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Freunde von mir hängen mit Leuten aus der rechten Szene ab. Was kann ich tun?

Stadtbekannte Nazis gibt es überall. Dass man sich von diesen Leuten fernhalten sollte, ist eigentlich klar. Aber was tun, wenn die eigenen Freunde das anders sehen?
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Irgendwann waren sie auch in meiner niedersächsischen Kleinstadt angekommen. Unsympathische Typen, die biertrinkend in den Bushaltestellen abhingen und Thor Steinar Klamotten trugen. Natürlich nicht alle mit Glatzen, aber viele mit „White Power"-Aufnähern auf dem Rucksack und Stahlgewitter-Musik im Ghettoblaster. Nachwuchsnazis aus dem „Heisenhof", einem Zentrum für Rechtsextreme nur ein paar Dörfer weiter.

In der Stadt fürchteten sich die meisten vor der neuen braunen Front. In der Schule wurden uns die Erkennungszeichen von Nazis erklärt, viele liefen auf den Gegendemos zu den kümmerlichen Naziaufmärschen mit. Und trotzdem gab es einige wenige unter uns, die heimlich die Flyer einsteckten, die von der NPD vor dem Schulhof verteilt wurden. Mitschüler, die irgendwann selbst mit den Rechten biertrinkend in Bushaltestellen rumlungerten. Mitschüler wie Katharina.

Katharina spielte Handball im Verein und traf dort irgendwann Arne. Die Schule lief zu dem Zeitpunkt nicht gut bei ihr, die Eltern stressten wegen des Abis. Arne ging auf eine andere Schule, hatte ganz andere Freunde als wir, die gutbürgerlichen Kinder aus der Vorstadt. Katharina gefiel das. Sie und Arne wurden ein Paar.
Am Anfang war es vielleicht noch Provokation gegenüber ihrem spießigen Umfeld, wenn sie mit Arne und seinen Leuten abends Schnaps trank und auf Rockkonzerten gröhlte. Je länger sie mit seiner Clique abging, umso überzeugter wurde sie allerdings auch von deren Inhalten. Schwarze wurden zu "Negern", Ausländer nahmen "uns Deutschen" die Arbeit weg. Der übliche Mist. Am Anfang versuchten wir noch vergebens mit ihr zu reden. Eines Tages stand sie jedoch auf der anderen Seite bei unseren Anti-Rechts-Demos. Sie lief mit den Nazis mit, während wir unsere „Die Stadt ist bunt"-Plakate hochhielten. Die Freundschaft war vorbei.

Bernd Wagner hilft beim nicht-staatlichen Verein „Exit" Aussteigern aus dem Rechtsextremismus. Er weiß aus aus seinen zahlreichen Beratungen, wie schwierig es sein kann den abdriftenden Freund mit den eigenen Beobachtungen zu konfrontieren. Deshalb rät er, nie alleine jemandem beim Ausstieg helfen zu wollen „Schließt euch mit anderen Freunden zusammen und besprecht die Situation. Beratet euch und sucht Partner, die etwas von der Szene verstehen. Seit genau in der Beobachtung damit keine Gerüchteküchen entstehen, aber doch die Realität auf den Tisch kommt", sagt Wagner.

Jedoch ist auch die Wahl eines „Partners" beim Ausstieg keine leichte Sache: Wagners Erfahrung nach reagieren insbesondere Lehrer oftmals überfordert oder gereizt, wenn sie mit dem Problem „Rechtsextremismus" konfrontiert werden. Dementsprechend rät er, zunächst ohne Namensnennung ein Testgespräch mit dem potenziellen Helfer zu führen, bevor man einen Mitschüler als möglichen Neonazi outet. Auch im Umgang mit den Eltern oder dem Jugendamt kann es ratsam sein, zunächst vorzufühlen ob das Gegenüber sich in die prekäre Lage des Jugendlichen überhaupt hineinversetzen kann. Wer jedoch das Gefühl hat, bei Pädagogen und Freunden keine geeignete Hilfe zu finden, kann sich auch an nicht staatliche Organisationen wie Exit, sowie an Justizbehörden oder Polizeistellen wenden. Diese vermitteln dann an Ausstiegshelfer, die von der Materie wirklich Ahnung haben.

Charlotte Haunhorst, 24, hat für diese Geschichte Katharina W., damals 16, portraitiert. Katharina schaffte den Ausstieg durch eine dramatische Wende: Ihr Freund klaute mit ihr gemeinsam das Auto ihrer Eltern, die beiden kamen von der Fahrbahn ab und landeten im Straßengraben. Danach machte sie mit ihm und seinem Freundeskreis Schluss.

Fünf Tipps, wie Du Freunden, die in die rechte Szene abrutschen, helfen kannst:

Versuch niemals jemandem ganz alleine beim Ausstieg zu helfen. Sprich mit Freunden, Eltern, Pädagogen. Erst genau beobachten, dann mit anderen darüber sprechen. Es gibt nichts Schlimmeres als ungerechtfertigt als Nazi gebrandmarkt zu werden. Versuche zu verstehen, was die Rechten für deinen Freund so attraktiv macht. Sind es die "neuen Freundschaften"? Ist er/sie vielleicht sogar in jemanden aus der Szene verliebt? Erst wer versucht auf die Bedürfnisse des anderen einzugehen, kann auch glaubwürdig argumentieren. Wenn Lehrer oder Eltern nicht reagieren: Unbedingt professionellen Rat einholen. Eine Übersicht an Aussteiger-Hilfen gibt es hier: http://www.netz-gegen-nazis.de

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