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Abschiebung verhindern durch Facebook-Post

Nach zwei Jahren in Deutschland soll Mohamad nach Bulgarien ausgewiesen werden. Seine Berliner Freundin Teresa will das verhindern.
Von Tami Holderried

 „DAS EINZIGE, WAS IHM NUN NOCH HELFEN KANN, IST EIN UNTERSCHRIEBENER AUSBILDUNGSVERTRAG.“ In ihrem Facebook-Post, der mittlerweile mehrere Tausend Menschen erreicht hat, schrieb Teresa Rodenfels, 31, diesen Satz in Großbuchstaben – damit allen klar wird, wie wichtig ihr diese Sache ist. Denn ein Ausbildungsplatz für ihren guten Freund Mohamad Eiz Alddin aus Syrien ist momentan dessen einzige Chance, per Duldung in Deutschland bleiben zu dürfen. Der 28-Jährige soll nach Bulgarien abgeschoben werden. Teresas Facebook-Post könnte das nun verhindern.

Rückblick: Als Mohamad im September 2015 von Bulgarien nach Berlin kommt, fühlt er sich sofort wohl. Er hat eine lange Flucht aus Syrien, durch den Libanon und die Türkei hinter sich. Ein befreundeter Syrer erzählt im von „Start with Friend“, einer Berliner Initiative, die Flüchtlingen sogenannte Tandempartner vermittelt. Zusammen üben die Partner miteinander Deutsch, erledigen Behördengänge und helfen bei der Integration. Mohamad meldet sich an, lernt Teresa kennen. Die 31-Jährige ist nicht nur ehrenamtliche Tandempartnerin bei „Start with a Friend“, sondern arbeitet dort auch als Regionalleiterin. Heute sagt Mohamad: „Das war ein großes Geschenk für mich!“ Die beiden werden Freunde. „Wir haben zusammen gekocht, Musik gehört, Berlin kennengelernt, Kuchen gegessen, sind bei jedem Wetter spazieren gegangen, haben Deutsch gesprochen und gemeinsam bürokratische Hürden genommen“, beschreibt Teresa die Freundschaft in ihrem Facebook-Post.

 

Nun lebt Mohamad seit zwei Jahren in Deutschland und sagt: „Berlin ist mein Zuhause geworden!“. Er fühlt sich hier wohl, hat viele Freunde. „Ich dachte immer, er sei vor einer Abschiebung sicher“, erzählt Teresa. „Warum sollte man jemanden abschieben, der so gut integriert ist?“ Schließlich spricht der 28-Jährige sehr gut Deutsch, hat etliche Integrationsmaßnahmen hinter sich und schließt gerade eine Einstiegsqualifizierung zum Fachinformatiker bei der Deutschen Rentenversicherung ab. Ein Musterbeispiel für gelungene Integration, könnte man meinen. Trotzdem kam letzte Woche der Abschiebebescheid vom Amt – Mohamad soll zurück nach Bulgarien. Der Grund: Er ist dort als Flüchtling registriert, auf Basis des Dublin-Abkommens (III) der EU. Das schreibt vor, dass der EU-Staat, in den ein Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, das Asylverfahren durchführen muss. Weil Mohamad nach seiner Flucht aus Syrien zunächst Bulgarien erreicht hat, wurde ihm dort Asyl gewährt. Danach hatte er fünf Monate in Bulgarien gelebt, bevor er nach Deutschland weiterreiste.

Ein Ausbildungsvertrag wäre die letzte Chance 

Als klar wird, dass Mohamad abgeschoben werden soll, fühlt sich Teresa machtlos und traurig, weiß nicht, wie sie ihrem syrischen Freund noch helfen kann. Ein Ausbildungsvertrag wäre neben einem Antrag bei der Härtefallkommission eine letzte Chance für Mohamad, in Deutschland bleiben zu dürfen. Damit könnte er eine Duldung zumindest für die Dauer der Ausbildung beantragen, die Chancen für eine Bewilligung stehen gut. Aber wo soll er in kürzester Zeit eine feste Lehrstelle bekommen? Eine Kollegin rät Teresa: „Mach doch einen Facebook-Post!“ Teresa ist skeptisch: „Ich poste selten auf Facebook und wenn, dann auch nur privat!“, sagt sie. Trotzdem: Teresa will nichts unversucht lassen, sie formuliert einen Aufruf, hängt ein paar Bilder von sich selbst und Mohamad an. Was dann passiert, hätte sie niemals erwartet. Innerhalb weniger Stunden wird der Post 5.000 Mal geteilt und über 600 Mal kommentiert. Hinzu kommen hunderte private Nachrichten, die Teresa auf Facebook erreichen. „Ich habe überhaupt keine Ahnung, wo dieser Post überall gelandet ist!“, sagt sie lachend.

 

Viele Kommentare sind gute Wünsche, aber die meisten bieten tatsächlich Kontakte oder sogar konkrete Ausbildungsplätze an. Mohamad hatte einen Tag, nachdem der Post durch die Decke ging, bereits das erste Vorstellungsgespräch – am Wochenende folgten zwei weitere. Zunächst einmal müssen sich Teresa und er aber durch die Flut an Angeboten kämpfen: „Im Moment fehlt uns wirklich der Überblick. Wir sind total überwältigt,“ sagt Teresa. Diese Woche werden die beiden also auch damit verbringen, auf Nachrichten zu antworten und Bewerbungsunterlagen loszuschicken. „Am liebsten würde ich im IT-Bereich arbeiten“, erklärt Mohamad, „aber auch Gastronomie oder Handwerk würde mir Spaß machen.“ Genau die Bereiche also, in denen in Deutschland vielerorts händeringend Nachwuchs gesucht wird.

Keine Zukunftsperspektive in Bulgarien

Zurück nach Bulgarien will Mohamad auf keinen Fall: Er sieht dort keine Zukunftsperspektive für sich. „In den fünf Monaten, die ich dort verbracht habe, war ich viel alleine. Es gab auch keine Möglichkeit, die Sprache zu lernen. Deshalb war es noch schwieriger, Arbeit zu finden“, erzählt er. Die Situation für Flüchtlinge ist in Bulgarien ohnehin prekär: Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch berichten von schlimmen Zuständen in den Aufnahmelagern, eisiger Kälte im Winter, verschwindend geringen Sozialleistungen und kaum Integrationsmaßnahmen. Obwohl einige deutsche Gerichte bereits Abschiebungen nach Bulgarien aufgrund der unmenschlichen Bedingungen für Flüchtlinge dort gestoppt haben, sei das für Mohamad zuständige Verwaltungsgericht Berlin hier „knallhart“, so Teresa. Mohamad hat Abitur, er ist wissbegierig und fleißig. Er will arbeiten, will sich selbst ein Leben aufbauen. Deshalb kam er nach Deutschland. Doch seit der Abschiebebescheid bei ihm angekommen ist, schläft er kaum noch, hat Angst, dass jeden Moment die Polizei vor seiner Tür stehen könnte.

 

Bei Facebook-Posts, in denen es um Flüchtlinge wie Mohamad geht, bleiben Kommentare von rechten Trollen natürlich nicht aus: „Raus mit ihm!“ oder „Pack ihm ein paar Snacks für die Rückreise ein!“ liest man auch unter Teresas Post. „Meine spontane Reaktion darauf war: Geh du doch nach Bulgarien!“ sagt Teresa. „Ist es etwa gerecht, dass wir, nur weil EU-Bürger sind, überall hinreisen dürfen? Und dass jemand, der unfreiwillig sein Land verlassen musste, weil dort ein schlimmer Krieg herrscht, nicht frei entscheiden kann, wo er bleiben will?“ Um auf solche Kommentare zu antworten, fehlt ihr momentan sowieso die Zeit. Viel wichtiger ist es jetzt, die vielen ernsthaften Angebote zu prüfen und Mohamad einen Ausbildungsplatz zu vermitteln.

 

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