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Die Aussprache-Streber

Sie rollen das R spanischer als jeder Madrilene oder nennen die Stadt Bethlehem plötzlich nur noch "Bett-lèchämm": Aussprache-Streber. Warum diese Spezies Mensch so unfassbar nervt.
friedemann-karig

Florian war in Großbritannien. "You know, mate", sagt er, und das U von you ist fast ein Ü, so britisch spricht er jetzt. Maria versteht ihn, sie war in Madrid. Und beides, ihren Namen und den der geliebten Stadt, spricht sie mit einem donnerrollendem rrrrrr, einem langen iiiii. So wie es ihre Freunde dort eben tun. 

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Das ist die gute Nachricht: Es gibt intelligentes Leben jenseits von "Bad Zehlona" (Olli Kahn), "Dschörmänni" (Lothar Matthäus) oder sogar "se Wöhlt" (Günther Oettinger). Der Deutsche ist heute längst nicht mehr der Banause, der im Wirtschaftswunder-VW gen Süden radebrecht. "Man spricht deutsch!" – das war gestern. Der Generation von Lothar Matthäus, die erst italienisch lernte, wenn sie sich ein Motorboot am Gardasee leisten konnte, folgt unsere etwas deutschlandmüde, ehrgeizig weltoffene Kohorte.
Weil wir mitunter schon im Kindergarten die erste Fremdsprache lernen, spätestens aber im vierten Semester in die Welt hinausziehen, mausern sich unsere Florians und Marias zu Musterschülern. Grammatikalisch sind sie gut, eh klar. Aber das reicht ihnen nicht. Jeder muss beim ersten Wort hören, was sie können. Sie sind Streber der Aussprache.

Man trifft sie schon in der Schule: Kaum zurück von einem Jahr als Austauschschüler in Brighton, Aix-en-Provence oder Mexico City, muss der Aussprache-Streber die dort erlernten Sprachkünste auch im Unterricht anwenden. Nicht genug, dass der Heimkehrer fließend parliert, wo die Heimbleiber sich nach Jahren noch jeden Halbsatz erstottern müssen. Nein, er klingt auch wie eine dieser uralten Kassetten aus dem Sprachlabor. "C'est parfait, n'est-ce pas", freut sich der Lehrer. Jede Betonung, jeder Zungenknoter des fremden Idioms sitzt wie die spaßeshalber zur Begrüßung aufgesetzte Baskenmütze des französischen Gastvaters: fast ein bisschen zu gut, um wahr zu sein. 

Wie ein verbales Selfie 

Denn ihr übers vorgereckte Kinn intonierter Sprach-Showoff, der jedem längst resignierten Pauker Freudentränen in die Augen treibt, klingt bemüht. Als müssten sie jeden Euro, den ihre Lehrzeit die Eltern gekostet hat, mit einem Cent pro Silbe abarbeiten. Als hörten ihre Freunde von "drüben" ihnen zu, hier im grauen Deutschland, und als schiene ein wenig spanische Sonne auf sie, wenn sie nur gekonnt genug das Binnen-C verlispelten. Als Bonustrack werden auch Sprachen perfektioniert, die man gar nicht sprechen kann. So heißt die Stadt, in der angeblich Jesus geboren wurde, bei jungen deutschen Israel-Touristen heute nicht mehr Bethlehem, sondern "Bett-lèchämm". Wie ein verbales Selfie mit einer Horde einheimischer Kinder beweist die korrekte Aussprache nicht nur, dass man dort war. Sondern dass man wirklich dort war. Und das dort verstanden hat.  

Indem er seinen Sprechapparat triezt, will der Ausprache-Streber als Kenner von Land und Leuten gelten. Aber statt spannend zu erzählen, spricht er unentspannt. Das nervt, wie jede Angeberei. Und ist doppelt schade. Denn vermutlich hat er wirklich tiefe Einblicke in eine andere Kultur gewonnen. Freunde in der Fremde gefunden. Etwas fürs Leben gelernt. Diese internationale Reife jedoch herzuzeigen wie eine verbale Medaille, verrät, wie wenig weltgewandt er sich womöglich vorher fühlte. Schon traurig: Dort draußen haben Florian und Maria etwas erreicht. Aber man mag sie nicht dafür, wenn sie es hier abliefern.  

Klar, ein bisschen Neid ist dabei. Nicht auf die Aussprache. Sondern auf die Partys, auf denen sie geschliffen wurde, und die Kosenamen, bei denen sie zur Anwendung kam. Nur, wenn das alles grandios war: Warum wird uns das jetzt so hörbar aufs gute deutsche Weißbrot geschmiert? Müssen Florian und Maria ihre geile Zeit abroad immer weiter auspressen? Können die nicht einfach schlecht spanisch reden wie normale Menschen?

Ein wenig Bescheidenheit würde den Strebern gut tun. Und ihnen mehr von dem einbringen, was sie brauchen: Beachtung ihrer emotionalen Zweistaatlichkeit. Sagt mal, Florian und Maria – wie war es denn eigentlich in Madrrriiiid oder Bett-lèchämm?  

Wenn also demnächst wieder ein Freund für ein Semester nach Montreal, Mailand oder Montreux geht, möchte man ihn warnen: Mach´s gut dort, komm gesund wieder! Baila, baila! All night long! Aber fang Dir bitte keine Aussprache ein.

Text: friedemann-karig - Illustration: katharina-bitzl

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