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"Ich beneide dich nicht"

Haben unsere Großeltern nur fürs Geld gearbeitet, oder wollten die sich auch irgendwie selbst verwirklichen? Friederike vergleicht ihr Berufsleben mit dem ihrer Oma Dorothea. Eine Diskussion.
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Friederike, 29, besucht zurzeit in Hamburg die Journalistenschule. Davor hat sie in Berlin Philosophie und Geschichte studiert. Ihre Großmutter Dorothea Schröter, 79, hat zuletzt bei der Akademie der Wissenschaften für das „Etymologische Wörterbuch“ und das „Goethe-Wörterbuch“ gearbeitet. Vorher war sie 15 Jahre Hausfrau. Sie wurde in der ehemaligen DDR zur Kinderkrankenschwester ausgebildet und hat danach Altgriechisch und Latein studiert.

jetzt: Frau Schröter, Sie haben bis zu Ihrem 56. Lebensjahr in der DDR gelebt. Wie war es für Sie, als dieser Staat in sich zusammenfiel?
Dorothea Schröter: Wir waren uns sicher, dass wir diesen Tag nicht mehr erleben würden — obwohl wir auch dachten, dass diese DDR nicht überleben kann. Als Richard von Weizsäcker seine Rede zur Wiedervereinigung hielt, stand ich in der Küche vor dem Radio, ganz still, und — mir ist das fast ein bisschen peinlich — mir sind die Tränen hinuntergeflossen. Ich weiss noch wie heute, als wir das erste Mal zur Wahl gingen. Das war unbeschreiblich.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Friederikes Generation, die nie in einer Diktatur gelebt hat, diese Freiheit nicht genug zu schätzen weiß?
Dorothea Schröter: Bei Friederike habe ich nun gar nicht das Gefühl, die nutzt ja all ihre Möglichkeiten. Man kann sich das ja kaum vorstellen, für euch ist die DDR fast wie für mich die Steinzeit.
Friederike: So lange ist das ja noch gar nicht her. Aber deine Erzählungen sind natürlich wichtig, um sich immer wieder daran zu erinnern. Vielleicht auch, um sich immer wieder bewusst zu werden, wie gut man es hat.

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Dorothea Schröter, Friederike

Friederike, bist du immer froh um die vielen Möglichkeiten, die dir offenstehen?
Friederike: Natürlich, ich möchte keinen Weg vorgegeben bekommen. Gleichzeitig ist es manchmal schwer, mit dieser Freiheit umzugehen, sich zu entscheiden. Ich habe mich zum Beispiel nach dem Abitur wild für alles Mögliche beworben, auch für ein duales BWL-Studium bei Siemens. Ein Grund, weshalb ich den Platz nicht angenommen habe, war: Alles war vorgegeben – die Ausbildungsstufen, das Geld und die Sicherheit. Das fand ich unheimlich. Ich wollte dann etwas komplett Freies studieren.
Dorothea Schröter: Ich durfte zunächst gar nicht studieren. Im Bewerbungsschreiben musste man angeben, welchen Beruf der Vater und die beiden Großväter ausübten. Alle drei Männer aus meiner Familie waren tot – aber sie waren auch alle drei Akademiker gewesen. Da bekam ich schriftlich: „Wir haben Ihren Unterlagen entnommen, dass es Ihnen besser tut, mit der werktätigen Bevölkerung Kontakt aufzunehmen, als zu studieren.“

Wie haben Sie reagiert?
Dorothea Schröter: Ich habe erst einmal Krankenschwester in Leipzig gelernt.

Waren Sie verärgert?
Dorothea Schröter: Ich begann diesen Staat abzulehnen. Nach dem 17. Juni 1953, dem Volksaufstand in der DDR, sagten einige zu mir und meiner Schwester: Bewerbt euch im Juli noch mal, die da oben sind verunsichert und lassen alle zum Studium zu. Haben wir sofort gemacht. Mein Vater war der Grund für meine Studienwahl – er war begeisterter Altsprachler. Ich habe ihn mit zehn Jahren das letzte Mal gesehen, aus dem Krieg kam er nicht zurück. Die Maximen meines Lebens waren immer: „Das würde dem Vater gar nicht gefallen.“ Oder: „Das würde dem Vater gut gefallen.“ Wenn ich alte Sprachen studierte, würde ihm das sicher gut gefallen, dachte ich. Was ich jedoch mit Altphilologie werden wollte – das wusste ich auch nicht.

Sollte man das schon sehr früh wissen?
Dorothea Schröter: Ich kenne viele, die sagen: Ich will dieses studieren, weil ich jenes werden will. Es gibt ja auch viele Studiengänge, die eine Berufsausbildung sind. Das ist vielleicht der Zeit angemessen – meine Art des Studierens entsprach noch dem humboldtschen Bildungsideal.
Friederike: Ich habe im Magisterstudium bewusst Philosophie und Geschichte gewählt, weil diese Fächer viel geistige Freiheit lassen, weil sie bilden – nicht ausbilden. Die verschiedenen Denkweisen der Philosophen studiert und in der Geschichtswissenschaft gelernt zu haben, wissenschaftlich exakt zu arbeiten, hilft mir noch heute.

Muss man sich im Beruf verwirklichen?
Dorothea Schröter: „Selbstverwirklichung“ ist für mich ein Reizwort. Ich bin der Meinung, dass ich nicht auf der Welt bin, um mich selbst zu verwirklichen. Das liegt auch an meinem christlichen Glauben. Wichtig ist: miteinander zu leben, einer mit dem anderen.
Friederike: Einerseits widerstrebt mir das Wort auch. Andererseits verstehe ich den Wunsch, über die Arbeit Anerkennung bekommen zu wollen. Ich wäre sicher nicht glücklich, wenn ich nur Hausfrau wäre – ich definiere mich ja auch über meine Texte, meine Arbeit.
Dorothea Schröter: Bei mir wäre immer zuerst die Familie gekommen. Aber ich hatte auch Mann und vier Kinder.
Friederike: In der Prioritätenliste liegt Familie höher – wenn irgendetwas Schlimmes passiert, dann wäre mir der Beruf erst mal egal. Aber wäre es dir wirklich genug gewesen, wenn du nur für die Familie da gewesen wärst?
Dorothea Schröter: Das kann ich nicht genau sagen. Ich hatte ja ein seltsames Glück, dass ich mit 43 Jahren erneut ins Berufsleben einsteigen konnte und bis zur Rente gearbeitet habe. Aber ehrgeizig bin ich von Natur aus sowieso nicht – auch wenn ich mit großem Interesse und mit Leidenschaft gearbeitet habe. Ich bin eher ein guter Mitarbeiter als Abteilungsleiter.

Friederike, was magst du an deinem Beruf?
Friederike: Ich mag das Gefühl, am Puls der Nachrichtenzeit zu sein, das schnelle Arbeiten, die wechselnden Themen. Durch das Internet kann man bei jedem Ereignis der Welt live dabei sein. Wir sind alle wahnsinnig gut vernetzt; so entdeckt man ständig neue Themen, kann sofort und direkt kommentieren und diskutieren. Ich befasse mich aber auch mal länger und intensiver nur mit einer Sache, muss mich in ein Thema einlesen, darüber nachdenken. Doch ich merke, dass mir das manchmal schwerfällt.
Dorothea Schröter: Ihr habt Angst, ihr könntet etwas verpassen, oder?
Friederike: Wahrscheinlich. Wenn ich morgens ins Büro komme, klappere ich zunächst alles ab: E-Mails, SMS, Nachrichten im Internet. Ich merke selbst, wie mir das viele Kommunizieren die Konzentration raubt. Längst diskutiert unsere Generation über Strategien, mit unserer Dauererreichbarkeit umzugehen, es gibt ganze Bücher dazu. Deshalb fahre ich oft ganz bewusst alles zurück und gehe aus dem Netz, wenn ich schreibe, oder mache nachts das Handy aus.
Dorothea Schröter: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich an mein Handy gegangen wäre, wenn ich einen Wörterbuch-Artikel geschrieben habe. Bei uns stand nur im Sekretariat ein Telefon. Wir saßen zu zweit in einem Zimmer, gesprochen haben wir nicht. Naja, wenn jemand eine Frage hatte. Aber man hat sich schon genau überlegt, ob man stören wollte. Sonst kann man doch nicht konzentriert arbeiten.
Friederike: Eine Studie besagt, dass man heute im Büro alle elf Minuten unterbrochen wird: von Mails, Kollegen, SMS. Die Störung ist auch ohne Handy da.
Dorothea Schröter: Die Leute, die heute am „Goethe-Wörterbuch“ arbeiten, inzwischen sind sie beim Buchstaben K, arbeiten auch wie ihr. Das klingt vielleicht etwas arrogant, aber die sind nicht mehr so gründlich wie wir.
Friederike: Woran siehst du das?
Dorothea Schröter: Das Ergebnis kann ich nicht beurteilen. Aber ein jüngerer Kollege hat mir erzählt, dass es nicht mehr oft vorkommt, dass über die Manuskripte diskutiert wird. Wie wir uns manchmal die Köpfe heiß geredet haben! Übrigens, was spannend ist im Vergleich zu eurer Zeit: Als ich fertig war mit dem ersten Wörterbuch, musste ich zum Institutsdirektor, damit er mir eine neue Beschäftigung suchte. Ich hatte ja einen Vertrag auf Lebenszeit.
Friederike: Das hat sich völlig geändert: Alle meine Bekannten bekommen befristete Verträge — wenn sie überhaupt fest angestellt werden –, für ein Jahr oder mal zwei Jahre.

Dorothea Schröter: Ist das wahr? Man muss sich doch einarbeiten. Als ich das erste Mal in der Akademie der Wissenschaften herumgeführt wurde, sagte der Leiter: „Da musst du das machen, hier das“; da habe ich gedacht: Das lernst du nie. Man braucht einfach Zeit, um neue Situationen zu verinnerlichen.
Friederike: Viel Zeit bekommt man nicht mehr. In jeder neuen Redaktion, bei jedem Praktikum sollte man eigentlich in Ruhe herausfinden, was die Mitarbeiter wollen. Aber ich denke manchmal, dass von mir erwartet wird, ich müsse gleich am ersten Tag voll in der Redaktion integriert sein.
Dorothea Schröter: So glücklich ich darüber bin, dass ihr so lebt, wie ihr lebt — dass ihr reisen könnt, frei euren Beruf wählen könnt, all das, was wir nicht hatten —, aber um dieses Gehetzte, um dieses Getriebensein beneide ich euch nicht.



Text: fiona-webersteinhaus - Foto: Lisa Hörterer

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