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"Bist du noch wach?"

Nicht schlafen können, nervt. Es sei denn, man ist dabei zu zweit. Dann birgt die Nacht plötzlich lauter neue Möglichkeiten.
sina-pousset
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    Foto: photocase: viktormatic / marshi / zettberlin

Was auf jeden Fall nicht hilft: Schäfchen zählen. Seit etwa einer Stunde liege ich wach, im Dunkeln, in der Stille und lasse die Zeit verstreichen. Ich kann öfter nicht schlafen. Meistens hilft nichts. Nur manchmal habe ich großes Glück. So wie heute.

 

Ein Bein schert kurz zur Seite aus. Ich bin ganz still. Mein Freund dreht sich, erst nach links und dann nach rechts. „Bist du wach?“, frage ich vorsichtig. Er räuspert sich: „Ich kann nicht schlafen.“ Ich strahle in die Dunkelheit hinein. Was beim Nicht-schlafen-Können hilft: Wenn man dabei nicht alleine ist.

Das Schlimmste, wenn man nicht schlafen kann, ist die Langweile. Und die Einsamkeit: Alle schlafen, nur du bist wach. Das ist so unfair, dass es fast ein bisschen wütend macht. Besonders, wenn man neben jemandem liegt, den man gerade lieber im Wachzustand  bei sich hätte. Ruhig atmend erinnert er einen an das, was man sich so sehnlich wünscht: Tiefschlaf. Am liebsten möchte man ihn einfach nur wachrütteln. Gar nicht okay: Wenn man jemanden hilfesuchend antippt und der auf ein „Du! Ich kann nicht schlafen“ nur kurz brummt und sich zur Seite dreht.

 

Jetzt sind wir also wach, mein Freund und ich, während alle anderen schlafen. Zu zweit wird die Nacht zur Möglichkeit, zu zweit wird man zu Komplizen gegen die schlafende Welt. Und erlebt das schönste Miteinander: Es gibt nur uns. Zusammen warten wir nicht mehr darauf, dass die Zeit verrinnt, sondern überlegen, was wir mit ihr machen können. Gegen drei stehen wir auf, ziehen dicke Mäntel über die Schlafanzüge und schleichen uns aus dem Haus.

Es ist wie ein Spiel: Niemand darf wissen, dass wir hier sind und gegen die Regel „Nachts wird geschlafen“ verstoßen

Wir gehen in der frischen Luft durch dunkle Straßen spazieren, sehen ein Ratte, ein paar Autos und die Sterne. Niemand ist hier. Wir reden so lang, bis wir Hunger kriegen, kommen zurück und machen Pfannkuchen mit Erdnussbutter und Banane. Dann gehen wir mit ungeputzten Erdnussbutterzähnen ins Bett zurück. Und dann, irgendwann, schlafen wir ein. Am nächsten Tag ist die Nacht wie ein Geheimnis, das wir gemeinsam hüten.

 

In der Nacht ist es fast so, als würde Zeit nicht existieren. Denn die Nacht ist ein Dazwischen: Sie ist nicht ganz dunkel und nicht ganz hell, leise, aber doch nicht still. Deswegen fühlt sich Banales besonders an: zusammen am Küchentisch sitzen und an schwarzen Fenstern Tee trinken. Wieder zurück ins Bett kriechen, sich Geschichten erzählen und sich dabei anschauen. Alles fühlt sich anders an, fast, als wäre es verboten, als würde man etwas Geheimes tun. „Pscht“, macht mein Freund, als ich die Pfanne in die Spüle stelle. Es ist wie ein Spiel: Niemand darf wissen, dass wir hier sind und gegen die Regel „Nachts wird geschlafen. Sonst nichts“ verstoßen. Keiner schaut zu, wie wir in Schlabberhosen durch die Straßen ziehen. Wir tunken den Finger in die Erdnussbutter und keiner weiß davon. Ein bisschen ist es, als wäre es nie passiert.

 

Wenn man jemanden findet, der nicht schlafen kann, teilt man einen kurzen Blick: Erstaunen, Freude, Erleichterung. Schön, dass du da bist, mit mir, im Dazwischen. Einmal traf ich nachts auf dem Weg zum Bad meine Mutter im Wohnzimmer. Wir blieben zusammen wach, und redeten auf dem Wohnzimmerteppich bis in den neuen Tag hinein, über all das, das wir uns Tagsüber nicht erzählten.

 

Dann, irgendwann, schliefen wir ein. Wir tranken keine heiße Milch und ich dachte nicht an Schafe. Wir blieben einfach nur zusammen wach.

 

Und das hilft am allermeisten. Vielleicht nicht beim Schlafen, aber beim Glücklichsein.

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