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Warum ich lieber umsonst arbeite als für drei Euro die Stunde

Fair bezahlt oder gar nicht – dazwischen fühlt es sich falsch an.
Von Wlada Kolosowa
  • lieber null euro jetzt
    Foto: Sensay / photocase.de, Bildbearbeitung und Logo: Lucia Götz

Wir saßen in seinem sehr weißen Büro voller gut designter Möbel und iGeräte und waren uns über alles einig: Er fand meine Arbeit toll, ich fand sein Magazin toll. Die Reportage, die ich dafür schreiben möchte, würde auch toll werden. Dann nannte er mein Honorar: 70 Euro.

„Aber in dem Text stecken drei Tage Arbeit”, sagte ich.

„Wir sind eine sehr gute Referenz”, sagte der Auftraggeber.

Ich: „Aber ich kann meine Krankenversicherung und meine Miete nicht mit Referenzen zahlen.”

Auftraggeber: „Das verstehe ich, ehrlich. Aber du musst auch verstehen: Wir können nicht mehr anbieten. Und es warten noch Dutzende andere auf den Auftrag.”

 

Varianten dieses Dialogs habe ich von vielen anderen Kreativen gehört: Fotografen, Grafikern, Innenarchitekten. Und damit wären wir bei der größten Herausforderung für Freelancer (und wahrscheinlich für jeden, der sich ein bisschen Sinn von seiner Arbeit erhofft): sein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung mit seinem Bedürfnis nach Essen in Einklang zu bringen.

Ich arbeite seit zehn Jahren als Journalistin, die meiste Zeit davon freiberuflich. Mein Stundenlohn? Noch vor ein paar Jahren hätte ich gesagt: schwankt zwischen 1,5 und 100 Euro. Denn Texte, wie viele andere Auftragsarbeiten, werden oft nicht danach bezahlt, wie viel Zeit und Herzblut in ihnen steckt. Sondern danach, wie viel das Endprodukt dem Abnehmer wert ist. Manchmal (sehr, sehr, sehr selten) kam mir mein Honorar auf dem Kontoauszug deshalb vor wie ein kleiner Lottogewinn. Einmal habe ich zum Beispiel ein paar Absätze für ein Kundenmagazin geschrieben. Rechercheaufwand Null, vier Stunden (recht langweiliger) Arbeit – zack, 400 Euro. Die 70-Euro-Angebote kamen allerdings zehnmal häufiger.

 

Ich habe die 70-Euro-Reportage damals nicht geschrieben. Ich weiß nicht, ob sich dutzende Journalisten tatsächlich darum gestritten haben. Aber zumindest gab es einen, der meinen Auftrag gemacht hat – und das gut. Als ich seinen Text las, habe ich mich lange gefragt, ob es falsch von mir war, abzulehnen. Die Reportage hätte mir Spaß gemacht. Es ging um ein Thema, das mir am Herzen lag. Es wäre tatsächlich eine gute Referenz gewesen und ich habe schon für weniger Geld gearbeitet, als ich mit dem Schreiben anfing. Der Redakteur war kein Bösewicht, der es genoss, mich auszubeuten, er hatte einfach kein großes Budget für Freelancer. Und ich könnte das Ganze doch mit einem lukrativen Auftrag à la Kundenmagazin ausgleichen, oder?

 

Ich war keine Anfängerin mehr, die bei der Reportage viel gelernt hätte – es war mein Beruf, von dem ich leben soll

 

Nicht ganz. Erstens sind die gut bezahlten Aufträge, die höchstens ein Stück Seele kosten, aber wenig Zeit, so selten wie ein vierblättriges Kleeblatt (oder ich habe bislang keinen Zugang zu der vierblättrigen Kleeblattwiese bekommen). Und zweitens wollte ich kein Medium mit meiner Arbeit unterstützen, deren Geschäftsmodell darauf beruhte, sehr wenig zu zahlen – und darauf zu spekulieren, dass ihre Auftragnehmer an ihrem Portfolio arbeiten bis sie 67 sind und ihre Leidenschaft mit Kellnern oder Geld von den Eltern querfinanzieren. Dieses Magazin war nicht mehr in den Startlöchern. Ich war keine Anfängerin mehr, die bei dieser Reportage viel gelernt hätte – es war mein Beruf, von dem ich leben soll. 

 

Natürlich mache ich bis heute, was alle anderen Kreative auch tun: tolle, weniger lukrative Aufträge mit gut bezahlten ausgleichen. Aber inzwischen gibt es ein Limit, unter das ich nicht mehr gehe. Mag das Medium noch so spannend, renommiert, gut designt sein: Für weniger als den Mindestlohn, also mindestens etwa 70 Euro am Tag, arbeite ich nicht. Und wenn es ein unterfinanziertes Magazin ist, das mir wirklich viel bedeutet, oder ein Projekt von Freunden: Dann schreibe ich umsonst.

 

Null Euro die Stunde hört sich erstmal noch schlimmer an, als drei Euro die Stunde. Für mich ist es aber eine Trennung zwischen „Arbeit“ und „Ehrenamt“, zwischen „notwendig“ und „freiwillig“. Es ist eine Art Lackmustest: Finde ich etwas so unterstützungswürdig, dass ich auch umsonst arbeiten würde? In meiner Freizeit? Ein Berufshandwerker, der einem Freund oder dem Jugendzentrum in der Nachbarschaft umsonst beim Laminat-Verlegen hilft, kommt sich nicht ausgenutzt vor. Würde er aber eine Rechnung über 15 Euro dafür schreiben, wird es komisch.

 

Geld, auch wenig Geld, bedeutet Macht. Es macht den einen zum Arbeitgeber und den anderen zum Arbeitnehmer. Und Arbeitgeber, die an das Konzept „mit unterbezahlten Mitarbeitern zum Erfolg“ glauben, unterstütze ich nicht. Ich verstehe, dass es eine Haltung ist, die man sich erstmal leisten können muss. Dass viele nicht die Wahl haben, nein zu sagen. Aber solange ich Alternativen habe, will ich keine der „Dutzenden anderen“ sein, mit denen Auftraggeber Dumpingpreise rechtfertigen können. Auch wenn dann der Kompromiss zwischen dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und dem Bedürfnis zu Essen bedeutet: sich solange von Toast mit Hummus ernähren, bis der nächste fair bezahlte Auftrag um die Ecke kommt.

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