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Wie führe ich eine gute Fernbeziehung?

Es war ein Sommerabend in Nordspanien, ich stand mit einem Freund an einem Tresen, als sich eine zierliche Spanierin neben mich schob und beim Barmann ein Bier bestellte.
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Es war ein Sommerabend in Nordspanien, ich stand mit einem Freund an einem Tresen, als sich eine zierliche Spanierin neben mich schob und beim Barmann ein Bier bestellte. Zwanzig Minuten später war ich verknallt. Zwei Wochen später war die Spanierin meine Freundin. Und vier Wochen später musste ich nach Hause fliegen, denn meine zwei Auslandssemester waren vorbei.

Da hatte sie schon das erste Flugticket nach München gekauft. Am Tag nach meiner Rückkehr saß ich auf dem Münchner Königsplatz und erzählte zwei Freunden von meiner Spanierin. Und davon, dass ich ab sofort in ein Fernbeziehungsmensch sei. Beide lächelten wissend. „Auf die Entfernung funktioniert das doch nie“, sagte einer und reichte mir ein neues Bier.

Fast zwei Jahre ist er her, der Tag am Königsplatz, meine Freundin studiert immer noch in Spanien, ich wohne in München – und was damals meine Freunde bezweifelten (und heimlich sogar ich selbst ein bisschen), funktioniert tatsächlich: Wir führen eine glückliche Beziehung auf 2.000 Kilometer Distanz.

Berit Brockhausen ist Paartherapeutin in Berlin, sie sagt: „Voraussetzung für eine gelingende Fernbeziehung ist, sich klar zu machen, was die Vor- und Nachteile einer solchen Beziehung sind.“ Nur so, sagt sie, könne man die Vorteile bewusst genießen und an den Nachteilen nicht verzweifeln. Denn natürlich sind die Nachteile einer Fernbeziehung schwer zu leugnen. Meine Spanierin und ich sehen uns höchstens einmal im Monat – und abgesehen von Sommerurlaub und Weihnachten nie länger als vier Tage am Stück. Für ein gemeinsames langes Wochenende zahlen wir mit Flug fast soviel, wie die Monatsmiete für ein WG-Zimmer kostet. Und statt an regnerischen Abenden zusammen auf der Couch zu liegen und Filme zu gucken, sitzt jeder auf seinem eigenen Sofa und starrt auf das Skype-Fenster im Laptop. Aber dann gibt es da eben auch noch die Vorteile. „Distanzpaare nehmen sich bewusst Zeit füreinander und gestalten sie schön“, sagt Berit Brockhausen. „Sie freuen sich auf den anderen und zeigen das auch.“ Wenn ich meine Spanierin besuche, verbringen wir oft die ersten zwei Tage in einem kleinen Hotel an der Küste und trinken Weißwein. Es ist jedes Mal wie Urlaub.

Der zweite Vorteil: „Sie sprechen regelmäßig viel miteinander, vor allem in den Zeiten des Getrenntseins am Telefon.“ Bei Paaren, die sich täglich sehen, nähme die Gesprächszeit oft dramatisch ab. Die Kommunikation ist der Dreh- und Angelpunkt jeder Beziehung, aber bei Fernbeziehungen entscheidet sie über Leben und Tod.

Eine der größten Gefahren sei die Entfremdung vom Partner, sagt Brockhausen. Deshalb ihr Tipp: „Den Kontakt eng halten, unbedingt.“ Selbst wenn das tägliche Telefonat aufgrund mangelnder Neuigkeiten in einer Auflistung der Abendessens-Zutaten mündet. „Es geht darum, den anderen am eigenen Leben teilhaben zu lassen“, sagt Berit Brockhausen. Und vor allem die alltäglichen Dinge sind es, die uns dem anderen näherkommen lassen. Entscheidend sei auch, Kränkungen, Enttäuschungen oder Ärger am Telefon ernst zu nehmen und möglichst rasch auszuräumen – denn wer den Groll über mehrere Tage mit sich trage, beginne automatisch, sich innerlich vom Partner zu entfernen, „und das“, sagt Brockhausen, „ist für Distanzbeziehungen tödlich.“

Ist ein bestimmter Charakter nötig, damit eine Fernbeziehung funktioniert? Nötig nicht, sagt Berit Brockhausen, die allermeisten Paare kämen für absehbare Zeit auch auf Distanz zurecht. Aber besonders gut passe die Fernbeziehung zu Menschen, die viel Wert auf Unabhängigkeit legen und autonom über ihr Leben bestimmen wollen. „Die genießen die Paarzeiten wie einen wunderbaren Urlaub vom Alltag, der beruhigenderweise ganz ungestört weiterlaufen kann.“ Eine wirkliche Dauerlösung sei es aber dann doch fast nie. Nach zwei bis vier Jahren spürten die meisten Distanzpaare, dass sie vor einer Entscheidung stünden: „Zusammenziehen oder ausplätschern lassen.“

Meine Spanierin und ich suchen uns für den Herbst eine gemeinsame Wohnung.

Jan Stremmel, 25, ist in den letzten zwei Jahren 14 Mal nach Spanien geflogen, jeweils mit Rückflug über Mallorca. Viermal saß neben ihm ein Betrunkener in Badehose. Und einmal Roberto Blanco. 

Fünf Tipps für eine gute Fernbeziehung:

1. Nimm dir Zeit fürs Ankommen. Egal, wie sehr du dich auf deinen Partner gefreut hast – in dem Moment, in dem du ihn in den Arm nimmst, spürst du eine Fremdheit. Jedes mal wieder. „Das bedeutet nicht, dass Sie sich nicht lieben“, sagt Paartherapeutin Berit Brockhausen. „Sondern dass Sie sich in  Ruhe wieder aufeinander einstimmen müssen.“

2. Drück’ ein Auge zu. Wenn es beim Zusammensein etwas hakt und knirscht, sollte man kleinen Ärger lieber stehen lassen, statt sich die gemeinsame Zeit durch Streit zu verderben. „Doch wenn es am gleichen Punkt wiederholt brodelt, sollten Sie das Thema mit dem Partner klären.“ Am besten ruhig, schnell und effektiv.

3. Sei spontan. Auch wenn vor lauter Vorfreude das ganze Wochenende schon perfekt romantisch durchgeplant ist: „Man sollte bereit sein, alle Pläne umzustoßen, wennn sie nicht mehr passen“, sagt Brockhausen. Wenn der Partner erkältet ist, ist ein spontaner gemütlicher Pärchen-Fernsehabend vielleicht besser als die Party, auf die man unbedingt gehen wollte.

4. Pflege Rituale. Das Essen beim Lieblingsitaliener, der gemeinsame Spaziergang mit dem Hund  – gemeinsame Aktivitäten stärken das „Wir“-Gefühl.

5. Achte auf dich selbst. In einer Fernbeziehung verbringt man den Großteil seiner Zeit ohne den Partner. Wer die getrennte Zeit nur als unangenehme Durststrecke sieht, die es irgendwie zu überstehen gilt, wird auf Dauer nicht glücklich. Deshalb: genieße auch die partnerfreie Zeit und nutze die Möglichkeit, dich ohne schlechtes Gewissen auf deine Freunde konzentrieren zu können.

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