit darauf. Seit 2006 habe ich an 13 UN-Verhandlungsrunden der UN-Klimarahmenkonvention und der Konvention zur biologischen Vielfalt teilgenommen – allein die Ordner dafür füllen bei mir ein zwei Meter langes Wandregal. 2011, als der Atomausstieg ausgerufen wurde, wurde ich vom Bundeskanzleramt als Jugendvertreter in die Ethikkommission einberufen. Viele fragen mich, ob ich überhaupt schlafe. Na, klar! Ich plane so, dass ich mindestens ein Wochenende im Monat für mich habe. Vor allem in der Vorlesungszeit versuche ich mich auf das Studium zu konzentrieren. Wenn möglich fange ich schon Monate vor Semesterbeginn an, die wichtigsten Termine zu legen, um sie bei der Stundenplangestaltung berücksichtigen zu können. Auch wenn ich jedes Semester mein Fehlstundenkontingent ausreize, klappt es. Nur in den ganz heißen Phasen, etwa vor den Klimazwischenverhandlungen im Mai und Juni, wird es eng. Es kommt vor, dass ich den ganzen Tag in der Uni sitze und danach zum Bahnhof hetze, um zu einer Verhandlung zu fahren. Anders herum passiert es mir immer wieder, dass ich bis spät nachts in politische Gespräche eingebunden bin und den letzten Zug zurück in meine Unistadt Marburg nehmen muss. Viele Aufgaben kann ich im Zug erledigen, das ständige Aktivsein hat aber auch Schattenseiten. Manchmal schreibe ich auch nachts im Hotel noch an Hausarbeiten und letztens flog ich aus einem Seminar, weil ich bei einer Sitzung fehlte. Dass ich zum gleichen Zeitpunkt in Berlin meine Ernennungsurkunde zum Jugendbotschafter für die UN Dekade zur biologischen Vielfalt entgegennahm, wurde als Entschuldigung nicht akzeptiert. Aber jeder muss seine Prioritäten setzen und die Konsequenzen akzeptieren. Für mich sind die ehrenamtlichen Aktivitäten nicht nur Arbeit, sondern die schönste Freizeitbeschäftigung. Mir haben sich so viele Chancen eröffnet und ich habe Freunde auf jedem Kontinent.


Auf der nächsten Seite gibt's noch eine kleine Anleitung: Engagieren für Anfänger


1. „Wirklich gar keine Zeit!“
Auch ohne sich aktiv zu engagieren, kann man Organisationen unterstützen. Jedes Mitglied zählt, um die Öffentlichkeitswirkung zu steigern. Studenten zahlen meistens einen ermäßigten Mitgliederbeitrag von etwa zwanzig Euro jährlich und erhalten dafür Mitgliederzeitschriften. Achtung: Mitgliedsein ist nicht dasselbe wie Spenden und umgekehrt.
 
2. „Ein, zwei Stunden pro Woche sind drin.“
Es gibt unzählige lokale Hochschulgruppen, sie treffen sich wöchentlich, 14-tägig oder monatlich am Abend und planen Aktionen. Gib am besten deinen Ort und „Hochschulgruppe“ bei Google ein, um einen Überblick zu finden. Alternativ kontaktierst du einfach Organisationen, die dich interessieren und fragst nach, was du erledigen kannst und ob das auch von Zuhause geht. Gelegentlich gibt es auch Messen mit Engagementmöglichkeiten, zum Beispiel von Tatendrang.de

3. „In den nächsten Semesterferien hätte ich noch nichts vor. . . “
Man kann sich auch punktuell und projektbezogen engagieren, entweder in Freiwilligendiensten, Hilfsorganisationen oder Hochschulgruppen. Auch hier gilt: Interessensfeld definieren, Google-Suche oder Schwarze Bretter. Tipp: Ein zeitlich begrenztes Engagement kann man auch gut mit Praktika und Auslandsaufenthalten kombinieren.
 
4. „Ich bin voller Tatendrang!“
Stelle dir die Frage, welches Thema dich am meisten interessiert oder auch am meisten ärgert, und wo du Handlungsbedarf siehst. Außerdem solltest du von Anfang an realistisch einschätzen, wie viel du zeitlich leisten kannst und ob du lieber lokal, national oder international anpacken möchtest. Für alle Interessensfelder gibt es Organisationen und Aktive werden immer gesucht.


Text: vanessa-vu - Illustration: katharina-bitzl

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