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Sie will nach ganz oben

Samantha Cristoforetti fliegt im November ins All. Auf diesen Moment hat sie seit Jahren ihr Leben ausgerichtet. Ein Gespräch über Zielstrebigkeit, Work-Life-Balance im Weltraum und Staubsaugen in der Schwerelosigkeit.
kathrin-hollmer
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Wer Samantha Cristoforettis Lebenslauf sieht, könnte Angst bekommen. Die 37-jährige Mailänderin studierte Ingenieurwissenschaften und Luft- und Raumfahrttechnik in München, Toulouse, Moskau und Neapel. Abschluss mit 1,3. Sie trat 2001 in die italienische Luftwaffe ein und schloss 2005 als Jahrgangsbeste die Luftwaffenakademie ab. Als eine der ersten Frauen Italiens wurde sie zur Kampfpilotin ausgebildet. 2008 suchte die ESA (European Space Agency) sechs Nachwuchsastronauten. Samantha bewarb sich und setzte sich gegen 8400 Bewerber durch. Im November fliegt sie von Baikonur in Kasachstan aus als erste Italienerin ins All. Auf ihrer ISS-Expedition wird sie als Bordingenieurin für den Start der Rakete, das Andocken an die ISS und auf dem Rückflug für den Wiedereintritt in die Atmosphäre verantwortlich sein.      

jetzt.de: Was passiert, wenn Sie auf einer Party nach Ihrem Beruf gefragt werden?
Samantha Cristoforetti: Ich sage meistens, dass ich Ingenieurin bin. Stimmt ja auch. Ich gehe nicht ins Detail, das monopolisiert sonst nur das Gespräch. Ich möchte nicht im Mittelpunkt stehen.

Das tun Sie und Ihre Kollegen aber ständig. Sie geben Interviews, die ganze Welt verfolgt, wie Sie nacheinander ins All fliegen.
Das ist Teil des Jobs, das stand schon so in der Ausschreibung. Und das reicht auch. Privat möchte ich etwas über andere erfahren. Wenn ich sage, dass ich Astronautin bin, erzählt mir niemand mehr etwas, weil mich alle mit Fragen belagern.

Im November fliegen Sie für ein halbes Jahr zur Internationalen Raumstation ISS. Sie pendeln ständig zwischen Köln, Houston und dem „Sternenstädtchen“ bei Moskau. Haben Sie auch irgendwann Zeit für sich?
Für kurze Auszeiten schon. Ich war vor Kurzem in Japan und verbrachte ein Wochenende nur mit Touristensachen, ich habe mir Tokio und die heißen Quellen angesehen. Im letzten Jahr vor dem Start gab es nur an Weihnachten Urlaub, zwei Wochen bekommen wir noch im Sommer. Für uns Europäer ist das wenig, aber für unsere amerikanischen Kollegen ist das ganz normal, die kriegen sowieso ganz wenig Urlaub. An den Wochenenden ruhe ich mich aus, richtig Zeit für Hobbys habe ich im Moment nicht. Ich laufe, fahre Fahrrad und mache Krafttraining. Sport hilft unheimlich, ist aber auch Teil des Jobs. Wir Astronauten müssen fit bleiben. In allen Ausbildungszentren gibt es Fitnessstudios und Schwimmbäder für alle Mitarbeiter. Hier in Köln ist das zehn Meter tiefe Becken, in dem wir die Weltraumspaziergänge trainieren, einmal in der Woche zum Schwimmen geöffnet.

Sie richten sich ja nicht nur jetzt, sondern bereits Ihr ganzes Leben lang auf diesen Job aus. Viele verstehen nicht, warum man sich so für den Job aufopfert.
Ich möchte nicht, dass es wirkt, als hätte ich mein ganzes Leben lang etwas gemacht, das ich nicht mochte. Als ich aufgewachsen bin, habe ich Leidenschaften für Sachen entwickelt, die da heute gut reinpassen: Wissenschaft, Technik, Fliegerei, Sprachen, interkulturelles Zusammenleben und Kommunikation.

Zufällig oder aus Zielstrebigkeit?
Ich habe mich für diese Dinge interessiert, aber mir war schon bewusst, dass ich mich damit nicht von meinem Traum entferne. Man kann ja nicht direkt auf diesen Beruf hinarbeiten, aber dass ich Astronautin werden will, habe ich immer in meinem Herzen gehabt.

Gibt es auf der Raumstation auch so etwas wie Freizeit?
Ja, natürlich. Die Arbeit auf der ISS geht normalerweise von morgens acht Uhr bis abends um sieben. Nachtruhe ist zwischen 22 und sechs Uhr. Es gibt jeden Morgen und Abend jeweils eine kurze Videokonferenz mit dem Boden. Wir bekommen für jeden Tag einen schriftlichen Plan, diese Konferenzen sind für Last-Minute-Fragen und -Hinweise da. Es kann passieren, dass man abends noch arbeiten muss, weil man nicht fertig geworden ist oder ein Versorgungsschiff mit Sauerstoff, Nahrung und Wasser kommt.

Was macht man auf der Raumstation am Wochenende?
Der halbe Samstag ist mit Hausarbeit verplant, mit Saubermachen und Staubsaugen.

Staubsaugen? Im All?
Der Staubsauger funktioniert vom Prinzip her wie ein irdischer Staubsauger, nur dass wir damit nicht am Boden, sondern auf allen Flächen saugen, zum Beispiel reinigen wir die Filter vor den Ventilatoren, die für die Luftzirkulation sorgen, dort sammeln sich Staub und Flusen. Außerdem haben wir am Wochenende eine wöchentliche Planungskonferenz. Ansonsten ist das Wochenende frei für Videotelefonate mit der Familie. Und für Sport.

Wie bitte?
Ja, wir machen auf der Raumstation Sport, etwa zwei Stunden am Tag. Das ist wichtig, weil in der Schwerelosigkeit Muskeln und Knochen abbauen, so sehr, dass Astronauten früher erst einmal nicht auf ihren Beinen stehen konnten, wenn sie aus dem All zurückkehrten. Es gibt ein ganz witziges Fahrrad – ohne Sitz. Den braucht man nicht, die Schuhe werden in den Pedalen eingehakt. Oder wir gehen aufs Laufband. Da schnallen wir uns mit einer Art Geschirr fest, das uns auf das Band drückt. Zusätzlich trainieren wir mit einem telefonzellengroßen Gerät mit Seilzügen und einer Hebestange, das das Training mit Gewichten simuliert. Man kann damit zum Beispiel Kniebeugen oder Bankdrücken machen.

Und wenn Sie mal keine Lust auf Sport haben?
Es gibt ganz viele Kameras, die ISS ist ein Kameraparadies. Viele mögen es, einfach in der Cupola, dem durchsichtigen Beobachtungsturm, zu schweben und Bilder von der Erde zu machen – ich nehme an, dass ich das auch tun werde. Fernsehgucken ist auch beliebt, manche schauen Filme, das kann ich mir nicht so richtig vorstellen. Das kann ich später wieder machen. Inzwischen gibt es Internet, wenn auch sehr langsam. Wir können surfen, twittern und bloggen.

Der Astronaut Chris Hadfield hat unter anderem eine Gitarre mit auf die ISS genommen. Was werden Sie an Persönlichem mitnehmen?
Das meiste schickt die ESA automatisch, Klamotten für sechs Monate, Zahnpasta und -bürste, Essen, Wasser. Und dann hat man noch eine Box mit persönlichen Sachen, etwa so groß, wie das Handgepäck im Flugzeug sein darf. Ich werde da bequeme Klamotten reinpacken, ein paar Jogginghosen und Sweatshirts. Ich nehme an, dass ich frieren werde. Es sind meistens Jungs da oben, die mögen es kalt. Und wir bekommen pro Monat eine kleine Kiste mit Bonus-Essen, zusätzlich zum normalen Essen.

Was ist da drin?
Meistens landestypisches Essen, als moralische Unterstützung. Man kann es abends mit allen teilen, wie bei einer kleinen Feier. Das normale Astronautenessen kommt aus Konserven oder ist gefriergetrocknet, sodass man es nur erwärmen oder mit Wasser zubereiten muss, Riegel oder Trockennahrung wie Nüsse gehen natürlich auch.

Was nehmen Sie noch mit?
Ich werde ein paar Kleinigkeiten für Freunde mitnehmen, Ketten, Glücksbringer, und bringe sie ihnen dann aus dem All zurück. Dann haben sie Sachen, die schon mal da oben waren. Ich suche gerade Gedichte zum Thema Weltraum und Himmel zusammen, für kleine Bücher, die ich mit auf die Raumstation nehme und dann als Geschenk zurückfliege.

Können Sie diese fast schon kindliche Faszination für das All überhaupt noch verstehen?
Natürlich ist es mein Job, aber ich spüre nach wie vor die Begeisterung. Ich sehe jeden Abend zum Himmel. Auf der Erde haben wir fast alles erobert. Das All ist unsere nächste Grenze. Ich will dabei sein, wenn wir diese Grenzen bezwingen.

Dort oben haben Sie keinen richtigen Schlaf, kein richtiges Essen, Sie sind nie allein. Keine Angst  durchzudrehen?
An den leichten Schlaf und das Essen gewöhnt man sich. Auch wenn die Schlafqualität, wissenschaftlich gesehen, niedriger ist als auf der Erde, weil man oft aufwacht, ohne dass man es richtig merkt. Deshalb ist man danach nicht so gut erholt. Und wegen des Rests: Ich komme vom Militär, das war auch nicht viel anders, und da waren wir nicht sechs Leute, sondern Hunderte. Die Raumstation ist riesig. Wenn man seine Ruhe haben möchte, kann man sich ein ruhiges Modul suchen, in dem gerade nichts los ist. Jeder hat seine eigene Kabine, das ist so eine Art Telefonzelle, da schläft man, hat seinen privaten Laptop, Bilder von der Familie und einen Schlafsack, der an der Wand eingehakt ist, damit man nicht wegschwebt. Wir sprechen jede Woche mit Ärzten und Psychologen. Die fragen, wie es uns mit dem Workflow geht und ob es uns zu viel wird. Und wenn sie im Protokoll sehen, dass wir zwei Tage hintereinander keine Mittagspause eingelegt haben, wollen sie wissen, ob das wirklich sein muss.

Damit keiner ein Burn-out bekommt?
Ich habe noch nie von einem Astronauten mit Burn-out gehört. Es ist eine Arbeit, bei der man sehr viel Stress hat und sehr viel leisten muss, aber die Belohnung ist so groß. Burn-out-Betroffene fühlen sich selten belohnt für das, was sie machen.

Was ist für Sie die größte Belohnung?
Ich erlebe unglaubliche Sachen. Das ist ein Privileg. Vor einigen Monaten durfte ich mich in die Rakete der Mannschaft setzen, die vor mir startet. Das war ein unglaublich cooles Gefühl! Ich wusste, das ist keine Simulation: Dieses Ding fliegt wirklich in den Weltraum! Ich werde im Training immer wieder mit meinen Grenzen konfrontiert. Dass ich die überwinde, macht mich sehr stolz. Am anspruchsvollsten ist das Training für Außeneinsätze im Becken, gerade wenn man so klein ist wie ich. Die Raumanzüge sind leider nicht für kleine Leute gemacht.

Wie schwer ist so ein Raumanzug?
Um die 160 Kilogramm. Im Weltraum spürt man das ja nicht, nur beim Training auf der Erde. Die Anzüge sind sehr steif, man muss, wenn man arbeitet, gegen den Widerstand des Wassers ankämpfen, das ist sehr anstrengend. Und man trainiert sechs Stunden ohne Pause, so lange dauert ein Weltraumspaziergang. Ich erinnere mich gut an das erste Mal, als ich im Anzug tauchte. Im Becken ist eine Nachbildung der Raumstation. Ich machte die Augen auf und hatte wirklich das Gefühl, ich bin im Weltraum. Ich hatte so große Augen!

Was ist Ihnen noch besonders in Erinnerung geblieben?
Eine lustige Erfahrung waren die Parabelflüge. Das Flugzeug fliegt Parabeln, und was innerhalb des Flugzeugs nicht befestigt ist, fliegt rum, bei jeder Parabel etwa 22 Sekunden lang. Pro Flug macht man das etwa dreißigmal.

Und das war lustig?
Das war eine physische Erfahrung, die neu für mich war. So was erlebt man als Erwachsener eigentlich nicht mehr.

Werden Sie die einzige Frau auf der ISS sein?
Während meines Aufenthaltes wird Jelena Serowa an Bord gehen, seit den Neunzigern die erste Russin, die fliegt.

Spielt das Geschlecht eine Rolle unter Astronauten?
Nein. Es ist wirklich nicht anders, als wenn man diese Frage einem Arzt oder Anwalt stellen würde. Als Frau stehe ich vielleicht mehr unter Beobachtung, aber die Arbeit ist genau die gleiche. Ich bin das auch gewohnt, im Studium war ich eine von wenigen Frauen, in der Luftwaffe war ich in meinem Geschwader die einzige Frau. Es ist egal.

Haben Sie Angst?
Angst ist übertrieben. Die kosmische Strahlung im Weltraum ist ein Problem. Ich mache mir aber weniger Sorgen um meine Gesundheit als um die konservativen Strahlengrenzwerte bei der ESA. Wenn der Körper zu viel Strahlung abbekommen hat, darf man nicht mehr ins All. Es könnte also sein, dass ich deswegen irgendwann nicht mehr fliegen darf.

Und Ihre Familie?
Wenn sie Angst haben, dann haben sie es mir nicht gesagt. Ich war früher Militärpilotin, das war auch kein Bankjob. Beim Militär wäre ich inzwischen mehrmals in Afghanistan gewesen. Wenn ich im November starte, werden sie sicher nervös sein. In den vergangenen Jahren war ich mit meinen Beinen auf dem Boden, meistens. Meine Eltern sind ganz froh, dass ich jetzt „nur“ Astronautin bin.

Text: kathrin-hollmer - Fotos: Tim Bruening

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