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Wer ist hier der Freak?

Auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs treffen sich nur seltsame Nerds? Mag sein. Aber eigentlich sollten wir alle ein bisschen mehr werden wie die Hacker dort.
christian-helten

Seit ein paar Tagen sind die Medien voller Menschen mit Kapuzenpullis. Diese Kleidungsstücke tauchen oft auf, wenn über die Hacker berichtet wird, die gerade wieder beim jährlichen Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC) zusammengekommen sind. Mit den Kapuzenpullis wird natürlich ein Klischee bedient, meistens soll damit auch verdeutlicht werden: Sind schon komische Freaks, diese Hacker da.

Mein Gefühl sagt mir: Wahrscheinlich stimmt das zum Teil. Ich glaube, dass da Menschen herumlaufen, die anders ticken als die meisten von uns. Sie haben einen anderen Humor, sie benutzen andere Codes, sie sprechen über und begeistern sich für Dinge, die wir nicht mal ansatzweise kapieren. Das Problem ist: Sie sind uns mit ihrer Andersartigkeit weit voraus. Eigentlich sind nicht sie die Freaks. Sondern wir.

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Wer ist hier jetzt komisch?

In den Berichten vom Kongress der vergangenen Tage ging es nicht um Spielereien. Es ging um brisante Erkenntnisse und Enthüllungen, die unser tägliches Leben an sehr sensiblen Stellen berühren.

Handynetze galten bislang als ziemlich sicher. Seit dem CCC-Kongress wissen wir: Sie sind ziemlich unsicher. Im Prinzip kann man davon ausgehen, dass alles, was man mit einem Smartphone tun kann, mitgelesen und –gehört, ja sogar ganz abgefangen und manipuliert werden kann, von der geschäftlichen Mail über das private Foto bis zur SMS mit der Online-Banking-Tan-Nummer.

Fingerabdrücke galten bislang als eindeutiges Merkmal der Identität eines Menschen. Als so sicher, dass damit Verbrecher identifiziert und Smartphones, Schlösser und sogar Pässe gesichert werden. Seit dem CCC-Kongress wissen wir: Mit einem Foto und einer 400-Euro-Software lassen sich Fingerabdrücke kopieren – und damit Identitäten klauen. Ganz ähnlich verhält es sich mit Iris-Scannern. Auch sie sind zu knacken.

Hacker suchen nach Fehlern im System der zunehmend digitalisierten Welt. Sie fragen sich, an welchen Stellen sie Gefahren birgt und an welchen Stellen man sie verbessern kann oder sogar muss. Je digitaler unser Leben wird, desto wichtiger wird es, dass jemand diese Fragen stellt. Wir müssen den Hackern dafür dankbar sein. Aber wir müssen noch mehr tun: Wir müssen alle ein bisschen mehr zu Hackern werden.

Die meisten von uns sind weitgehend Analphabeten in Sachen IT und Software – also auf den bestimmenden Gebieten unserer Zeit. Weder ich noch die meisten meiner Freunde können auf Anhieb genau erklären, wie eine E-Mail vom Absender zum Empfänger gelangt. Und das ist noch harmlos: In einer Studie von 2012 dachten 51 Prozent der Befragten, schlechtes Wetter würde Cloud-Computing beeinflussen.

Diese Unwissenheit muss aufhören. Das heißt nicht, dass wir alle uns mit schwarzen Kapuzenpullis in Kellern treffen, mit Club Mate auf Julian Assange anstoßen und schauen müssen, ob man den digitalen Perso knacken kann. Aber wir sollten die Grundlagen der Technik viel besser verstehen, die wir tagtäglich benutzen - auch diejenigen unter uns, die in ihrer Geisteshaltung maximal von CCC-Mitgliedern entfernt sind. Nur dann können wir alle uns fragen, wie wir in einer computerbasierten Welt leben wollen. Nur dann wird das Thema in der Politik so ernst genommen wie nötig, nur dann werden alle Parteien gezwungen, sich eingehend damit zu befassen.

Es wird schon seit langem darüber diskutiert, ob Kinder in der Schule programmieren lernen sollen. Meistens wird als Argument dafür genannt, dass man als Wirtschaftsstandort nicht den Anschluss verlieren dürfe und einen ausreichenden Nachschub an Programmierern sichern müsse.

Das ist aber falsch und zwar auf gleich zwei Ebenen. Erstens geht es nicht nur um Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaft, sondern um gesellschaftliche Fragen. Die Entwicklung des CCC zeigt das: Der Club ist in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden. Seine Mitglieder sind Sachverständige in Bundestags-Kommissionen, er führt Prozesse in Sachen digitale Bürgerrechte, er prägt Diskurse wie die in Sachen Netzausbau und IT-Sicherheit. Diese Debatten sind aber so bedeutend, dass daran viel mehr Menschen teilnehmen sollten.
 
Zweitens: Um das zu erreichen, muss nicht jeder perfekt Programmiersprachen in die Tastatur hacken können. Aber jeder sollte verstehen, was eine Programmiersprache ist und was sie bewirken kann. Jeder sollte wissen, was ein Server ist und was ein Client. Jeder sollte wissen, was es bedeutet, wenn er seine Daten in die Cloud speichert, und was passiert, wenn er die Ortungsdienste seines Telefons einschaltet.

Wir brauchen keine zweite Fremdsprache Javascript an den Schulen, sondern ein Fach Digitalkunde. Ein Fach, das uns befähigt, eigenständig über unsere digitale Welt zu urteilen und uns darin zu orientieren. Wir werden dadurch nicht gleich zu Hackern und wir müssen keine Kapuzenpullis tragen. Aber wir werden sie besser verstehen - und außerdem begreifen, dass ihre Themen auch unsere Themen sind.


Text: christian-helten - Illustration: Daniela Rudolf

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