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Soll ich jedem Bettler etwas spenden?

Wie fällt man die Entscheidung, welchen Bettlern man etwas und wieviel man gibt? Sozialarbeiter Johannes Denninger weiß Rat.
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Täglich läuft man an Menschen vorbei, die auf der Straße um Geld betteln. Sie sitzen auf dem Boden und haben einen Hut vor sich, in dem ein bisschen Kleingeld liegt, manche stehen auch am Eingang zur S-Bahn und sprechen die Passanten an, ob sie ein, zwei Euro übrig haben. Und sehr oft ist man sich einfach nicht sicher: Geb ich jetzt was – oder nicht?

Ich habe das Geldspenden auf der Straße bisher immer von meiner Laune und der Situation abhängig gemacht. Wenn ich es gerade eilig habe, hetze ich vorbei, wenn ich sowieso Münzen in der Manteltasche habe und nicht erst umständlich nach dem Portemonnaie kramen muss, gebe ich etwas. Manchmal erschrecke ich aber auch einfach, wenn mich plötzlich jemand anspricht, während ich gedankenverloren die Treppe zur U-Bahn runterschlurfe. Ich schüttle dann schnell und reflexartig den Kopf, um mich gleich hinterher zu fragen: Warum eigentlich? Überhaupt stelle ich mir immer wieder die Frage, ob es nicht eigensinnig oder falsch ist, meine Kleingeldspenden von meiner Laune abhängig zu machen. Und auch die, ob ich mit einer Spende nicht vielleicht sogar etwas Schlechtes tue, weil ich die Situation des Bettelnden so unterstütze und festige.

Johannes Denninger ist Sozialarbeiter bei BISS und hat in seinem Job oft mit Menschen in sozial schwierigen Situationen zu tun. Er stellt erst einmal klar: Betteln ist schwere Arbeit. „Man erbringt keine Gegenleistung und sitzt auf Höhe der Hüfte oder des Hinterns der anderen Menschen. Das bedeutet Demut und Unterwürfigkeit", sagt Denninger. Es sei sehr anstrengend, zu warten, bis sich der Hut füllt. Man brauche Geduld und sogar eine Art Marketingkonzept. „Ein guter Bettler weiß, bei wem er den Kopf heben muss und welcher Passant ihm am ehesten etwas geben wird." Neben diesem „passiven Betteln" gibt es auch noch das „aggressive Betteln", bei dem der Bittende direkt auf einen zukommt und nach einer Spende fragt.

Aber sollte man denn nun jedem etwas geben, der darum bittet, oder nicht? „An der Frage knoble ich auch manchmal noch rum", sagt Denniger, „denn in unseren freien sozialen Marktwirtschaft ist ja jedem die Entscheidung, ob er etwas gibt oder nicht, selbst überlassen. Wenn ein Bettler Sie zu dieser Entscheidung zwingt, dann hat er seine Arbeit gut gemacht." Um sie zu fällen, rät Denninger, erstmal einen Blick auf die eigenen Finanzen zu werfen. „Man muss sich klarmachen: Wie viel habe ich und wie viel kann ich davon abgeben und teilen. Wenn man nichts übrig hat und darum nichts abgibt, muss man kein schlechtes Gewissen haben." Aber auch, wenn man genug hat und nichts gibt, sei ein schlechtes Gewissen nicht angebracht: „Dann ist man vielleicht geizig, aber das ist ja in Ordnung, wenn man das mit sich ausmacht."

Beim Spenden auf der Straße geht es nicht um gut oder schlecht. Entscheidend ist laut Denninger etwas ganz anderes: „Wenn Sie mit der Gabe eine Erwartung verbinden, dann liegen Sie völlig falsch!" Wer durch die Geldspende zum Beispiel erreichen will, dass der Bettler weggeht, oder wer glaubt, ihm dadurch vorschreiben zu können, wofür er das Geld ausgibt, der sollte es besser lassen. „Was derjenige mit dem Geld macht, geht Sie nichts an", sagt Denninger. „Je ärmer die Menschen sind, desto eher glauben die Reicheren, dass sie ihnen vorschreiben können, was Sie mit ihrem Geld machen sollen." Darum sei es auch überhaupt nicht besser, statt Geld eine Semmel zu spenden – denn da stecke immer ein erzieherischer Gedanke dahinter. „Das sind alles keine unterernährten Menschen. Geben Sie ihnen Geld und fertig!", sagt Denninger. Zusätzlich zur Geldspende kann man aber auch einfach einen Moment stehenbleiben. „Wenn Sie die Zeit haben, versuchen Sie doch, ein Gespräch anzufangen. Vielleicht werden sie abgewiesen, vielleicht blüht der andere aber auch auf."

Es gibt allerdings Situationen, in denen es besser ist, nichts zu geben, zum Beispiel, wenn vermutlich eine Bettelbande dahinter stecke. Wie man das erkennt? „Diese Banden setzen offensichtliche Gefühlsanreger ein, zum Beispiel Kinder oder sie stehen mit Tieren auf der Straße und schwingen eine Büchse", erklärt Denninger. „Manche springen auch auf unser System auf und sagen, dass sie für Obdachlose sammeln." Grundsätzlich gilt: „Immer wenn Sie das Gefühl haben, dass da etwas nicht stimmt, dass vielleicht ganz andere Zwecke als die aktuelle Not des Bettlers dahinter stecken könnte, dann geben sie lieber nichts. Das ist besser als undurchsichtige Machenschaften zu unterstützen."

Nadja Schlüter, 26, hat neulich von jemandem gehört, der ein Budget festgelegt hat, das er über den Monat verteilt auf der Straße abgibt. Vielleicht probiert sie das demnächst auch mal aus.
Fünf Tipps, die dir bei der Entscheidung, ob und wieviel du spendest, helfen:

1. Um die Frage zu beantworten, wie viel man Bettlern in den Hut wirft, kann man ganz pragmatisch vorgehen und erstmal die eigene Finanzlage checken: Wie viel hab ich und wie viel kann ich davon abgeben?

2. Ein schlechtes Gewissen einem Bettler gegenüber ist unangebracht. Sowohl, wenn man nichts gibt, weil man nichts hat, als auch, wenn man nichts gibt, obwohl man etwas hat. Denn es bringt keiner der beiden Seiten etwas.

3. Wenn man einem Bettler etwas spendet, sollte man das ohne jegliche Erwartungen tun. Spenden bedeutet, dass es keine Gegenleistung für das Geld gibt. Und was ein Bettler mit einer Spende macht, geht den Spendenden nichts an.

4. Ruhig skeptisch sein – die Frau mit dem Baby im Arm und der Junge mit der Büchse und dem Pony gehören vielleicht zu einer organisierten Bettelbande und die sollte man nicht unterstützen.

5. Wer nicht einfach nur eine Münze abgeben will, kann auch ruhig mal stehen bleiben und das Gespräch suchen. Es kann zwar sein, dass der andere keine Lust darauf hat, aber genauso gut ist es möglich, dass er sich darüber freut. 

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