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Wenn Eisberge weinen ...

... wird der Klimawandel plötzlich sehr greifbar. Ein Projekt macht aus den schaurigen Geräuschen, die Eisberge beim Schmelzen von sich geben, Musik.
kathrin-hollmer

Wir kennen die Zahlen. Zumindest haben wir sie schon mal irgendwo gelesen. Dass der Meeresspiegel im vergangenen Jahrhundert um knapp 20 Zentimeter angestiegen ist. Dass er bis ins Jahr 2100 um weitere 25 Zentimeter steigen könnte. Vielleicht auch um einen Meter. Wenn auch nicht überall im selben Ausmaß. Oder dass eine Erderwärmung um vier Grad bereits zur Folge hätte, dass bis zu 800 Millionen Menschen von Überschwemmungen bedroht sind.

 

Auch bei der UN-Klimakonferenz "COP21", die gerade in Paris begonnen hat, werden diese Zahlen wieder fallen. Wieder erschrecken. Wieder betroffen machen. Und dann? Ist es damit wie mit allen Dingen, ob mit digitaler Überwachung oder Flüchtlingspolitik: So recht interessiert und berührt es die meisten erst, wenn es entweder unmittelbare Auswirkungen vor ihrer Haustür hat, oder wenn es um Menschen geht oder etwas anderes, das atmet, fühlt, lebt.

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    Foto: Icebergsongs.com

Die Webseite Icebergsongs.com Bei schmelzenden Eisbergen ist das gewiss erst mal schwierig. Dem UN Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) und einem Kreativ-Kollektiv, zu dem die Kommunikationsagentur Serviceplan und das Produktionsstudio Buzzin Monkey gehören, ist es trotzdem gelungen. Für das Projekt "Iceberg Songs" haben sie Musiker wie den dänische Techno- und House-Produzenten Trentemøller und das House-Duo TSFNL dazu gebracht, Songs aus den mystischen Geräuschen zu machen, die Eisberge beim Schmelzen von sich geben.

Forschern sind diese Geräusche schon vor Jahren aufgefallen. Das Alfred-Wegener-Institut betreibt mit der Unterwasser-Horchstation Palaoa im antarktischen Weddellmeer seit 2005 ein akustisches Observatorium, wo auch Live-Töne von Robben und Walen aufgenommen werden. Beim Schmelzen und Zerbrechen geben Eisberge einen schaurigen Singsang von sich, der sich fast nach einem Wal-artigen Heulen anhört.

 

Aus Geräuschen, die im Palaoa aufgenommen wurden, sind nun Songs entstanden, die nach und nach auf der Webseite 

"Icebergsongs.com" freigeschaltet werden - begleitet von kaleidoskopartigen Visualisierungen, die sich mit Lautstärke und Mausbewegung verändern.

 

"Eisberge schmelzen natürlich auch ohne Klimaerwärmung, aber sie sind in den letzten Jahrzehnten durch die globale Klimaerwärmung lauter geworden", sagt Nick Nuttall, Kommunikationschef und Sprecher der UNFCCC. "Ihre Geräusche erinnern heute mehr denn je an Laute verletzter Tiere." Ihr Heulen vermenschlicht die kalten Eisberge fast, und das noch mehr, wenn man sie isoliert, also ohne Ambient Sounds und Beats ( hier zusammengestellt auf Soundclud ), anhört. Das ist auch das Ziel der "Icebergsongs"-Kampagne: Die Gletscherschmelze und damit den Klimawandel konkret und eindringlich zu machen. Auch wenn Eisberge an sich nicht leiden, ihr Heulen verfehlt seine Wirkung nicht: Die Zahlen zum Klimawandel, die während der Songs eingeblendet werden, standen selten so eindringlich und mahnend da.

 

Die Zeit, die Menschen auf der ganzen Welt damit vebringen, die Songs anzuhören, wird nun ein halbes Jahr lang gezählt. Dann soll die Zeitspanne Politikern und Verantwortlichen vorgelegt werden, mit der Aufforderung, genau so lange über Lösungsansätze für den Klimawandel zu diskutieren, auch wenn der Klimagipfel dann wohl schon wieder lange vergessen sein wird. Nach einem Tag sind bereits mehr als 20 Stunden Hörzeit zusammengekommen."

 

 

Text: Kathrin Hollmer

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