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Diese Brüder drehen auf eigene Faust Dokus in Krisengebieten

Alleine zu den Menschenhändlern – gute Idee oder total irre?
Interview von Anika Reker
  • dennis patrick kongo profil farbe
    Foto: privat

Wer sich ihre Arbeit ansieht, wird hinter den Namen Dennis und Patrick Weinert zwei gestandene Journalisten vermuten, die seit Jahrzehnten das Elend dieser Welt dokumentieren. Tatsächlich stammen die Fotoreportagen und Filme von zwei 24 und 22 Jahre alten Brüdern, die weder Studium noch Ausbildung abgeschlossen haben. Etwa die Hälfte des Jahres sitzen die Jungs in ihren alten Kinderzimmern in der ostwestfälischen Kleinstadt Rheda-Wiedenbrück an der Bearbeitung und Vermarktung ihres Materials. Für ihre neueste Produktion sind sie mit versteckten Kameras durch illegale Bordelle in Dubai gezogen und waren in der Republik Moldau auf der Suche nach Opfern von Menschenhändlern.

Dieser Film vom Y-Kollektiv zeigt nur einen Ausschnitt des gesamten Films von Dennis und Patrick. Den kompletten Film kann man ab Ende Februar auf ihrer Webseite anschauen.

jetzt: Für eure bisherigen Projekte wart ihr in Burkina Faso, Haiti, Nepal, Indien und dem Kongo unterwegs. Jetzt habt ihr in Dubai und der Republik Moldau gedreht. Was reizt euch an Krisengebieten und solch harten Themen?

Dennis: Ein bisschen war es die Flucht aus dem Kleinstadt-Dasein, aus dem Geregelten – und vielleicht auch einfach zu viele Ballerspiele...

Patrick: ... aber es gibt ja genug Leute, die sich Ballerspiele geben und diesen Drang dann nicht haben. Angefangen hat es eigentlich während unserer ersten Reise auf die Philippinen. Abenteuerlust und ein bisschen  auch Sensationsgeilheit haben uns dazu getrieben, in den Slums von Manila die Zustände zu fotografieren. Dabei haben wir gemerkt, dass Leid nicht bloß auf Unicef-Plakaten existiert, sondern etwas Reales ist, das man physisch spürt und das einen zitternd im Hotelzimmer sitzen lässt. Nach einer Weile hat das abgenommen und wir haben gemerkt, dass auch die Slum-Bewohner nur Menschen sind, die es verdient haben, dass ihre Geschichten erzählt werden und dass uns genau diese Aufgabe Spaß macht. 

 

Der Weg in den Journalismus läuft für die meisten so: Uni, unzählige Praktika und dann Journalistenschule oder Volontariat. Ihr habt das alles weggelassen. Dennis hat sein Studium abgebrochen und Patrick, du hast sogar dein Abitur geschmissen. Wie hat das funktioniert?

Patrick: Wir sind immer noch nicht an dem Punkt, wo wir von unserer Arbeit leben können. Dafür haben wir unglaublich viele Dinge gelernt, die rein gar nichts mit Technik oder journalistischer Theorie zu tun haben. Im Hörsaal zeigt dir niemand, wie du dich in den Ländern, in denen wir unterwegs sind, zurechtfindest. Dir bringt auch niemand bei, wie man sich von Null zu der Story vorarbeitet, die man sich am Anfang vorgestellt hat, und wie man mit Menschen umgeht. Das alles muss man einfach ausprobieren, gerade wenn man mit einem so kleinen Budget unterwegs ist wie wir. 

Würdet ihr also sagen, dass der klassische Ausbildungsweg reine Zeitverschwendung ist?

Dennis: Ich hab echt Respekt für alle, die so viel mehr Geduld haben als wir. Wir haben uns ziemlich branchenfremde Arbeitsprozesse angewöhnt und machen vieles wahrscheinlich viel ineffizienter als die Normalos. Anderes gehen wir aber auch ohne Ausbildung intuitiv genauso an und einige Dinge erledigen wir mit Sicherheit sogar effizienter. Letztendlich muss jeder selbst wissen, ob er den klassischen Weg geht oder die Quereinsteiger-Variante wählt. Uns ist das Autonomie-Gefühl wichtig und die Gewissheit, nur das tun zu müssen, worauf wir Bock haben. Wir hatten schon immer eine Abneigung gegen Autoritäten, und Unterordnen war nie so unser Ding. Wir haben beide die Schule gehasst wie die Pest und es war für uns eine krasse Befreiung, aus diesem System rauszukommen. Die ersten Jahre haben wir dann trotzdem nur Scheiße gefressen. Wenn man selber hinter der Kamera stehen will, muss man den Preis zahlen, dass man anfangs nur blöde Projekte macht und erst mal nur Handtaschen, Kosmetik und Schmuck fotografiert. Aber zumindest hat man so die Dinge selber in der Hand.

 

Ihr arbeitet als Brüder immer zusammen. Worüber streitet ihr euch?

Dennis (lacht): Frauen!

 

Weil ihr immer auf dieselben steht?

Dennis: Nee, das ist bisher noch nicht vorgekommen. Aber mal im Ernst: Eigentlich kriegen wir es ziemlich gut hin, Persönliches und Arbeit zu trennen. Aber wenn es was Faktisches ist, dann können wir uns auch mal richtig streiten. Das eskaliert aber nur, wenn das Stresslevel sehr hoch ist. Also wenn zum Beispiel einer krank ist und der andere plötzlich Doppelschichten schieben muss.

Patrick: Es gibt eigentlich nicht das eine große Streitthema, das immer wieder hochkommt. Es sind eher Kleinigkeiten, die sich hochschaukeln.

Dennis: Wir sind beide sehr zielorientiert und haben diesen Problemlöser-Skill, den viele Leute nicht haben. Wir machen weiter, egal wie scheiße es läuft. Beim letzten Dreh in Dubai haben wir wegen eines technischen Fehlers die ersten Filmaufnahmen aus den Hotels verloren. Das ist dann schon eine krasse Frustration, die man aushalten muss.

 

Die Geschichten, die ihr jetzt an den Zuschauer bringen wollt, spielen neben den Vereinigten Emiraten auch in der Republik Moldau. Warum habt ihr für eine Doku über Menschenhandel gerade diese Länder ausgesucht?

Patrick: Migration ist ein großes Thema in der Republik Moldau. Der logische Schluss war für uns, dass dort, wo viele Menschen abwandern, Menschenhändler aktiv sein könnten. Vorab zu recherchieren hat wenig gebracht, da es kaum Berichte und Publikationen gibt. Also sind wir einfach hingeflogen und waren drei Wochen in der Republik Moldau und in der abgespaltenen Region Transnistrien unterwegs.

Dennis: Wir wollten zeigen, wie Menschenhändler vorgehen und welche Schwachpunkte sie ausnutzen. Dafür schauen wir uns zuerst ein Abwanderungsland an und reisen danach in ein Destinationsland, in das Opfer von Menschenhandel zum Beispiel zur Zwangsprostitution verkauft werden. Die Türkei, Russland oder Zypern wären mögliche Ziele gewesen. Wir haben uns dann aber entschieden, die zweite Hälfte des Films in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu drehen. Prostitution ist in Dubai zwar offiziell verboten, aber hinter den verschlossenen Türen von Luxus-Hotels findet sie trotzdem statt. Die Emirate assoziieren viele mit Strand und Urlaub, tatsächlich sind es aber super repressive Länder. Das haben wir vor Ort auch zu spüren bekommen.

 

War das die heikelste Situation, in die ihr euch bei diesem Filmprojekt begeben habt?

Dennis: Wir wollten herauszufinden, ob die Frauen, denen wir in den Hotels in Dubai begegnet sind, Opfer von Menschenhändlern sind. Dafür haben wir uns gewisse Storys überlegt und das ganze Spiel mitgespielt. Dabei merkt man schnell, wie weit man es treiben kann. Wenn du dich durch so einen Club mit hunderten Prostituierten und jeder Menge Security bewegst und mit versteckter Kamera filmst, stehst du unter Hochspannung.

Patrick: In den Hotels war ich zum ersten Mal echt paranoid. Aber die Recherche und das Filmen in einem Arbeiterlager in Dubai waren auch nicht ohne. Da hat man die ganze Zeit im Hinterkopf, nicht von der Polizei entdeckt zu werden. Wir haben genug Geschichten über eingesperrte Journalisten gehört und man hat uns oft gesagt, dass wir aufpassen und uns bloß nicht erwischen lassen sollen.

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    Foto: privat

In der neuen Doku seid ihr als Reporter im Bild zu sehen und erzählt die Geschichten aus eurer Perspektive. Bei eurem ersten Projekt über den Bürgerkrieg im Kongo (Ashes of Kivu), seid ihr hingegen überhaupt nicht in Erscheinung getreten. Warum der Stilwechsel?

Patrick: Wir haben gemerkt, dass es beim ersten Film keine gute Idee war, uns komplett rauszuhalten. Ich glaube, dass sich gerade junge Menschen eher mit uns, als mit den eigentlichen Protagonisten identifizieren können. Dadurch, dass wir uns selbst in den Film mit einbringen, können wir eine Brücke schlagen und Nähe schaffen. Es ist leider schwierig, Leute mit komplexen Themen zu erreichen. Man muss in gewisser Weise eine Rolle spielen und den Zuschauern so die Möglichkeit geben, ein bisschen Fan von einem selbst seien zu können.

 

Am Ende des Films zieht ihr auch ein Fazit und befürwortet eine Legalisierung von Prostitution. Wie viel eigene Meinung darf in eine Doku?

Dennis: Das Format, das wir gewählt haben, lässt Spielraum für Subjektivität. Objektivität gibt es meiner Ansicht nach im Journalismus sowieso nicht. Dadurch, dass wir selbst im Film präsent sind, finde ich es wichtig, eine gewisse Haltung zu zeigen. Wir versuchen, unsere Zuschauer auf Argumente aufmerksam zu machen und legen Optionen auf den Tisch. Wir wägen ab und sagen, dass eine Regulierung und Legalisierung letztendlich mehr Vorteile bietet. Das heißt nicht, dass uns niemand wiedersprechen darf. Was wir aber ganz bewusst wollen, ist die Grenzüberschreitung von bloßer Aufklärung hin zum Aktivismus. Deshalb wollen wir die Hälfte der Verkaufserlöse aus unserem neuen Film an eine Organisation spenden, die an vorderster Front gegen den Menschenhandel in Osteuropa und im mittleren Osten kämpft.

 

Wie kann Menschenhandel noch bekämpft und die Situation der Opfer verbessert werden?

Patrick: Es müsste mehr Perspektiven in den Heimatländern geben, damit die Menschen nicht so anfällig sind. Es gibt auch ganz naheliegende Dinge, die man regulieren könnte. Es darf nicht sein, dass die Hotels in Dubai den Ausbeutern eine Plattform bieten. Wir wissen, welche Hotels beteiligt sind, aber wir können die nicht nennen. Die haben die besseren Anwälte.

 

Was für Themen und Projekte habt ihr für die Zukunft auf dem Zettel stehen?

Patrick: Wir wollen erst mal unser Sachbuch über Menschenhandel zu Ende schreiben und dafür in Nepal und Indien weiter recherchieren. Mama und Papa werden uns dafür hassen, aber auf lange Sicht ist Konflikt und Krieg natürlich etwas, was uns sehr interessiert.

Dennis:  Eigentlich wollten wir letztes Jahr schon in den Irak und nach Syrien. Dann hat es einfach nicht gepasst mit Visa, Kontakten, Zeit und Geld. Aber wir arbeiten dran und unsere Konzepte, Projekte und Geschichten entwickeln sich ständig weiter. Kriegsgebiete erfordern aber ein anderes Budget und allein für ein gutes Sicherheitskonzept bräuchten wir mehr Mittel. Die Vernunft sagt uns momentan noch, dass wir eins nach dem anderen abhaken sollten. Unsere Eltern sehen mittlerweile auch immer mehr ein, dass das nun mal unser Lebensziel ist. Mit dem Erfolg kommt nach und nach auch die Akzeptanz.

 

Nach allem, was ihr bisher gesehen und erlebt habt: Kommt für euch ein ganz normaler "Backpacking-Trip" noch in Frage? Also mit dem Lonely-Planet in der Tasche von Hostel zu Hostel und zwischendurch Tempel angucken?

Patrick: Ich hab es vor einem Jahr tatsächlich noch mal versucht und bin ohne Projekt in Indien und Kambodscha unterwegs gewesen. Leider musste ich feststellen, dass das nichts mehr für mich ist. Das hat nichts mehr mit Abenteuer zu tun, sondern fühlt sich eher an wie das Äquivalent zu einem Strandurlaub. Das soll jetzt nicht heißen, dass Rucksackreisen an sich schlecht ist. Für viele Leute ist es eine super Möglichkeit, um sich anderen Kulturen zu öffnen. Aber wenn wir sonst für unsere Arbeit durch die Gegend laufen, kommen wir mit Leuten in Kontakt, mit denen wir als Touristen niemals gesprochen hätten. Es ist alles eine Sache der Perspektive: Wenn ich mal im Kongo in einem Rebellendorf war, dann brauch ich mir keinen Tempel in Thailand mehr anschauen. Das gibt mir dann nicht mehr so viel.

 

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