Partner von

Neue Serie, letzte Helden: Plattenlabel vorgestellt

Der Musikkonsum verändert sich. Unsere Lieblingslieder werden bald nur noch aus dem Internet kommen - ob gekauft, geschenkt oder gestohlen. Aber wenn Bands und Hörer sich im Netz treffen, werden Plattenlabel überflüssig. Bevor es soweit ist, machen wir eine Bestandsaufnahme, telefonieren mit den Plattenmachern der Republik und fragen, wie es eigentlich so geht.
max-scharnigg

Folge 1: Unterm Durchschnitt Records, Köln Chef: Andreas Wildner

  • 513935

Wie ist das Label entstanden? Andreas: Ich komme aus der Nähe von Göttingen, wo es eine recht aktive Kulturszene gab und gibt. Ich hatte selber eine Band und nahm aus dieser Zeit eine Menge Kontakte mit. Ich half befreundeten Bands und wir brachten eine Platte raus, mit meiner Adresse drin und irgendwann sagte eben einer zu mir: „Was du da machst, ist doch eigentlich Labelarbeit.“ Das Label ist also organisch so entstanden, das war 1999. Unterm Durchschnitt hat sich schon immer in der Punk- und DIY-Szene bewegt. Ein Prinzip, aus dem auch die Arbeitsweise des Labels entstanden ist. Wir sehen Begriffe wie DIY (DoItYourself) heute differenzierter und haben neben lauten sperrigen Werken mit Künstlerinnen wie Clara Luzia auch ganz ruhige Sachen in die Familie aufgenommen. Wie sieht der Arbeitsplatz aus? Westliche Outskirts von Köln, ein Büro etwa 30 Quadratmeter groß und ein Lager. Um den Schreibtisch herum sind Demo-CDs verstreut, an der Wand hängen verschiedene unserer Veröffentlichungen in Rahmen. Daneben unsere Linol-Konzertposter, die wir hier in Köln selbst drucken. Warum macht ihr noch Platten? Der Antrieb ist immer noch der Gleiche wie damals: Man findet eine neue, spannende Band und möchte mit ihr eine Platte machen, um mit anderen die Liebe zu dieser Musik teilen zu können. Ich hätte auch keine Probleme, mal ein Jahr keine rauszubringen, würde mir nichts Spannendes über den Weg laufen. Übrigens klappt es nie mit zugeschickten Demotapes - interessante Bands lerne ich immer nur als Empfehlungen von Freunden kennen oder man merkt, etwa bei Konzerten, dass die Vorband einen angenehm überrascht. Ich muss die Band lieben, damit ich für sie arbeiten kann. Wie sieht’s finanziell aus? Das Label hatte in den letzten Jahren ein paar ganz gut verkaufte Alben, das bedeutet also bei uns verkaufte 1500er-Auflagen und bei Singles 500er-Erstauflagen. Aktuell etwa läuft die Captain Planet-Platte sehr gut. Mit unserem Sampler „I Can’t Relax in Deutschland“ hatten wir vor zwei Jahren ein großes Medienecho, auch weil Bands wie Tocotronic, Kettcar, Goldene Zitronen oder Mouse On Mars ihn unterstützten, konnten wir ihn höher auflegen. Generell tragen sich unsere Sachen einigermaßen selber, wir machen natürlich keinen Riesendeals. Es bleibt oftmals nicht viel, aber das wird dann mit den Bands fair geregelt. Dafür erwarten wir auch, dass sie loyal bleiben, wenn wir sie bekannter gemacht haben. Wie verkauft ihr Platten? Wir sind mit unserem Vertrieb Broken Silence sehr zufrieden. Natürlich geht auch auf Konzerten viel weg, ich würde sagen etwa genauso viel wie im Plattenladen. Wie viele Leute leben von dem Label? Ich mache das mit meiner Lebensgefährtin zusammen. Das Label war immer sehr offen angelegt. Es arbeiten die jeweiligen Bands mit an der Platte und übernehmen Aufgaben, so dass wir im Endeffekt dadurch ein ganz ordentliches Team von vier bis fünf Leuten bilden, die an einer Platte arbeiten. Was gibt’s zu schimpfen? Die Debatte um die Krise der Musikindustrie finde ich ekelhaft. Was ist denn neu an der Krise? Es ist doch leider eine permanente Erscheinung, dass Musiker sich am finanziellen Erfolg messen lassen müssen und der Kapitalismus wegfegt, was sich kommerziell nicht behaupten kann. Wir probieren mit unserem Label eine kritische Position zu besetzen, bedienen damit eine Nische und sind deshalb relativ krisensicher - die Leute die sich dafür interessieren sind zwar wenige, aber immerhin beständig. Für uns besteht die Krise eher darin, dass andere Labels Milliarden einfahren und uns vom Kuchen kaum etwas übrig lassen. Radiohead vertreiben ihre Musik selber – ist das die Lösung? Super Sache. Nur das „Kreditkarten only“ ärgert mich - ich würde die Radiohead-Platte selber gerne kaufen. Nein, im Ernst. Kleine Bands haben natürlich gar nicht die Möglichkeit wie die Superstars von Radiohead. Es wäre ideal, wenn Labels nicht notwendig wären und Künstler nur sich selbst brauchen, um gehört zu werden. Aber kleine Bands können das natürlich nicht. Ich hoffe allerdings auch, dass in der Zukunft einige Labels überflüssig werden, weil ich viele Labels wirklich grottenschlecht finde. Freie Dowonlads von Künstlern des Labels gibt es hier Eine Auswahl einiger aktueller Unterm Durchschnitt- Records-Platten seht ihr auf den nächsten Seiten.


  • 512965

Derzeitiges Lieblingspferd: Captain Planet - Wasser kommt Wasser geht


  • 513659

Beatorientierte Popmusik aus Hamburg - ein Debüt: Iskra - A statue or the stone subverting the timezone 7inch EP


  • 512969

Eine profeministische Emo-Punk-Band: Katzenstreik - Solves Your Problems


  • 513660

Schöne Stimme aus Wien: Clara Luzia - The Long Memory


  • 513697

Brachte dem Label die meiste Aufmerksamkeit: Der kritische Sampler "I Can't Relax in Deutschland"

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren