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Amy Liptrot war alkoholkrank

Auf den rauen Orkney-Inseln ist sie gesund geworden – und hat darüber ein wunderschönes Buch geschrieben.
Interview von Nadja Schlüter
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    Foto: Fionn McArthur

Amy Liptrot, 36, ist auf Orkney aufgewachsen, einer Inselgruppe im äußersten Nordwesten Schottlands. Mit Anfang Zwanzig verließ sie die Einsamkeit und das raue Klima, um in London zu studieren und als Autorin und Journalistin zu arbeiten. Von einem ausgelassenen Partyleben schlitterte sie in die Alkoholsucht, von der sie sich erst fast zehn Jahre später erholte – durch einen Entzug und durch die Rückkehr auf die Orkney-Inseln.

 

Ihr Memoir „Nachtlichter“, das von der Sucht, der Genesung und der faszinierenden Natur auf Orkney erzählt, erscheint am 9. Oktober in deutscher Übersetzung bei btb. Das englische Original „The Outrun“ wurde in Großbritannien zum Beststeller. Am Telefon hat uns Amy von ihrem Kampf gegen die Alkoholsucht erzählt und davon, wie es ist, abwechselnd oder sogar gleichzeitig auf Inseln im Atlantik, in einer Millionenstadt und im Internet zu leben.

 

jetzt: Wann hast du gemerkt, dass du ein Alkoholproblem hast?

Amy Liptrot: Als ich in London gelebt habe, habe ich irgendwann angefangen, immer öfter alleine zu trinken. Statt Alkohol auf eine sozial Art zu nutzen, hat er mich von anderen entfremdet. Es war eine Abwärtsspirale und ich wurde immer einsamer und verzweifelter. An einem Punkt wurde ich ungefähr gleichzeitig gekündigt, mit meinem Freund war Schluss und ich habe dadurch meine Wohnung verloren. Das war ein Wendepunkt, nach dem es für zwei, drei Jahre richtig schlimm wurde. Schließlich wurde ich von einem Fremden überfallen und wegen Alkohol am Steuer festgenommen. Danach habe ich trotzdem noch ein Jahr so weitergemacht…

 

… und dann einen Entzug angefangen.

Ich hatte vorher schon einige Versuche gestartet, mit dem Trinken aufzuhören, und es nie geschafft. Ich wollte darum einen Platz in einer Entzugsklinik, aber es war nur einer in einer Tagesklinik frei, in einem dreimonatigen Programm. Ich hatte das Gefühl, dass das meine letzte Chance ist und habe darum versucht, mich so gut wie möglich abzusichern: Ich habe allen davon erzählt: Freunden, Familie. Und ich habe meinen damaligen Job gekündigt, um mitmachen zu können. Aber ich war keinesfalls sicher, dass es klappt. Fakt ist: Die meisten schaffen es nicht. 

Auch aus deiner Gruppe nicht?

Wir waren zu zwölft, als die Therapie anfing, und nur drei von uns haben die zwölf Wochen durchgehalten. Und von uns drei haben wiederum nur zwei es geschafft, seitdem trocken zu bleiben. Ich hatte also sehr, sehr viel Glück.

 

Warum bist du nach dem erfolgreichen Entzug nach Orkney gegangen?

Erstmal nur aus praktischen Gründen. Arbeitslos und mehr oder weniger trocken in London zu sein, das war ziemlich schwierig für mich, darum wollte ich mich von Orkney aus auf Jobs bewerben. Aber mit der Zeit haben die Inseln mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich habe angefangen, für meinen Vater auf der Farm zu arbeiten, dadurch habe ich mich nützlich gefühlt. Als aus den Bewerbungen in London nichts wurde, habe mich um einen Job bei RSPB, der örtlichen Vogelschutz-Stiftung, beworben – und war dann plötzlich die Wachtelkönig-Beauftragte (der Wachtelkönig ist ein seltener Vogel, dessen Bestand von der RSPB regelmäßig gezählt wird; Anm. d. Red.)! Ich bin also nachts über die Insel gefahren und habe auf Vogelrufe gelauscht. Das hat mir geholfen, wieder eine Verbindung zu dem Ort aufzubauen, an dem ich aufgewachsen bin. Und ich habe angefangen, mein Buch zu schreiben.

 

„Ich glaube, ohne Breitbandanschluss hätte ich dort nicht leben wollen“

 

Hat die Natur eine Lücke gefüllt, von der du vorher nichts wusstest?

Ich glaube, ich habe vorher einfach nicht realisiert, wie sehr ich dieses Umfeld vermisst hatte. Es hat mir sehr viel Freude gemacht, endlich die richtigen Namen und Lebensweise der Tiere kennenzulernen und alles hautnah zu erleben. Ich habe es genossen, mich auf etwas zu konzentrieren, das außerhalb von mir selbst stattfand. Und vor allem in den Menschen auf der Insel Papay habe ich eine Gemeinschaft gefunden, die es so in London nicht gab. Sie haben mir das Gefühl gegeben, gewollt und nützlich zu sein, während man sich in der Hauptstadt in dem ewigen Kampf um Wohnraum und Arbeit sehr ungewollt fühlen kann.

 

Gleichzeitig warst du auf den Inseln viel allein.

Ich war zu dieser Zeit sehr wackelig und fand es schwierig Kontakte zu knüpfen, weil ich es vorher eigentlich nie ohne die Hilfe von Alkohol gemacht hatte. Es hat mir aber auch Zeit und Raum gegeben, nachzudenken und langsam meine Abstinenz aufzubauen. Und ich hatte ja das Internet, also neben der physischen Gemeinschaft auf Papay auch die virtuelle meiner Freunde in London. Darüber spreche ich auch ganz ehrlich im Buch: Ich glaube, ohne Breitbandanschluss hätte ich dort nicht leben wollen…

 

In deinem Buch beschreibst du Orkney sehr detailliert und sehr, sehr liebevoll. Was ist für dich das Besondere an diesen Inseln?

Es ist eine Inselgruppe mit einer starken Identität. Die Menschen sind stolz auf die Landschaft, aber auch auf ihre Kultur und ihr Erbe, die Traditionen und den Dialekt. Und es gibt dort Vögel und andere Tiere, die es sonst nirgends gibt. Ich bin froh, dass ich von einem so besonderen Ort komme. 

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    Foto: btb

Trotzdem bist du mit Anfang Zwanzig nach London gegangen.

Ich glaube, viele Menschen aus der Provinz sind hin- und hergerissen zwischen Land und Stadt. Beides bedient bestimmte Teile meines Charakters. Als ich eine Teenagerin war wollte ich unbedingt weg aus Orkney, ich wollte die Musik, die Mode, all die Aufregung aus der Stadt. Als ich fürs Studium nach London gezogen bin, habe ich mich da voll reingeworfen.

 

In deinem Buch vergleichst du London häufig mit den Inseln. Warum sind diese unterschiedlichen Orte für dich ähnlich?

Die Landschaft, in der du aufwächst, drückt ihren Stempel in deine Seele. Darum habe ich automatisch die Insellandschaft auf die Stadt übertragen: Ein Hochhausblock war eine Klippe, Sirenengeheul war Vogelgeschrei, Verkehrsrauschen war Meeresrauschen.

 

„Die ersten Jahre war es für mich sehr hart und schmerzvoll, nicht zu trinken“

 

In London bist du alkoholkrank geworden. Machen Städte uns kaputt und die Natur kann uns hinterher wieder heilen?

So sollte man mein Buch nicht lesen. Sucht entsteht ja aus einer Kombination komplexer Gründe. Und die Tendenz zur Sucht hat immer mit der Persönlichkeit und nicht unbedingt etwas mit dem Ort zu tun. Manche Menschen sagen, die Stadt kreiert diese Probleme, weil so viel Druck und Hektik herrscht, und andere sagen, die Provinz macht es, weil Menschen dort einsam sind und nichts zu tun haben. Ich denke, ich wäre auch in Orkney süchtig geworden. Dort habe ich ja auch als Teenagerin mit dem Trinken angefangen.

 

Trotzdem: Die ersten Jahre in London beschreibst du als eine einzige, große Party.

Ja, das war eine spaßige und wilde Zeit: Ich war sehr sozial, fast jede Nacht aus, habe getrunken und Drogen genommen und es geschafft, alles irgendwie hinzukriegen. Das war eine Phase der passiven Sucht, in der ich aber schon in die Richtung steuerte, die Substanz allem anderen vorzuziehen. 

 

Hast du manchmal Angst, rückfällig zu werden?

Ich habe das Gefühl, es gerade so geschafft zu haben, obwohl vieles dafür gesprochen hat, dass ich es schaffe: Ich hatte die volle Unterstützung meiner Familie, eine gute Bildung, so etwas wie eine Karriere. Viele Menschen, die ich im Entzug kennengelernt habe, hatten viel komplexere Probleme und einen viel schwierigeren Hintergrund, für sie muss das noch viel härter gewesen sein. Die ersten Jahre war es auch für mich sehr hart und schmerzvoll, nicht zu trinken. Aber jetzt bin ich seit sechs Jahren trocken und fühle mich sicher. Das ist großartig, beinahe ein Wunder, denn ich hätte das anfangs nie gedacht! Jedem, der mit dieser Sucht kämpft, würde ich darum gerne diese hoffnungsvolle Botschaft mitgeben: dass es nach und nach leichter wird.

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