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Rettet das Mittagessen!

Sebastian Dickhaut will, dass wir gut speisen
max-scharnigg
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Sebastian Dickhaut ist die Kartoffel unter den Kochbuchautoren: Vielfältig, sättigend und omnipräsent. Als er Ende der Neunziger die "Basic"-Kochbuchreihe erfand und damit sämtliche Gabentische in allen WGs der Nation auf Jahre hinaus reservierte, war das schon (und nicht erst Jamie Oliver) der eigentliche Grundstein für die "cool cooking"-Welle, die heute die seltsamsten gefüllten Zucchiniblüten treibt. Inzwischen hat Dickhaut 42 Kochbücher geschrieben, war zuletzt mit der dicken Rezeptsammlung "Kochen!"- in den Bestsellerlisten und veröffentlicht in diesen Tagen "Wie koch ich . . . ?" - ein gut fotografiertes aber leicht redundantes Basiswissen für Leute, die schon alle Basicbücher haben. Interessanter ist Dickhauts Engagement für das Mittagessen, dessen Erhaltung er sich in seinem Blog rettet-das-mittagessen.de ausführlich vornimmt. Im dort hinterlegten Mittags-Manifest kämpft er mit Parolen wie "Mittagessen ist Luxus. Abends essen kann jeder" gegen eine Essgesellschaft, die abends zwar via Telekolleg Johan Lafer fleißig Avocados karamellisiert, sich mittags aber damit begnügt Backpulver-Brownies über der Bürotastatur zu zerbröseln.

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Mit guten Beispiel geht der Kochbuchautor also seit einigen Monaten voran bewusst ins Mittagessen und später ins Netz und notiert jeden Tag, wohin ihn sein neugieriger Gaumen führt - jenseits seines Münchner Kochbüros im Zwiebelkuchenviertel Haidhausen. Erste gute Erkenntnis des Bloglesers ist deshalb: Kochbuchautoren essen doch nicht jeden Tag das auf, was in ihren Büchern so schmackhaft fotografiert ist. Dickhaut verkostet vielmehr beim Ecktürken und im Kaufhausrestaurant, geht zwischendurch auch mal zum Käfer oder lüftet den Brötchendeckel eines Aalbrötchens von Gosch. Er scannt einfach seine Nachbarschaft auf ihre Verdaulichkeit und fördert dabei Mittag für Mittag Lesenswertes ans Licht. Die Botschaft: Es ist gar nicht so wichtig, dass man immer etwas besonderes Bewusstes isst, sondern dass man bewusst etwas isst. Und wer sich nie in die komische türkische Bäckerei reintraut, verpasst eben siruptriefende Baklava und das wäre doch schade. Das Verdienst der Blog-Idee ist, dass sie auf die ganze "Mein Kulthobby: Genießen"-Schiene verzichtet, auf der die basic-Reihe und ihre Epigonen immer noch fahren und verkaufen. In so ein Trend-Ghetto versetzt, kann "Genießen" nämlich genauso wenig zum Allgemeingut werden, wie vor 15 Jahren, als es das noch das Privatvergnügen von Wolfram Siebeck war. Es ist wichtig, dass wie bei Dickhaut jetzt endlich Schokoriegel und Krebsbutter in den gleichen Topf geworfen werden und sich mit der lässigen Selbstverständlichkeit der Franzosen und Italiener zu einem universalen Essensbewusstsein vermengen. Rettet-das-mittagessen.de ist vielleicht ein guter Schritt in diese Richtung und auch ohne den ganzen Überbau funktioniert es immer noch genau so wie ein Espresso: als anregendes Kleinformat. Das Buch "Wie koch' ich . . ?" von Sebastian Dickhaut ist gerade bei Gräfe und Unzer erschienen. Fotos von Coco Lang.

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