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Lesen mit Links (19): Sklaven on demand

Einmal in der Woche versorgt uns Jan Drees in der Kolumne "Lesen mit Links" mit Buchbesprechungen und -tipps und den aktuellsten Neuigkeiten aus der Literaturszene. Heute geht es um Sascha Lobo, eBooks und Arbeitssklaven.
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Das Buch

Wenn man die Persönlichkeitstest von neu.de, den Arbeiterstrich, das SAT.1-Trashformat „Auf Brautschau im Ausland“ und die „Ent(b)rüstung wegen Nackt-Talkshow“ zusammendenkt, kommt der tolle Roman „Kauft Leute“ von Jan Kossdorff dabei heraus.

 

Es ist „das größte Ding seit geschäumter Milch“. In naher Zukunft, in der Charlotte Roche inzwischen „Wetten, dass..?“ moderiert, eröffnet vor den Toren Wiens ein vergitterter, streng bewachter Supermarkt der Kette „Hümania“. Mit seiner Mischung aus Ikea-Showroom und Flatrate-Bordell trifft Hümania den Nerv der neuen Ausbeuterzeit. In Glaskästen, Wohnzimmergarnituren und offenen Liebesräumen bieten sich überschuldete Menschen an. Sie sind musikalisch ausgebildet, internetsicher, zu 100 Prozent aktiv oder einfach nur rassig, schwarzhaarig, „Verwöhn-Typ“ und können gegen fünfstellige Eurosummen nach Hause mitgenommen werden. Der neue Besitzer kümmert sich um Kost und Logis. Im Gegenzug müssen die Sklaven schuften oder kuscheln, landen aber auch nicht wegen Überschuldung im Knast.

 

Die neuen Sklaven sind da: nicht nur in „Kauft Leute” von Jan Kossdorf, sondern auch bei Thor Kunkel in „ Subs “ 

Horrorvorstellung? Das ist näher an der Wirklichkeit als vermutet. Denn vom Persönlichkeitstest, den diese Sklaven zunächst absolvieren müssen, bis zum Knebelvertrag und der absoluten Aufgabe der Privatsphäre für arme Menschen gibt es das Setting von „Kauft Leute” längst. Auch wenn der Mittelstand jammert : „Im Vergleich zur Erstellung einer korrekten Vermögensaufstellung für das Finanzamt ist das Ausfüllen des berüchtigten Hartz IV-Fragebogens eine Lachnummer.”

 

Im Roman heuert die zeitweilig arbeitslose Caro als Texterin bei Hümania an, als Ausgebeutete in einem Ausbeuterladen. Sie soll die Werbeankündigungen für jeden einzelnen Sklaven erdichten, Kinder an neue Eltern, psychisch kranke Frauen an Sexsüchtige und Ex-Surfer an Lustgreisinnen vermitteln. Doch mit der Zeit kollidieren Geldnot und Moral und Caro sieht sich in einem Psychothriller gefangen, der irgendwo zwischen „ Die drei Tage des Condor “ und „ Die Firma “ angesiedelt ist.

 

Zugleich gibt es ein geheimes Untergrundleben der bereits verkauften Sklaven. Sie sind vernetzt, besuchen nur für sie bestimmte Kellerbars, in denen es üblich ist, als Geld besitzender Sklave stets zwei Drinks zu bestellen. Einer ist für die vollkommen Recht-, Geld-, Lebenslosen und wird wie in einigen Städten bereits üblich , verschenkt. Es stehen sich am Ende zwei Schichten gegenüber: Die „Owner” auf der einen, die „Props” (für property, Eigentum) auf der anderen. Abgesehen davon, dass wirklich jede einzelne Szene von „Kauft Leute” originell und selten vorhersehbar gestaltet ist: Der Roman entwirft ohne billige Effekte eine gar nicht so ferne Zukunftsvision. Zurück bleibt die Gewissheit, dass eine Kette wie „Hümania” in ihrer gesamten Verlogenheit schon bald denkbar, das Prinzip dieser Supermarktkette sogar längst vorhanden ist.

 

Jan Kossdorff: „Kauft Leute”, Milena, 252 Seiten, 21,90 Euro.

 

Die Querverweise

Ob Arbeiterstrich , brasilianische Sklaven , Ausbeutung in der Textilindustrie oder deutsche 1-Euro-Jobs : Das Prinzip „Hümania” grassiert. Dass die Welt ein Supermarkt ist, hat bereits Michel Houellebecq in Romanen wie „ Ausweitung der Kampfzone “ gesehen. Auch Chuck Palahniuks „ Fightclub “ ist ein Aufstand gegen die Unterdrückung der einfachen Arbeiter. Auf der slaveryfoodprint-Seite kann jeder selbst errechnen lassen, wie viele Sklaven für seinen Lebensstandard schuften. Für den philosophischen Background sorgt Giorgio Agambens „Homo sacer“.

 

Die Updates

eBook only: Rowohlt wird ab 1. Juni einige Bücher nur als eBooks rausbringen - anders als bei der edition suhrkamp digital gibt es also keine gedruckte Version zu kaufen. Vor einer Woche wurde außerdem auf Initiative von Elisabeth Scott ( ringebooks ) und Wolfgang Farkas ( shelff ) das „eBook Network Berlin“ gestartet. Die unabhängigen elektronischen Verlage aus Berlin sind nun gemeinschaftlich organisiert.

 

Kein Verlag mehr: Auf der Hildesheimer lit.FUTUR-Tagung hat Autor und Bald-Hanser-Verleger Jo Lendle über die Zukunft des Verlagswesens gesprochen. Manche glauben , er habe sich gegen Verlage ausgesprochen. Tatsächlich hat er gesagt, dass der „Aufbau eines Werks” für viele Autoren wichtig sei - und zwar im professionellen Rahmen eines Unternehmens wie: Hanser.

 

Ein Verlag mehr: Sascha Lobo baut gerade   einen neuen Verlag auf. In Hildesheim hat er sein   Sobook   vorgestellt. Kern des Geschäftes wird die Vermarktung über Social-Media-Plattformen sein. Wer über ein Buch etwas postet, kann direkt einen Link in den Text selbst verwenden. Freunde lesen dann ab dieser Stelle zwei Seiten lang kostenlos, bevor sie gebeten werden, das eBook zu kaufen. "Aber die zahlen dann natürlich keine 19,99 Euro, sondern eher 2,99 Euro", sagte Lobo.

 

Text: jan-drees - Illustration: Katharina Bitzl

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