Partner von

Was vom Boykott hängenbleibt

Unser Autor fragt sich: Nutzen Boykott-Aufrufe wie im Fall Xing und Roland Tichy eigentlich irgendwem?
Kommentar von Quentin Lichtblau
  • boykott
    Illustration: Johannes Englmann

Kurzer Test: Was assoziiert der deutsche Normalverbraucher mit Müllermilch, außer Milch? Na? Nazi natürlich. Müllermilch ist irgendwie Nazi. Der Chef ist ein Nazi. Nein, er bezahlt Nazis. Er hat der NPD Geld gespendet. Muss man boykottieren! Weihenstephan ist auch dabei! Auch boykottieren!

 

Richtig ist davon: nichts. Seit vielen Jahren kämpft die Unternehmensgruppe Theo Müller gegen das NPD-Gerücht, das sich zäher hält als eingetrockneter Milchreis. Hier soll es nun aber nicht um die Haltbarkeit widerlegter Anschuldigungen gehen, sondern um den zweiten Teil der Assoziationskette: den Boykott. Ein Wort, das in der Debatte um den Journalisten Roland Tichy gerade wieder Aufwind bekommen hat.

Tichy ist, pardon, war seit 2015 Herausgeber der Debatten-Abteilung „Klartext“ der Networking-Seite Xing (anhand dieser umständlichen Erklärung lässt sich in etwa ablesen, wie relevant „Klartext“ ist). Nebenbei betreibt er das Magazin „Tichys Einblick“, laut Eigenbezeichnung liberal-konservativ, welches in der Vergangenheit aber immer wieder durch Schlagzeilen auffiel, die vielen weder liberal noch konservativ vorkamen. Auf „Tichys Einblick“ erschien dann in der vergangenen Woche ein Text mit der Überschrift “Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“, woraufhin der Agentur-Kreativchef Mathias Richel öffentlichkeitswirksam ankündigte, seinen Xing-Account zu kündigen. Viele folgten seinem Beispiel und riefen zum Boykott auf. Der gestörte-Gutmenschen-Text, übrigens nicht von Tichy selbst verfasst, verschwand aus „Tichys Einblick“. Tichy bereute dessen Veröffentlichung in einem Statement und legte daraufhin seine Klartext-Herausgeberschaft nieder, um sich künftig ganz der Verbreitung seiner liberal-konservativen Weltsicht zu widmen.

 

Was bleibt, ist die Frage: Was hat Xing eigentlich genau mit den Nebenaktivitäten des Herausgebers seiner Wirtschaftsdebatten-Sektion zu tun? Boykottiert man Unternehmen nicht eher aufgrund ihrer Arbeitsbedingungen (Kik?) oder ihrer Umweltsünden (Shell? BP?)? Kann die politische Einstellung eines Mitarbeiters ausreichen, um ein ganzes Unternehmen zu ächten?

 

Die Boykottlaune im Xing-Fall erinnert in ihrer Impulsivität an die Schuhverbrennungs-Aktionen in den USA. Nachdem ein New-Balance-Sprecher gesagt hatte, dass sich die Dinge mit der Wahl Trumps „in die richtige Richtung“ bewegten, posteten wütende Menschen Videos ihrer brennenden Sneakers. Weil New Balance hauptsächlich in den USA produziert, begrüßt das Unternehmen Trumps Ablehnung des Transpazifischen Handelsabkommens (TPP).

 

Auch wenn ein New-Balance-Sprecher im Nachhinein beteuerte, sein Statement habe sich nur auf Trumps Handelspolitik bezogen: Die Verbrennungsaktionen und Boykott-Aufrufe von Trump-Gegnern gingen weiter, noch dazu bezeichnete der "Alt-Right"-Gründer Richard Spencer New Balance als die „offiziellen Schuhe für weiße Menschen“. Das Firmenimage seitdem: im Keller, zumindest bei der liberalen Kundschaft. Zurecht? Wohl kaum, schließlich ist die Ablehnung von Handelsabkommen alles andere als eine exklusiv rechte oder in irgendeiner Form extreme Position. Spätestens die ungewollte Umarmung durch die "Alt-Right"-Bewegung dürfte solche „Details“ aber leicht vergessen machen.

 

Dass die Projektion politischer Einstellungen auf ein ganzes Unternehmen auch von rechts kommen kann, zeigt sich auch an den Anfeindungen, mit denen sich der Getränkehersteller Pepsi  im Dezember des vergangenen Jahres konfrontiert sah. Pepsi-CEO Indra Nooyi sagte auf einer Konferenz, dass ihre Mitarbeiter wegen Trumps Wahlsieg „trauerten“. Rechte Websites fügten dieser Aussage noch das fiktive Zitat hinzu, Nooyi hätte Trump-Unterstützer aufgefordert, „ihre Geschäfte woanders zu machen“. Die Folge: ein Boykottaufruf der Trump-Unterstützer gegen Pepsi.

 

Verbrannte Schuhe, weggeworfene Nudeln und gekündigte Xing-Accounts lösen keine Probleme

 

Ein anderer Fall: Barilla. Dessen Vorsitzender und Familienerbe Guido Barilla hatte 2013 in einem Interview verlauten lassen, dass „die heilige Familie“ in seiner Firma von „fundamentalen Wert“ sei. Einen Barilla-Werbespot mit einer aus seiner Sicht weniger „heiligen“ Regenbogenfamilie käme daher für ihn nicht in Frage. Außerdem sprach er sich zwar für die Homo-Ehe, aber gegen Adoptionen durch homosexuelle Paare aus. Unter #boicotta #barilla fanden sich daraufhin im Netz Fotos von weggeworfenen Nudelpackungen und Boykott-Aufrufe von LGBT-Verbänden. Guido Barilla betonte daraufhin zwar erneut, dass er Homosexuelle und deren Wunsch nach einer Eheschließung respektiere. Den homophoben Ruf wird das das Unternehmen aber trotzdem in absehbarer Zeit nicht loswerden.

 

Was die genannten Fälle gemeinsam haben? Natürlich kann man die Ansichten auf „Tichys Einblick“, die Trump-Vorfreude von New Balance oder die Adoptionsrechts-Einstellungen eines Nudel-Erben für seltsam oder falsch halten und diese Meinung kundtun. Auch den Imageverlust werden die Marketing-Abteilungen der betroffenen Unternehmen schon irgendwann wieder geradebiegen.

 

Was allerdings schade ist: Verbrannte Schuhe, weggeworfene Nudeln und gekündigte Xing-Accounts lösen keine Probleme. Gut, Tichys Herausgeberschaft ist nun beendet, alle können wieder guten Gewissens networken, ohne sich Gedanken um eine Über-vier-Ecken-Querfinanzierung eines teils grenzwertigen Magazins zu machen. „Tichys Einblick“ dürfte durch die Debatte allerdings einen gewaltigen Schub an Aufmerksamkeit erhalten haben. Tichy selbst hat unterdessen offenbar Morddrohungen erhalten, fühlt sich deshalb in seinem Gesellschaftsbild wunderbar bestätigt und wird, nach eigener Aussage, weiterhin „auch und gerade im Jahr des Bundestagswahlkampfs kritische und mutige Stimmen“ gegen Political Correctness verbreiten.

 

Was von all den Boykott-Aufrufen, Shitstorms und Wutkommentaren in den Timelines dieser Welt aber im Zweifel hängenbleibt, ist nicht eine sinnvolle Debatte über Handelspolitik, LGBT-Rechte oder Rechtspopulismus. Sondern: Wer nicht mitboykottiert macht sich schuldig, von den Mitarbeitern der Unternehmen ganz zu schweigen. New Balance ist ein "Alt-Right"-Trumpschuh, Barilla eine homophobe Nudel, Pepsi ein Anti-Trump-Moloch und Xing ein Populistennetzwerk. Daran ist zwar immer noch mehr dran, als an der angeblichen Nazimilch von Müller. Aber eben auch nur minimal.

 

Was wirklich hilft? Die Aussagen überprüfen: Wer hat was gesagt und inwiefern hat das etwas mit seinem Unternehmen zu tun? Widerspricht mir die Aussage allein aufgrund meiner eigenen politischen Einstellung oder ist sie tatsächlich hetzerisch? Gab es glaubhafte Richtigstellungen oder Entschuldigungen? Hilft es irgendwem, wenn ich meine Schuhe verbrenne? Spoiler: nein. Sollte ich meine Wut nicht lieber gegen andere richten, zum Beispiel die politisch Verantwortlichen, die Homosexuelle von Adoptionen ausschließen? 

 

Und bei all dem: Unbedingt den langen Atem anstatt der Schnappatmung aktivieren. Egal, ob sie aus dem rechten oder linken Lungenflügel kitzelt.

Zur Startseite

Die besten Geschichten von jetzt -

täglichen Newsletter bestellen

oder auf WhatsApp abonnieren