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Mischt euch ein!

Immer wieder werden Frauen in der Menge angegrabscht. Nur: Bei solchen Übergriffen mischt sich meistens niemand ein. Ein Erfahrungsbericht.
Eva Hoffmann
  • 1051909
    Foto: photocase.de/promifotos

In der Luft hängt Bierdunst, die Scheiben der U-Bahn sind beschlagen, die Menschenmasse wiegt bei jedem Anfahren der U-Bahn wie eine Welle vor und zurück. Ich stecke mitten in einem Fanblock von Bayern-Fans auf dem Weg zurück nach Hause. Das Spiel lief scheinbar gut, die Stimmung ist ausgelassen, manche singen. Mir gegenüber steht ein kleiner dicker Mann mit randloser Brille und Glatze. Ich wundere mich noch über die seltsamen Punkte darauf und kann kurz nicht einordnen, woher die Hand kommt, die irgendwie unter meiner Jacke ist. Ich brauche einen kurzen Moment, bis ich verstehe, was hier gerade passiert. Und dass das nicht okay ist. Denn der erste Gedanke ist sofort: „Bestimmt ein Versehen, ist ja ziemlich voll hier.“  Dann kommt die Wut und ich werde laut. Was genau ich geschrien habe, weiß ich nicht. Irgendwas mit „Schwein“ und „eklig“. Woran ich mich aber noch sehr gut erinnere, ist die plötzliche Stille in der U-Bahn. Und dass diese eine Minute bis zur nächsten Station, in der ich in einem lächerlichen Versuch dem Mann mit der flachen Hand auf die Glatze haue (leider überhaupt nicht besonders stark), mir vorkam wie eine Ewigkeit. Als die Türen sich öffnen, flüchtet er in das Gedränge auf dem Bahnsteig. In meinem Waggon herrscht immer noch betretenes Schweigen, aus den anderen dringt Gegröle. Ein junger Mann kommt zu mir und fragt mich, ob das gerade wirklich passiert sei. „Ja“, sage ich sehr garstig. Die anderen beginnen wieder, sich zu unterhalten. Was mich im Nachhinein so wütend macht, ist nicht nur die Übergriffigkeit des Mannes. Es ist auch diese ganze U-Bahn, die kollektiv weggeschaut hat, obwohl ich laut und deutlich artikuliert habe, was da gerade passiert. An diese Wut erinnere ich mich gerade, wenn in der Debatte über die Übergriffe in Köln die Kommentarleisten überquellen vor Spekulationen und Anschuldigungen. Es gibt genug Berichte von Betroffenen und genug Fragen nach den Tätern da draußen. Wovon die ganze Fragerei aber ablenkt, ist das Thema sexualisierte Gewalt als solches. Als Teil unserer Gesellschaft. Als Problem derer, die davon betroffen sind. Aber auch als Problem derer, die dabei wegsehen.

 

Laut werden, handgreiflich werden, Pfefferspray kaufen

Es wird so getan, als sei der Kölner Hauptbahnhof unter einer großen, gewaltfreien Käseglocke gelegen, bevor eine Bedrohung von außen ihn zu einem Raum der Gewalt und Angst gemacht hat. Als Großstadtkind habe ich viel Zeit an genau solchen Orten verbracht. Dabei war der öffentliche Raum für mich als Mädchen und Frau nie ein sicherer: Der Typ, der nachts im Waggon masturbiert, wenn niemand sonst mehr in der Bahn sitzt. Der Fahrkartenkontrolleur, der anzügliche Bemerkungen über mein Ausweisbild macht. Der Mann, der seine Hand beim Aussteigen viel zu nah an meinem Hintern vorbeiquetscht. So traurig das auch klingt, aber ich habe mich daran gewöhnt, dass in solchen Situationen niemand aufsteht. Und ich habe mir meine eigenen Strategien dafür zugelegt: laut werden, handgreiflich werden, Pfefferspray kaufen.     Das mit dem Pfefferspray war meine Idee, ansonsten raten Experten Außenstehenden Ähnliches. Zuerst einmal: Einmischen. Das gibt den Betroffenen die Möglichkeit, sich aus der Situation zu begeben. Wer dafür zu schüchtern ist, sucht sich Verstärkung. Selten passieren diese Übergriffe „im Rudel“ wie es wohl in Köln geschehen ist. Wie man sich einmischt, kommt ganz auf die Situation an. Natürlich sollte man sich nicht ins offene Messer stürzen. Damals in der U-Bahn wäre es aber ein Leichtes gewesen, genug Zeugen zu finden und den Mann anzuzeigen. Oder einfach den Mund aufzumachen, um dem Opfer zu zeigen, dass es nicht allein ist. Das kostet Überwindung, aber Einmischen kann man lernen. Genauso, wie man schon als Mädchen lernt, sich zur Wehr zu setzen.

 

Wieso schreitet so selten jemand ein?

Wenn die Kölner Bürgermeisterin Henriette Reker in einer Pressekonferenz Frauen aus welchen Zusammenhängen heraus auch immer rät, „eine Armlänge Abstand“ zu halten, löst das auf Twitter empörte bis belustigte Reaktionen aus. Wenn ich an meine U-Bahn Erfahrung denke, wirkt dieser Vorschlag auch mehr als absurd. Aber er zeigt trotzdem eine Tendenz, die immer wieder auftaucht, wenn es um sexualisierte Gewalt geht: Victim blaming und Pauschalurteile. Die, mit ihren zu kurzen Miniröcken. Die, mit ihren sexistischen Frauenbildern. Dabei ist sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem. Dazu gehören Opfer, Täter, aber eben auch die, die einfach nur dabei stehen.  Ich muss nicht besonders tief in meinem Gedächtnis graben, um mindestens zehn solcher Situationen aus meinem Umfeld zusammen zu bekommen. Bei den wenigsten ist jemand aufgestanden und hat geholfen. Da könnte man sich doch mal an die eigene Nase fassen und fragen: Warum lassen wir zu, dass auf offener Straße überhaupt noch solche Dinge geschehen können? Fraglich, ob all jene, die Köln jetzt als Sprungbrett für Flüchtlingshetze und überschwängliche Solidarität im Internet nutzen, damals in der U-Bahn genauso laut geworden wären.  Am Ende sollte es keine Rolle spielen, wer hier wen belästigt. Angegrabscht zu werden ist immer scheiße. Aber man kann sich sehr gut verstecken hinter diesen Fragen nach den Tätern. Als wäre das Thema sexualisierte Gewalt gelöst, sobald man sie gefunden hätte. Dann müsste man nicht nach den Erfahrungen so vieler Frauen fragen, die sowas täglich erleben. Dann könnte man einfach aus der U-Bahn steigen und so tun, als hätte man nichts gesehen.

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