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Ist der wirklich so?

Philipp Poisel gilt als Deutschlands Vorzeige-Schmerzensmann. Zu Recht? Der Versuch einer Annäherung.
Interview von Charlotte Haunhorst
  • philipppoisel jetzt
    Foto: Christoph-Koestlin

Philipp Poisel doof zu finden, ist einfach. Diese brüchige Stimme! Dieses ständige Singen über Liebe! Und wenn man „Philipp Poisel weint“ googelt, findet man tatsächlich auch noch ein Youtube-Video! Entsetzlich. So ein Schmerzensmann.

 

Auf der anderen Seite muss man aber auch zugeben: Der 33-jährige Schwabe ist damit irre erfolgreich. Hunderttausende verkaufte Platten, Millionen Klicks bei Youtube und vermutlich hat nahezu jeder Mensch in Deutschland zwischen 20 und 30  eine Beziehung hinter sich, zu der Philipp Poisel den Soundtrack beigesteuert hat – ja, auch die Autorin dieses Textes. Weil er es eben schafft, das in Worte zu verpacken, was viele nicht ausdrücken können.

 

Ist das also alles eine ziemlich clevere Masche? Oder ist der wirklich so herzergreifend sanft und nett? Um das herauszufinden, treffe ich Philipp Poisel zu einem Interview in einem Münchner Hotel. Auf dem Tisch steht Tee, er kommt ein bisschen später, seine PR-Dame sagt, er würde noch rauchen. Notiz im Kopf: Der trinkt nicht nur Tee. Der raucht auch! Vielleicht also doch gar nicht so lieb. Ha! Der erste persönliche Eindruck holt einen dann aber direkt zurück: Philipp Poisel sieht viel zarter aus als in den Videos. In seinem grauen Sweater und dem riesen Interviewsessel droht er fast zu ertrinken, man möchte ihm eigentlich gerne einen anderen Platz anbieten. Aber das hier ist ja ein hochseriöses Musikerinterview, da stellt man erst mal eine provokante Einstiegsfrage:

 

jetzt: Dein neues Album heißt „Mein Amerika“ und das ist in dem dazugehörigen Song positiv gemeint. Ist das heutzutage nicht ein zwiespältiges Kompliment?

Philipp Poisel: Ich habe das Album ja geschrieben, bevor Trump gewählt wurde. Das Album ist gespeist aus Kindheitserinnerungen an diesen Kontinent. Aus Serien wie Micky Maus, den drei Fragezeichen, aber auch Musik, wie der von Bruce Springsteen. Darauf basierte meine Vorstellung, wie es wohl in Amerika wäre – vor den Aufnahmen in Nashville war ich nämlich noch nie dort. Was ich dann wirklich auf meiner Reise dort erlebt habe, verarbeite ich vielleicht in meinem nächsten Album - ich brauche für so etwas immer ein bisschen länger.

Direkt die nächste Frage nachhauen, den Interviewpartner aus der Reserve locken!

 

Aber zuckt man da nicht zusammen? Wenn da auf einmal ein Trump gewählt wird und alles auseinanderbricht und man selbst kommt in diesem Moment mit einem Album namens „Mein Amerika“ auf den Markt?

Klar. Aber ich zucke da wie jeder andere zusammen, der momentan Zeitung liest. Das Album steht für mich auf einem ganz anderen Blatt Papier. Wenn jetzt jemand sagen würde „Ich kaufe kein Album mehr, das 'Mein Amerika' heißt“, dann würde mich das betreffen.

 

Wie hast du die Trump-Wahl verfolgt?

Philipp Poisel fragt, ob wir uns eigentlich duzen. Oh Gott, wir duzen bei JETZT jeden unter 80, ich war da jetzt automatisch von ausgegangen. Ich sage: „Öhm ja, ich dachte schon?“ und er mit dieser sanften Stimme „okay“. „Ich fühle, wie ich rot anlaufe. Ich bin eine Dampfwalze, die gerade Philipp Poisel überfahren hat. Ein Wunder, dass er überhaupt noch auf meine Frage antwortet.

 

Ich habe die Amtseinführung gesehen und lese Schlagzeilen. Natürlich weiß ich auch nicht, was es bedeutet, dass er jetzt an der Macht ist. Ich hatte aber einen Traum, in dem hat er das Dach abgedeckt hat. Das interpretiere ich so, dass auch mein persönliches Zuhause von ihm betroffen sein könnte. Denn wenn etwas kein Dach mehr hat, ist ja auch kein Schutz mehr da. Ganz wohl ist mir bei dem Gedanken, dass er jetzt Präsident ist, also auch nicht.

 

Du hast das Album auch in den USA aufgenommen – was hat sich für dich durch diese Reise verändert?

Für mich war es ein großer Schritt, überhaupt in ein Flugzeug zu steigen und diese lange Reise zu machen. Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, mich das zu trauen. In Nashville gibt es ein Studio, in dem viele coole Bands aufgenommen haben. Kings of Leon und James Bay zum Beispiel, und deshalb wollte ich da gerne mal hin. Vielleicht war ich auch auf der Suche nach einem Ort, bei dem ich nicht genau weiß, was auf mich zukommt. Ich war 14 Tage dort und wäre gerne noch länger geblieben. In Nashville habe ich zwar Eindrücke im Kleinen bekommen, aber durch das ganze Land zu fahren, vielleicht mit einem Wohnmobil, das fände ich nochmal cool. 

 

Er erzählt das alles sehr leise und ernst, überhaupt keine Ironie. Das wirkt irgendwie alles so... ehrlich. Ich sitze wahnsinnig unnatürlich ganz vorne auf der Sofakante und überlege krampfhaft, ob ich es überhaupt schaffe, mich den persönlichen Fragen zu nähern. Man will diesen netten Menschen einfach nicht auspressen, man will ihn am liebsten in Ruhe lassen oder dass dieses Interview für ihn zumindest so angenehm wie möglich wird. 

 

In dem Video zu „Zum ersten Mal Nintendo“ zeigst du Fotos aus deiner Kindheit im schwäbischen Markgröningen. Das fand ich überraschend, du giltst eher als verschlossen...

Markgröningen ist ein wichtiger Bezugspunkt für mich. Da wohnen auch noch Freunde von mir und das ist für mich wichtig: Menschen zu haben, denen ich vertrauen kann. Aber klar, hätte ich das Video alleine gemacht, hätte ich die Grenze da vielleicht anders gezogen. So wollte ich dem Regisseur Freiheiten lassen, weil wir uns schon lange kennen. Und wenn so ein Video nichts mit mir zu tun hat, hat es eben keine Relevanz. 

Aber gerade passiert eh so viel, das ich noch nicht kannte.

Zum Beispiel?

Allein, dass ich jetzt hier sitze und Interviews gebe! Dass ich mit einer Band unterwegs bin. Dass ich nicht mehr einfach sagen kann: Ich mache morgen was anderes. Ich muss mehr planen. Das geht mir manchmal auch ein bisschen auf den Keks. Andererseits hat es auch Vorteile, im Team zu arbeiten. Die Band hat Sachen eingebracht, die ich nicht hätte alleine machen können. 

 

Er hat "auf den Keks gehen" gesagt!!! Das ist fast schon fluchen. Okay, gleichzeitig wirkt er ernsthaft überrascht davon, dass irgendjemand sich für Interviews mit ihm interessiert. Man muss ihn einfach mögen.

 

Das klingt so, als hättest du gelernt Kompromisse zu machen?

Ja, aber im Guten. Es ist schön, Dinge abgeben zu können. Vertrauen zu anderen zu haben, ist fast wie ein Familiengefühl. Auch das fertige Produkt ist mir nicht mehr das wichtigste. Oder, dass am Ende mein Name darauf steht. Ich habe sogar mal überlegt, ob man das umbenennen kann, um die Band mehr in den Vordergrund zu rücken.

 

Philipp Poisel möchte seine Musik also nicht mehr unter Philipp Poisel verkaufen, sondern alle miteinbeziehen. Überraschend, dass diese Idee nicht so gut ankam. Kann bitte jemand Philipp Poisel vor der schrecklichen Kommerzialisierung dieser Welt retten? 

 

Könntest du dir vorstellen, auch politische Songs zu machen? Muss es immer Liebe sein?

Ich schätze die Demokratie sehr und gehe wählen und unterhalte mich auch mit Freunden über Politik. Aber Musik ist für mich ein Ort, an dem ich frei sein kann. Wenn ich früher aus der Schule kam und keinen Bock auf Mathehausaufgaben hatte, habe ich Musik gemacht. Vieles hat also auch mit Träumen und Abstand zu tun. Ich würde das nicht in Texten verarbeiten.

 

Deine Musik ist bei vielen deutschen Paaren ein Beziehungssoundtrack. Bekommst du da viel Rückmeldung?

Online bin ich nicht so krass unterwegs, da lese ich das eher nicht. Aber wenn mir jemand etwas von Hand schreibt, lese ich es auch. Viele schreiben mir da, dass sie geheiratet haben und ein Song von mir lief. Und dass Leute etwas mit meiner Musik verbinden und die nicht so nebenbei konsumieren, ist ein schönes Kompliment.

 

Philipp Poisel bekommt noch Briefe! Per Post! War eigentlich absehbar. Er erzählt noch, dass manche Männer ihm schreiben würden mit der Bitte, ihre Ehe zu retten. „Da weiß ich dann immer nicht so richtig, was ich antworten soll.“  Ich nicke mitfühlend, das ist wirklich viel Verantwortung. Gleichzeitig muss ich mich jetzt aber nochmal zusammenreißen. Ich habe doch noch die konfrontativen Fragen im Block!

 

Auf dem Lollapaloza-Festival vergangenes Jahr hast du auf der Bühne geweint, das Video ging ziemlich rum. Wie fühlt sich das an, wenn einen so viele Menschen bei so etwas Intimen sehen?

In der Musik kann ich emotional sein, das fällt mir im echten Leben manchmal schwer. Vielleicht habe ich deswegen auch angefangen, Songs zu schreiben. Das hat es leichter gemacht, Gefühle zu zeigen. Dementsprechend hat sich das Weinen auf dem Festival toll angefühlt. Es war toll, überhaupt etwas zu spüren. Freude, Trauer, das alles zeigt einem ja, dass man lebendig ist.

Nun hast du generell das Image eines sensiblen Softies. Nervt das manchmal?

Klar. Wenn man sich irgendwo hingedrängt fühlt, ist das immer doof. Und ich merke auch schon, dass wenn ich mal andere Seiten ausleben will, Leute sagen: „Aber das ist ja gar nicht Philipp Poisel.“ Aber das stimmt nicht, natürlich habe ich auch andere Seiten. Die bisherigen Songs repräsentieren nur eher diese eine, weiche Seite.

 

Oha! Spannend! Also doch noch mehr als nur Liebe und Kuscheln! Vielleicht hat er heimlich eine Grungeband? Geht nachts sprayen? Betrinkt sich in zwielichtigen Kneipen?

 

Welche Seiten würdest du denn gerne noch zeigen?

Ich war in meiner Musik noch nie laut oder aggressiv. Und ich habe zum Beispiel noch nie einen Song gemacht, in dem ich wütend war. Außerdem mache ich gerne Sport und mag es krass zu schwimmen. Schwimmen ist mein Ding. Da finde ich es cool, auf so eine körperliche Art kräftig zu sein. Aber vielleicht geht das alles einfach nicht mit meiner Musik zusammen.

 

Also als nächstes ein Metal-Album?

Metal vielleicht nicht. Aber mal als Rockstar aufzutreten, laut zu singen – das beschäftigt mich schon. Ich will wissen, was noch mit meiner Stimme geht. Die Lieder, die ich früher geschrieben habe, haben ja alle leise Töne kultiviert. Aber ich habe noch andere Bedürfnisse.

 

Die PR-Agentin kommt rein. Noch fünf Minuten. Ich muss aber unbedingt noch nach diesem anderen Video fragen, das es von ihm gibt. Das war so lustig!!

 

Neulich hast du bei der 1Live-Krone gemeinsam mit Klaas einen Proll-Song von Kollegah ganz sensibel vorgetragen. Bist du vielleicht selbstironischer, als alle denken? 

Ich weiß, dass ich sehr ernst rüberkomme. Über mich selbst zu lachen, fällt mir nicht leicht, nein. Es wäre schön, wenn ich das in Zukunft besser könnte. Aber den Auftritt fand ich ehrlich gesagt nur so mittelmäßig lustig. Aber ich mag halt den Klaas und dann dachte ich „Gut, egal, mach ich.“ Humor ist eben eine Geschmacksfrage. Ich mag eher Helge Schneider. Wenn der auf der Bühne lacht, fühlt er sich sicher frei, das bewundere ich und würde ich auch gerne können.

Die Interviewzeit ist um. Und ich habe als letztes gesagt, dass ich etwas lustig fand, dass er selbst nicht mochte. Bei dem er sich unwohl gefühlt hat! Bestimmt redet er danach über dieses Interview wie über diesen Auftritt. "Gut, ich mag halt die SZ, dann mach ich das."  Ich habe es echt von vorne bis hinten versaut. Philipp Poisel lächelt ein bisschen schüchtern. "Ich hoffe nur wirklich sehr, dass du daraus einen Text machen kannst. Das würde mich freuen", sagt er und gibt mir die Hand. Siedend heißt fällt mir die Frage ein, die mir alle noch für ihn auf den Weg gegeben haben: "Wie spricht man eigentlich deinen Nachnamen aus? Eher so französisch 'Pua-sel' oder 'Peusel'?"  

 

Die Antwort könnte ich hier jetzt schreiben. Tue ich aber nicht. Man muss dem Mann ja auch ein paar Geheimnisse lassen. Sowieso furchtbar, wie Interviewer Musiker immer ausfragen! Ich zumindest werde nie wieder etwas Schlechtes über Philipp Poisel sagen! Und sollte er ein Rock-Album übers Schwimmen rausbringen, werde ich es kaufen! Genau wie sein Album "Mein Amerika", das übrigens am 17. Februar erscheint. Und allen meinen Freunden werde ich es schenken! Denn so viel Authentizität, wie dieser Typ hat, ist nicht nur mutig - es ist auch überaus selten im Popbusiness. Und das sollte man belohnen. Ganz ernsthaft.

 

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