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Mädchen, warum steht ihr alle so auf Bill Murray?

Den findet ihr doch alle toll, oder?
Von Eric Mauerle und Martina Holzapfl
  • jungsfrage text
    Illustration: Katharina Bitzl

Die Jungsfrage:

 

Liebe Mädchen,

 

Anlass der heutigen Frage sind Berichte des amerikanischen Klatsch-Webs. Denen zufolge hat Bill Murray eine neue Freundin (oder zumindest Knutsch-und-anderes-Partnerin): Jenny Lewis, Schauspielerin, Indie-Sängerin, Coolsocke. Und sehr viel jünger als Bill Murray. Dessen Anziehungskraft auf euch wundert uns schon länger. Wenn er eine Party macht, kommen Lady Gaga, Kate Hudson, Naomi Campbell und Zooey Deschanel. Und wenn er sie auf der Party anspricht, -schaut oder -fasst, wollen sie wahrscheinlich auch alle sofort mit ihm schlafen.

Zumindest nehme ich das an, wenn ich die Reaktionen hochrechne, die ich bei Mädchen beobachte, die auch nur seinen Namen hören. Die machen dann oft „Hach“ oder „Uii“ und gucken verliebt. Es ist, als gäbe es einen eingebauten Reflex bei euch Mädchen, den ihr nicht abstellen könnt: den Murray-Crush. Und den erklärt ihr uns jetzt bitte mal. Woher kommt der?

 

Mit einer Vorliebe für alte Männer hat es nichts zu tun – die Murray-Verehreinnen unter euch können mit Clooney, Gere und anderen Silberschönlingen oft gar nichts anfangen. Auch rein optische Gründe können es nicht sein. Denn, das werdet ihr zugeben, Murray ist nicht superattraktiv mit seinem von wirrem Haar umzauselten, pockennarbigen-teigigen Gesicht mit schmalen Lippen und irgendwie farblosen Augen.

 

Oder ist es vielleicht grade das? Diese nette Harmlosigkeit, die er ausstrahlt? Die unterschwellige Traurigkeit in seinem Dackelblick? Sind es die Rollen, die er spielt, oder die Dinge, die er in der Öffentlichkeit sagt? Bitte erklärt es uns. Wir checken’s nämlich nicht.

 

 

Die Mädchenantwort von Martina Holzapfl:

 

Ach Jungs,

 

ach Jungs, ach Jungs. Ihr denkt immer, eine Wahnsinnsfigur, besonders tolle Haare, ein Pep-Guardiola-Gesicht, ne geile Karre oder ne tolle Karriereposition wären das, wonach wir suchen. Das ist so falsch. Wonach wir suchen, ist jemand, der uns schwach macht, aber nein, nein, nein, eben nicht so, wie ihr jetzt schon wieder denkt, mit Macht und Sadomaso und Erniedrigung und Sexismus.

 

Wir wollen es so, wie es in Lost in Translation ist. Da treffen sich mit Bill Murray und Scarlett Johannsson erstmal gar nicht als Mann und Frau, sondern als zwei old souls, old friends, true friends. Dass da so viel Altersunterschied ist und beide Protagonisten keine Instant-Sex-Beautys sind, vor allem er nicht, bildet die Magie der Geschichte. Eine vage Sehnsucht und eine grundsätzliche Verzweiflung treibt die beiden zueinander, und das ist erstmal gar nichts Sexuelles, sondern vor allem etwas Metaphysisches. Sie suchen nach einer tieferen Aufgehobenheit.

 

Bill und Scarlett finden also wie zwei niedergeschlagene Menschen, die an der Bushaltestelle stehengelassen worden sind, zueinander und liegen irgendwann im einsamen Leid am Leben vereint nebeneinander auf dem Hotelbett. Ohne, dass es da um Sex ging oder gehen soll. Wie Freunde auf einem Sofa. Bill nimmt irgendwann den kalten Fuß von Scarlett in die Hand. Bevor das passiert, fragt sie: „Does it get easier?“ Sie meint das Leben. Er sagt im anschließenden Dialog irgendwie Ja und irgendwie Nein und spricht ihr trotz allem Auch-nicht-genau-Wissen Mut zu. Und wirkliche Weisheit ist ja vor allem das: viel Erfahrung, viel Gelassenheit und das Eingeständnis, immer noch nicht alles kapiert zu haben.

 

Das ist eine starke, tröstende Position, eine sehr väterliche Position. Und das trifft uns tief und macht uns schwach. In Bill Murray treffen wir eine Vaterfigur, die eventuell zu begehren aber nicht unserem biologischen Anti-Inzest-Instinkt widerspricht. In ihm finden wir, was wir suchen: jemanden, der uns weise in die großen Arme nimmt und sagt: Ist ja gut, du Kleines. Ohne uns dadurch abzuwerten oder eine seltsame Machtbeziehung aufzubauen. Und vor allem treffen wir in ihm jemanden, dem es um uns als Person zu gehen scheint. Der nicht vorrangig an Sex interessiert scheint. Jemanden, dem wir vertrauen können. Das macht uns noch mehr an.

 

Ob Bill Murray im echten Leben so einer ist – keine Ahnung. Wir kennen ja nur die Figur, die Coppola aus ihm gemacht hat und die wir seither immer in ihm sehen wollen: Den älteren Mann, dem es wurscht ist, dass er nicht so besonders schön ist, und der gerade deshalb so standfest und erfahren und stark wirkt, und so selbstironisch. Der Mann scheißt sich einfach nix mehr, warum sollte er auch? Viel zu anstrengend. Gibt Wichtigeres.

 

Und diese daraus entstandene Lässigkeit, die flitzt ihm aus Gestik und Mimik, die steckt in jedem Augenblitzen und die hinterlässt riesigen Eindruck bei uns. Von so einem wollen wir begehrt werden. Denn das verspricht etwas viel Vielschichtigeres als diesen erwartbaren, glattgebügelten Hochglanzmagazin-Eros, den wir mit hübschen Typen unserer Altersklasse haben könnten. Es verspricht das Vordringen zu Weisheit und wahrer Verbindung. Dass es nebenbei extrem gegen die Norm verstößt, mit einem alten, überhaupt nicht schönen (aber dafür extreeeheeem selbstbewussten, bissig-witzigen) Mann was zu haben, kickt unser sexuelles Interesse nur mordsmäßig an. So einen zu begehren, ist nämlich auch ein Kompliment an uns, weil es beweist, dass wir old souls sind. Dass wir hinter die Kulisse schauen. Dass wir mehr brauchen, als die glatte Oberfläche.

 

Um dummen Missverständnissen vorzubeugen: Das ist natürlich, natürlich, natürlich alles nur Projektion und Fantasie und romantische Verklärung und ja, vielleicht saumäßig naiv. Keine Ahnung, wer Bill Murray wirklich ist. Aberer wirkt irgendwie, als hätte er auch in echt etwas von dieser Rolle übernommen, die Coppola ihm auf den Leib schrieb, beziehungsweise: vielleicht hat sie ihm die auch nur so gut auf den Leib schreiben können, weil davon schon immer etwas in ihm steckte und wirklich was dran ist. Würde so in der Insgesamtmischung erklären, warum es seinen jungen Hollywood-Kolleginnen genauso geht wie uns, obwohl es ihnen ja vergönnt ist, ihn „in echt“ zu erleben und durchschauen zu können. Hach! Ach! Seufz! Wären wir doch nur sie.

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