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Lesen mit Links (16): "Eminem beleidigt Frauen"

Einmal in der Woche versorgt uns Jan Drees mit Buchbesprechungen und Neuigkeiten aus der Literaturszene. Das neue Buch des Iraners Shahin Najafi ist keine Klageschrift, sondern erzählt von einer Jugend in Teheran: mit Bibelstunden, Partys, Küssen und aufregenden Nächten auf der Bühne.
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Das Buch

Diesen Freitag erscheint "Wenn Gott schläft", das erste Buch von Shahin Najafi, der 2012 mit einer Todes-Fatwa bedroht worden ist. Damals musste sich der Musiker vor radikalislamischen Rächern verstecken. Inzwischen tritt er wieder weltweit auf und spricht über Männerquoten an iranischen Unis, Partys in Teheran, über seine Anfangsjahre im Exil und warum er sich für Frauenrechte einsetzt.

Shahin Najafi wird dieses Label nicht mehr los: Weil sich der 1980 geborene Iraner auf wütende Weise mit seiner Gegenwart auseinandergesetzt und früher auch mal gerappt hat, wurde er als "iranischer Eminem" bezeichnet. Inzwischen spielt er Blues, Jazz und Rock, will erstens also nicht als Rapper gesehen, vor allem aber nicht als iranischer Eminem angesehen werden. "Ich habe keine Probleme mit Eminem, außer mit seiner Moral. Eminem hat Probleme mit Homosexuellen. Eminem beleidigt Frauen. Das ist meine Grenze. Ich mag diese Bezeichnung einfach nicht."

 

Wegen seiner Sprechgesangsmusik ist er im Iran inhaftiert worden. Weil ihm die Auspeitschung drohte, ging er ins deutsche Exil. 2012 veröffentlichte Shahin Najafi dann den religionskritischen Song "Naghi". Wenige Stunden später verhängte ein Großajatollah das Todesurteil über den 1980 geborenen Musiker. Auf seinen Kopf wurden 100.000 Dollar ausgesetzt.

In einem Computerspiel konnte jeder die Hinrichtung des Geächteten trainieren. Ende des Jahres ging Shahin Najafi auf eine dreimonatige USA-Tournee, "und die iranischen Machthaber konnten sich um andere Dinge kümmern."

 

”Naghi, ich beschwör' dich bei der Liebe und Viagra, bei den weit gespreizten Beinen der Ergebenen, bei Fladenbrot, Hühnchen, Fleisch und Fisch” - Wegen dieses Liedes wurde gegen Shahin Najafi die Todesfatwa verhängt.

Während die Todesfatwa trotz zahlreicher Medienberichte in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde, engagierten sich zahlreiche Künstler, darunter Smudo von den Fanta4 , Jan-Josef Liefers und Udo Lindenberg. Günter Wallraff ("Der Mann, der bei BILD Hans Esser war") nahm Shahin Najafi daheim auf.

 

"Wenn Gott schläft" kommt nun als Compilation daher. Das Buch ist keine Klageschrift, sondern erzählt von Shahin Najafis Jugend in Teheran, von Bibelstunden, Partys, ersten Küssen und aufregenden Nächten auf der Bühne. Es gibt viele Gedichte und Songtexte, behutsam erläutert vom deutsch-iranischen Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour. Es gibt Bilder, Liebesbriefe, Facebookmeldungen.   Wenn man liest, dass im Iran eine Männerquote eingeführt werden musste, weil zwischenzeitlich zwei Drittel der Studierenden weiblich waren, dann entsteht ein ganz neues, in den Nachrichten nicht weitergetragenes Bild. "Die Iraner sind sehr modern", sagt Shahin Najafi im Interview. "Wir tanzen. Wir trinken. Wir feiern. Du wirst auch hier in Deutschland kaum Iranerinnen mit Schleier sehen wie bei vielen Türkinnen und Araberinnen."

 

Die Akademikerdichte ist im Iran höher als in den meisten Industrieländern. Deshalb glaubt Shahin Najafi auch, dass ein Wandel möglich ist: "Die Freiheit jedes Landes kann anhand der Frauenrechte abgelesen werden. Je größer diese sind, umso größer ist auch die Freiheit. Deshalb wird eine Veränderung vor allem von Frauen entschieden." Das klingt ungewohnt, oder?

 

Besonders schön beschreibt "Wenn Gott schläft", warum die abgehackten Breakdance-Moves aus dem HipHop-Bereich als Rebellion funktionieren. Denn sie stehen direkt gegen die fließenden, iranischen Tänze. Dass Windmills und Headspins zu mehr taugen als zur Vermarktung eines hypersüßen "Energy Drinks", ist eine von etlichen klugen Ideen dieses rundum gelungenen Buchs. Flares gegen die Fatwa - eine coole Idee.

 

Shahin Najafi: „Wenn Gott schläft“, mit einem Vorwort von Omid Nouripour und Günter Wallraff, Kiepenheuer & Witsch, 160 Seiten, 8,99 Euro.

 

Die Querverweise

In nahezu jeder Diktatur, egal ob politischer oder religiöser Natur, werden freiheitsliebende Künstler verfolgt. Seit 2011 schaut die Welt auf den chinesischen Künstler Ai Wei Wei, der zwischenzeitlich in Haft war. Günter Wallraff hat bereits 1989 den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie (“ Die satanischen Verse”) bei sich versteckt. Am 10. Mai findet in Berlin eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages der nationalsozialistischen Bücherverbrennung statt. Einen Tag später tritt Shahin Najafi im Berliner Lido auf, am 17. Mai in Köln und am 19. Mai in Heidelberg.   

 

Die Updates

Lesen und kicken: Auf ”The Millions” schreibt Michael Bourne, warum Literaturrezensionen oft aussehen, als wäre das Internet nie erfunden worden.  ”Today, anyone trying to decide whether to plunk down $26 for, say, George Saunder's Tenth of December can log onto Amazon and read nearly 400 reviews of the story collection, helpfully sorted into categories from the wildly positive (five stars) to the extremely negative (one star).”

 

Vom 9. bis 12. Mai findet in Düsseldorf mit der FedCon 22 ”Europas größte Science Fiction Convention” (Eigenwerbung) statt. Schauspieler und Regisseure werden anwesend sein, aber auch SciFi-Autoren und -Zeichner. Außerdem gibt es Vorträge über Perry Rhodan, Stargate und Darth Vader.

 

Schreiben als Befriedigung: Im vergangenen Jahr hatte Kathrin Weßling großen Erfolg mit ihrem ”drüberleben” -Buch. Inzwischen arbeitet sie an einer neuen Geschichte und macht sich im ”schreibenschreien” -Blog Gedanken über ihre Leidenschaft: ”Ich weiß, dass es Autorinnen und Autoren gibt, deren Antrieb die Eitelkeit ist. Die schreiben, weil sie mit Worten onanieren, weil sie sich immer und immer und immer wieder sehen müssen, weil sie das, was sie denken so enorm schön und wichtig und richtig finden, dass sie diese zärtlichsüßehübschesozialkitschnummer immer und immer wieder bestätigt sehen wollen. 

 

 

Text: jan-drees - Illustration: Katharina Bitzl

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