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Warum macht ihr nicht den Mund auf?

Geht es um Flüchtlinge, sind Spitzenpolitiker gerade sehr stumm. Wie zum Teufel kann das sein, bei mehr als 150 Anschlägen auf Asylbewerberheime?
friedemann-karig
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Lieber Politiker, liebe Politikerin,

uns jungen Menschen geht es im Sommer 2015 nicht gut. Warum? Du wirst es vielleicht bemerkt haben: In diesem Sommer kommen sehr viele Menschen zu uns, weil sie nicht mehr anders können. Die Glücklichen, die es bis hierher schaffen, müssen hoffen, bleiben zu dürfen. Müssen. Hoffen. Dürfen. Das ist ihr Leben. Wie furchtbar allein diese Aufzählung ist.

Und wir? Wir versuchen zu helfen. Wir spielen Basketball mit ihnen in München, bringen ihnen Essen in Berlin, helfen nach Schichtende als Arzt in Dresden, entwerfen ein Buch ohne Buchstaben, mit dem auch Analphabeten Deutsch lernen können, schreiben und reden und fluchen darüber. Und sind uns einig: Es ist unsere verdammte Pflicht, diesen Menschen beizustehen.

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Unsere Hilfsbereitschaft, unser Mitleid genügen sicherlich nicht, um alle Probleme zu lösen. Aber wir haben da so ein Gefühl: Dass in solchen Momenten auch kleine Gesten darüber entscheiden, was für eine Gesellschaft wir sind. Und dass wir wissen, was für eine wir sein wollen. Und Du, lieber Spitzenpolitiker in Berlin? Weißt Du das auch? Warum sagst Du dann nichts? 

Der Vizekanzler trifft sich im Winter mit Pegida und im Sommer mit Til Schweiger

Vor 15 Jahren brannte der Eingang einer Synagoge in Düsseldorf. Niemand wurde verletzt. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder forderte einen „Aufstand der Anständigen“. Der Satz ging in die Geschichtsbücher ein. Er hat einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Er hat gewirkt. Manchmal kann man politische Kultur in drei Wörtern zusammenfassen. Und manchmal tut das auch tatsächlich jemand.  

Damals brauchte es keinen Sommer voller Anschläge auf Asylbewerberheime, keine Massenflucht, keine unmenschlichen Zustände in Auffanglagern, keine humanitäre Katastrophe und keine Leichen. Sondern nur das Gefühl, dass dieses eine Feuer schon zu viel ist.  Lieber Politiker: Worauf wartest Du heute? Dein Schweigen ist unerträglich laut. Was muss noch passieren, bis Du etwas sagst? 

Ihr seid Opportunisten. Das wissen wir. Oder ahnen es zumindest, tief in uns drin. Wäre geschenkt. Aber ihr seid momentan ja nicht mal mehr darin gut. Der Vizekanzler trifft sich im Winter mit Pegida und im Sommer mit Til Schweiger. Statt sich einfach irgendwohin zu stellen und zu sagen: „In dem Land, bei dessen politischer Führung ich ganz vorne stehe, sind Flüchtlinge willkommen. Alle, die etwas anderes behaupten, liegen falsch.“ 

Was ihr uns stattdessen bietet: Technische Begriffe rund um das Einwanderungsgesetzes. „Verteilungsschlüssel“, „Sichere Drittländer“, „Schnellere Verfahren“. Das sind wichtige Themen, keine Frage. Wir verstehen schon: Politik besteht aus kleinen Schritten. Aber was sollen wir mit diesen Begriffen anfangen, wenn wir am Hauptbahnhof in die nächste Gruppe Plastiktütenexistenzen rennen? 

Die Bösen haben ihre kurzen, klebrigen Parolen

Was du also tun sollst? Sag was. Jetzt. Und zwar laut. Vielleicht waren wir noch nie so empfänglich für ein Motto, eine symbolische Formel, unter der sich das, was wir fühlen, abspeichern lässt. Die Bösen haben ihre kurzen, klebrigen Parolen. Was haben wir – außer recht? Können wir nicht auch ein wenig Pathos, vielleicht sogar ein wenig Größenwahn? „Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist“, heißt es im Netz-Kitsch oft. Wie viel mächtiger könnte diese Idee sein – als twitterbarer Satz? 

Denk doch nur mal, was passierte, wenn Du, ja, genau DU, lieber Politiker, eine flammende Rede auf Facebook stelltest, vielleicht mit dem Handy gefilmt, so „authentisch“ – oder wie deine Berater das aktuell nennen – wie möglich. Und Du der erste bist, der den Mumm hat, aufzustehen und zu sagen: Es reicht! Deutschland sagt willkommen! Wir brauchen die Flüchtlinge! Wir müssen ihnen helfen! Deutschland ist bunt. Oder so ähnlich eben. 

Der erste, der sich traut, die treffenden, emotionalen Worte auszusprechen, der sich vor die Flüchtlinge stellt, der diesem Gefühl, das wir alle haben, Ausdruck verleiht – der gewinnt. Und zwar uns. 

Nicht für ewig. Wir sind ja nicht blöd. Wir schauen hin, was danach passiert. Ohne Taten sind alle Worte hohl. Natürlich sollt ihr alles unternehmen, um den Flüchtlingen zu helfen. Aber manchmal, in speziellen Momenten, sind die richtigen Worte selbst schon Taten. Wenn sie nur einen Wirrkopf davon abhalten, Scheiße zu bauen, ist das doch schon viel. 

Was hast du also zu verlieren? Wenn die Lawine erst mal rollt – wer würde sich trauen zu widersprechen? Der „Mob im Netz“? Juckt der dich ernsthaft? Hast du wirklich Angst, Stimmen bei der nächsten Wahl zu verlieren? Die jener verwirrten Leute, die Angst vor Überfremdung haben? Ist dein Machttrieb so stark und rücksichtslos, dass du ihn auf dem Rücken von Flüchtlingen auslebst? 

Das glauben wir nicht. Das wollen wir nicht glauben. Und du brauchst das auch nicht. Denn in dieser aufgewühlten Stimmung, in den digital-demokratisierten Medien, mit Gegenspielern wie Seehofer, der sich im Bierzelt heiser hetzt, reichte schon ein Gramm Größe – und statt einem Shitstorm erntete man einen Rührungsregen.  

Der letzte Aufstand der Anständigen ist 15 Jahre her

Sascha Lobo forderte neulich den „Zorn der Zivilisierten“. Das war nicht schlecht. Ein Busfahrer hieß Flüchtlinge in seinem Bus willkommen. Er wurde als Held gefeiert. Und der Polizist, der neulich in Freital einen zum Hitlergruß erhobenen Arm einfach runtergedrückt hat, der auch. Für eine Armbewegung. Eigentlich nur dafür, dass er seinen Job ausgeübt und eine Straftat verhindert hat. Warum, zum Teufel, verkörpern diese Leute eine politische Kultur, wie wir sie uns wünschen? Warum nicht du? 

Wenn die rechten Terroristen den Arm zum Hitlergruß heben, in Internetforen, auf der Straße, nachts mit Brandsätzen – dann musst du ihn jetzt verbal runterdrücken. Die TV-Journalistin Anja Reschke hat es in der ARD vorgemacht: „Der letzte Aufstand der Anständigen ist 15 Jahre her“, hat sie gesagt. „Ich glaube, es ist mal wieder Zeit.“ Ihr Kommentar zur Hetze gegen Flüchtlinge wurde allein auf Facebook 133.000 Mal geteilt, 140.000 Mal geliket, mehr als sechs Millionen Mal gesehen. So viel Liebe kann politische Karrieren verändern. Und ein Land. 

Mach es also alleine, mach es mit anderen zusammen. Mach es für die Flüchtlinge, oder mach es für den Fame. Das wird uns fast egal sein, so nötig wäre eine humanistische Faust auf dem Tisch, angesichts der Hetze und Brände und des Hasses und der leidenden Menschen. Es ist traurig genug, dass wir dir das moralisch Richtige andrehen müssen wie einen Gebrauchtwagen. Aber in diesem Fall heiligt der Zweck die Mittel hunderttausendfach.

Uns jungen Menschen geht es im Sommer 2015 nicht gut. Denn in Deutschland gab es bereits mehr als 150 Anschläge auf Asylbewerberheime. Wir finden das unfassbar schlimm. Es ist eine Schande. Es darf nicht sein.

Was ist mit Dir, lieber Politiker? Was machst Du so im Sommer 2015? Worauf verfickt noch mal wartest Du?

Text: friedemann-karig - Illustration: Daniela Rudolf

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