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Sind Biolebensmittel immer gute Lebensmittel?

Nur noch Produkte zu kaufen, auf denen Bio drauf steht, ist teuer, fühlt sich aber gut an. Bleibt die Frage: Wie sinnvoll ist das wirklich? Im Lexikon des guten Lebens erfährst du, was du im Umgang mit "Bio" alles wissen solltest.
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Vor etwa vier Jahren kaufte ich das erste Mal - alleine und nicht an Mutters Hand - auf einem Wochenmarkt ein. Ich erinnere mich noch, dass ich mir irgendwie sehr erwachsen vorkam, wie ich da so über den Platz schlenderte, die angebotene Bioware in die Hand nahm, kritisch beäugte und dann fachmännisch nach deren Herkunft fragte. Einkaufen macht Spaß, dachte ich, und spielte schon mit dem Gedanken, nie wieder einen Discounter zu betreten und stattdessen nur noch "gute" Lebensmittel zu kaufen. Doch der Spaß endete ziemlich abrupt, als die nette Marktfrau mir den Preis meines Einkaufs nannte. Ich unterdrückte mühsam einen kleinen Schrei, zahlte tapfer und ging nach Hause. Kaum angekommen, war ich wieder obenauf: Schließlich hatte ich gesund eingekauft und mir und meinem Körper etwas Gutes getan. Was waren da schon ein paar Euro weniger im Geldbeutel? 

"Biolebensmittel schneiden in unseren Tests im Schnitt nicht besser als herkömmliche Produkte ab, aber auch nicht schlechter", sagt Ina Bockholt, Redakteurin für das Ressort Ernährung bei der Stiftung Warentest, und fasst somit die Ergebnisse von 85 Lebensmitteltests zusammen. 249 biologische und 1007 konventionelle Produkte wurden in den vergangenen Jahren unter anderem auf die Punkte Schadstoffe, Keime, Geruch und Geschmack geprüft – das Resümee ist relativ nüchtern: Auf beiden Seiten gibt es sehr gute und mangelhafte Qualitätsurteile – und das in recht ausgewogenem Maße. Das hatte ich nicht erwartet! War mein Marktbesuch also sinnlos? Hatte ich ganz grundlos ein riesiges Loch in meinen Geldbeutel gerissen?

Das könne man so nicht sagen, beruhigt mich Ina Bockholt. Gesünder seien Biolebensmittel zwar nicht grundsätzlich, aber "wer Biolebensmittel kauft, unterstützt eine ökologische, tiergerechte und nachhaltige Landwirtschaft." Immerhin, Einkaufen mit gutem Gewissen. Immer mehr Menschen scheinen in Deutschland Wert darauf zu legen. Nahezu in jedem Haushalt werden regelmäßig Biolebensmittel konsumiert. In Großstädten gibt es mittlerweile an jeder Ecke einen Biomarkt und auch die Discounter haben längst aufgerüstet und bieten Bioware an. Und die ist sogar empfehlenswert: "Auch in Supermärkten und Discountern kann man Biolebensmittel kaufen, die nicht schlechter sind als solche vom Markt." Achten sollte man beim Einkauf allerdings darauf, dass die Lebensmittel das EU-Ökosiegel tragen, das es seit 2010 gibt. Diese Produkte – es sind in Deutschland mehr als 60.000 – erfüllen einen gewissen Mindeststandard, erklärt Ina Bockholt: "Das Siegel zeigt, dass auf den Einsatz von chemischen Pestiziden verzichtet wurde und die Hersteller den Tierschutz großschreiben." In der Landwirtschaft wird keine Gentechnik eingesetzt, Lebensmittel werden nicht bestrahlt und die Tiere werden nicht mit Antibiotika gefüttert. Zumindest in der Theorie - und jetzt wird es etwas komplizierter: Die EU erlaubt nämlich 0,9 Prozent Beimengung gentechnisch veränderten Materials, falls dieses zufällig aus der Umwelt - beispielsweise durch Pollenflug - in die Nahrungsmittel gelangt. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Skandalen, weil in Biolebensmitteln verbotene Pflanzenschutzmittel gefunden wurden. Das passiert absichtlich oder manchmal auch durch schlichte Unachtsamkeit, wenn beispielsweise konventionelle und biologische Lebensmittel auf demselben Acker angepflanzt werden. Mehr als 50 Prozent aller Bioprodukte, die bei uns verkauft werden, kommen aus dem Ausland und nicht in jedem Land sind die Kontrollen so streng, dass gewährleistet wäre, dass es unter den vermeintlichen Biobauern keine schwarzen Schafe gibt. Experten kritisieren auch, dass die Punkte Ressourcenverbrauch und Klimaeffekt bei der EU-Verordnung keine Rolle spielen. Wenn also in einem heißen Land, in dem das Wasser knapp ist, Gemüse angepflanzt wird, das zum Wachsen allerdings viel Wasser braucht, oder wenn unser Obst aus Übersee kommt oder es in beheizten Gewächshäusern aufgezogen wird, ist das nicht besonders "bio" – das EU-Siegel tragen darf die Ware trotzdem.

Wer also wirklich sicher gehen will, ist mit Siegeln wie dem Demeter, dem Naturland oder dem Bioland-Siegel besser beraten als mit dem EU-Siegel. Sie haben höhere Anforderungen an Tierhaltung und Verarbeitung als die EU. Sie haben den gesamten Betrieb auf eine ökologische Wirtschaftsweise umgestellt, und bei ihnen wird überhaupt nicht mit konventioneller Gülle, Jauche oder Geflügelmist gedüngt. Außerdem haben ihre Tieren haben mehr Platz als bei den EU-Öko-Bauern. Die genauen Richtlinien sind auf ihren Websiten nachzulesen.

Marie-Charlotte Maas, 28, ist verwirrt von den vielen Siegeln und wünscht sich ab und zu beim Einkaufen doch wieder an Mutters Hand. Fünf Dinge, die du über Biolebensmittel wissen solltest:

1. Hinweise darauf, dass Bioware gesünder oder schmackhafter ist als konventionelle Ware, wurden in dem Test der Stiftung Warentest nicht gefunden. Entgegen früherer Annahmen erwiesen sich die Bioprodukte nicht als reicher an bioaktiven und somit gesundheitsfördernden Stoffen. Generell gilt, dass bei einer naturnahen und schonenden Produktion mehr „gute“ Stoffe enthalten bleiben – unabhängig von bio oder konventionell.

2. Frisches Bio-Obst und Bio-Gemüse ist zu 75 Prozent frei von Pestizidrückständen. So sauber waren nur 16 Prozent der konventionellen Pendants, allerdings lagen die Pestizidrückstände bei ihnen zu mehr als 90 Prozent unterhalb der gesetzlichen Höchstwerte. Sie stellen nach wissenschaftlicher Einschätzung somit kein Risiko dar.

3. Grundsätzlich gilt: Wer ökologisch korrekt speisen will, zahlt mehr. Die von Stiftung Warentest untersuchten Bioprodukte waren 30 bis 50 Prozent teurer als die herkömmliche Ware. Nur bei Olivenöl und Bitterschokolade, bei Smoothies und Sojadrinks sowie Eisbergsalat ähnelten sich die Preise. Margarine, Fischstäbchen und Grillfleisch kosteten sogar das drei- bis vierfache. Aber Achtung: Es gibt auch konventionelle Lebensmittel, die teurer sind als Bioware. Das heißt: Am Preis alleine erkennt man kein gutes Lebensmittel. Im Zweifel gilt: Fühlen, riechen, sehen, schmecken!

4. Besonders gut sind bei den Biolebensmitteln Vollmilch, Würzöle, Obst, Gemüse und Tee. Beim Rapsöl hingegen haben nach Angaben der Stiftung Warentest viele konventionelle Produkte besser abgeschnitten.

5. Neben dem staatlichen "Bio-Siegel" gibt es über 100 Siegel und Zeichen, die Bio-Lebensmittel kennzeichnen. Einige Öko-Anbauverbände haben höhere Anforderungen an Tierhaltung und Verarbeitung als die EU, dazu gehören Demeter, Naturland und Bioland. Sie haben den gesamten Betrieb auf eine ökologische Wirtschaftsweise umgestellt, es wird zum Beispiel nicht mit konventioneller Gülle, Jauche oder Geflügelmist gedüngt und ihre Tieren haben mehr Platz als bei den EU-Öko-Bauern.

Text: marie-charlotte-maas - Cover: rowan / photocase.com

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