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Natürlich zahl ich - eine neue nervige GEZ-Kampagne

Die Gebühreneinzugszentrale hat sich was Neues ausgedacht, um die Bevölkerung von Rundfunkgebühren zu überzeugen. Die Kampagne geht am eigentlich Problem weit vorbei
dirk-vongehlen

Es ist schon eine ganze Weile her, dass man sich gesehen hat. Man jagte in alten Autos durch die Stadt, sie saß auf der Rückbank und trug einen Cowboyhut. Ja, es war eine wilde, gute Zeit damals. Alle Jungs waren ein bisschen in sie verliebt. Dann erzählte irgendwer, sie mache jetzt Musik. Man selber quälte sich mit Seminararbeiten und sie war unterwegs mit umgehängter Gitarre. Das passte. Was nicht so recht passt: Dass man sich jetzt wieder trifft. An einem verregneten Montagmorgen auf dem Weg zum Zahnarzt steht sie plötzlich da und sagt: „Die Fahrscheine bitte.“ Und es ist kein Witz: Julia Hummer, das Mädchen aus wilden Zeiten, macht jetzt Werbung für die Gebühren-Einzugszentrale (GEZ).

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Die Schauspielerin, die in dem Film „Absolute Giganten“ mit Cowboyhut und hübschem Lächeln dafür sorgte, dass sich alle Jungs in sie verliebten, ist in einem aktuellen Werbespot zu sehen, wie sie sich Brötchen kauft und zum Essen allein in ein menschenleeres Restaurant geht. Dabei spricht sie in die Kamera und erklärt, dass sie Brötchen-Diebstahl und Zechprellerei nicht gut findet, „wär doch auch peinlich“. Dann sieht man, wie sie auf einem Küchentisch sitzt und Jogurt aus einem großen Glas löffelt. Sie erzählt, dass sie Radio und Fernsehen besitze und dafür auch bezahle; und zwar Rundfunkgebühren - „weil ich unabhängige Medien brauche, weil ich Vielfalt brauche“. Zum Abschluss sagt sie: „Weil das jeder braucht“. Die Kamera zoomt auf ihre Brust. Sie öffnet ihre graue Trainings-Jacke. Man sieht, dass sie ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift „Natürlich zahl ich“. Das T-Shirt (das man übrigens nicht bekommt, wenn man zahlt) und der Spot sind Teil einer neuen Kampagne der GEZ, deren Aufgabe es ist, für die öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten die Rundfunkgebühren einzusammeln. Jene Betrag also, der im dualen Rundfunksystem sicherstellen soll, dass die so genannte Grundversorgung durch öffentlich-rechtliche Sender auch unabhängig von Werbeeinnahmen garantiert ist. Das ist an sich eine gute Sache und mit der Erklärung zu den „unabhängigen Medien“ und der „Vielfalt“ hat die vernünftige Julia auch absolut Recht. Dass die Kölner Institution dennoch ein schlechteres Image hat als U-Bahnkontrolleure und Journalisten zusammen, liegt auch nicht an ihr, sondern an der GEZ selber. Deren Mitarbeiter und ihre (bisherigen) Kampagnen zeichnen sich nämlich vor allem durch ein unübertroffenes Maß an Arroganz (Mitarbeiter) und Dummheit (Kampagne) aus. Oder um es in der Werbespot-Sprache von Julia Hummer zu sagen: Die GEZ benimmt sich wie ein Kellner, der jeden Gast, der das Restaurant betritt, zunächst mal der Zechprellerei bezichtigt und deshalb vorsorglich mit einer Waffe bedroht. Der Gedanke dabei: Wer ein Besteck vor sich liegen hat, wird auch essen. Deshalb lassen wir jeden Gast schon fürs Besteck zahlen, egal, ob er bestellt oder nicht. Dabei haben die unverschämten Hilfskellner ihren Job nur aus einem einzigen Grund: Weil es eben Gäste gibt, die dort zahlen. Die GEZ hat das Prinzip von Kunden und Dienstleistern aber umgedreht und ihre Mitarbeiter zu Ermittlern gemacht, die sich nicht wie Service-Personal verhalten (was sie zu sein hätten), sondern wie Spürhunde, die für jeden Fund ein Leckerli bekommen und Männchen machen. Zudem hat sich diese Institution, die eigentlich lediglich das Geld für die Sendeanstalten einnehmen soll, zu einem fetten Appart aufgebläht, der teure Werbeagenturen und Prominente (wie Julia Hummer) dafür bezahlt, dass diese wiederum auf teuren Sendeplätzen im Kino und im Fernsehen Werbung machen: für die GEZ. Und das, obwohl die allermeisten Menschen überhaupt nicht auf die Idee kommen, die Zeche zu prellen: 96 Prozent aller privaten Rundfunkteilnehmer - so meldet die GEZ im Rahmen der neuen Kampagne - zahlen ihre Gebühren bereits. Merkwürdig, dass man dennoch eine Agentur beschäftigen muss, um eine Werbekampagne zu entwicklen. Über die der zuständige Agenturchef (in der aktuellen Ausgabe der W&V) sagt: „Die militanten GEZ-Gegner werden wir nicht umstimmen können.“ Man hätte also all das schöne Werbe- und PR-Geld (das die GEZ übrigens nur hat, weil wir unsere Gebühren zahlen) durchaus auch in „unabhängige Medien“ oder „Vielfalt“ investieren können. Damit sind wir beim zweiten Problem mit den Gebühren: Die Inhalte. Zwar bezahlten wir dafür, wir können aber in keiner Weise Einfluß darauf nehmen. Jedes Restaurant würde mit diesem Modell Pleite gehen: Unfreundliche Kellner, die zunächst Geld einfordern und dann Essen servieren, das man gar nicht bestellt hat. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten leben aber genau von diesem Prinzip. Damit das nicht falsch verstanden wird: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk macht zum Teil großartiges Programm, für das man auch gerne bezahlt. Trotzdem gibt es Bereiche des Anstaltswesens, die zumindest ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen. So steht beispielsweise auf der Website der Werbekampagne unter dem Punkt „Was bekomme ich“:„Mindestens ein Jugendangebot und eine Info-Welle mit Pop-Musik, je Region im Radio.“ Wer in München das Angebot des Bayerischen Rundfunks durchhört, wird lange und vergeblich nach einem solchen (vollständigen) Jugendangebot suchen. Die Gebühren werden einem deshalb in Bayern übrigens nicht erlassen (nicht mal anteilig). Auch anderweitig kann man nur schwer Einfluß nehmen, auf die Entscheidungen der Programmverantwortlichen. Es hängt offenbar von deren Laune (oder Vernunft?) ab, ob sie ihr Programm konsequent und wirklich hervorragend fürs Web aufbereiten (wie Deutschlandradio und Deutschlandfunk mit ihrem überwältigenden Podcast-Angebot) oder ihre Online-Etats stattdessen in geistarmen Gewinnspiel-Aktionen versenken. Warum in aller Welt muss ich mein Radio oder meinen Fernseher zu einem bestimmten Zeitpunkt einschalten, um eine Sendung zu hören oder zu sehen? Online-Aktivität der Öffentlich-Rechtlichen sollte bedeuten: Die Inhalte webgerecht aufzubereiten und allen zur Verfügung stellen. Und zwar konsequent. Das ist die Grundversorgungs-Aufgabe im Netz und nicht der teilweise traurige Versuch, Angebote nachzubauen, die private Anbieter viel besser können. Diesen Problemen sollte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland stellen und nicht der Frage, wie man jene vier Prozent der privaten Rundfunkteilnehmer davon überzeugen kann, dass die GEZ doch toll sei. Das übrigens gelänge sehr einfach, wenn man allen Gebührenzahlern positiv darstellen könnte, dass sie etwas davon haben, zu zahlen: Es hätte sicher nicht weniger Wirkung gehabt, hätte man das Budget der Kampagne genutzt und allen Gebührenzahlern ein „Natürlich zahl ich“-Shirt geschickt.

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