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Wie aus John von "Erkan & Stefan" ein Kämpfer für Europa wurde

Hat auch mit seinem Interrail-Trip mit Martin Schulz zu tun.
Interview von Jean-Marie Magro
  • john friedmann jetzt
    Foto: Florian Peljak

Selbst zu seiner erfolgreichen Zeit wussten viele Fans nicht, dass John Friedmann in Wahrheit John Friedmann heißt. Ende der Neunziger bis Mitte der Nullerjahre hatte er riesigen Erfolg mit seinem Kollegen Florian Simbeck. Zusammen ergaben sie das Duo Erkan&Stefan. Millionen Menschen sahen sich im Kino die Trilogie der beiden rumblödelnden Freunde. Nach dem dritten Teil hörte man weniger von Friedmann und Simbeck. Sie konnten nicht an den gemeinsamen Erfolg anknüpfen. Friedmann versuchte sich in seriösen Filmrollen, schrieb zwei Romane und ist seit Anfang des Jahres einer der Redeführer der Bewegung "Pulse of Europe" in München. Ein Gespräch über Sehnsucht, Erfolg und Identität.

 

 

jetzt: John, woher kommt die Leidenschaft für Europa?

John Friedmann: Mit 16 habe ich eine Interrailreise mit einem Kumpel unternommen. Sein Name – kein Witz – war Martin Schulz. Wir haben auf dieser Reise so viel Vielseitigkeit erlebt. Wir waren in der Schweiz, in Italien, in Frankreich, England... Wir hatten 600 Mark für einen Monat. Umgerechnet auf heute zehn Euro pro Tag. Ich habe keine Ahnung, wie wir das damals geschafft haben. Von da an habe ich gemerkt, ich habe diese Sehnsucht.

 

Sehnsucht wonach?

Nach Freiheit. Ich fühle mich in diesem kleinen, wahnsinnig gut funktionierenden Deutschland eingeengt. Es ist fantastisch, was wir darüber hinaus alles auf diesem Kontinent haben: lange Küsten, Alpen, Pyrenäen, Seen, Sprachen, welch grandiose Autoren und Filmemacher hier unterwegs sind. Und als Europäer habe ich die Freiheit, das Recht, mich überall in diesen Staaten niederzulassen und niemand kann etwas dagegen sagen.

Ist Sehnsucht ein Gefühl, das du schon immer gespürt hast?

So ist es. Doch Sehnsucht ist ein enormer Antrieb. Sie bringt dich zu Höchstleistungen.

 

Dein leiblicher Vater, der Modefotograf André de Plessel, ist ein Deutschamerikaner, der in den USA lebt. Du hast ihn erst im Alter von 30 Jahren kennengelernt. Gab es also auch Sehnsucht nach Identität?

Natürlich. Ständig habe ich mich gefragt, woher ich eigentlich komme. Doch als ich ihm dann das erste Mal begegnete, hat sich mir vieles auf einmal erschlossen. Ich wusste, woher manche Leidenschaften kommen. So ist er zum Beispiel Fotograf, ich selbst stehe auf der anderen Seite der Kamera.

 

Heute weißt du, wer du bist?

Das weiß ich sehr genau. Ich bin Europäer. Nationalstaaten, so wie wir sie heute kennen, waren nur eine Übergangslösung. Ich fühle mich aber auch als Bayer. Ich liebe meine Heimat. Doch weil ich eben ein Kind aus dem Süden bin, ist mir das italienische Klima näher als zum Beispiel das in Schleswig-Holstein. Rechtsradikale, die sich Identitäre nennen, über die muss ich lachen. Ja, ich verlange eine Identität, aber eine europäische.

 

Wie steht Europa aus deiner Sicht da?

Ein Haus besteht aus verschiedenen Schichten: Das Fundament ist bei Europa gegeben. Das sind zum Beispiel die Freizügigkeit von Gütern, Kapital und Menschen. Auf das können wir uns einigen. Wenn es nun um Fenster, Türen und Mauerwerk geht, haben wir noch einiges nachzubessern. Doch kein System ist perfekt.

 

Auf den Kundgebungen von Pulse of Europe hört man oft bewegende Reden, sehr schöne Bilder werden beschrieben. Andere sagen: Das ist Romantik, keine Lösung.

Erst mal ist es gut, dass sich diese Leute mit Europa auseinandersetzen. Auf unseren Kundgebungen geht es nicht darum, Lösungen zu präsentieren. Wir sind ein Forum für Menschen, die für Europa sind. Wir sehen uns in gewisser Weise als Wächter der europäischen Idee. Lösungen zu finden, das ist die Aufgabe politischer Parteien. Was Greenpeace für den Umweltschutz ist, das könnte Pulse of Europe irgendwann für Europa sein.

 

Die Europäer unterscheidet vieles, unter anderem der Humor. Du selbst warst jahrelang Comedian. Warum gibt es heute keine erfolgreiche europäische Komödie?

Gute Frage! Zu Hause auf meinem Schreibtisch liegt ein Drehbuch für eine. Was spricht denn dagegen, den besten Comedian aus jedem Land zu nehmen und zusammen einen Film zu drehen?

 

Woran liegt es, dass sich scheinbar niemand ein solches Projekt zutraut?

Wir Deutsche sind in puncto Humor einfach 20 Jahre hinten dran. Wann hat sich das letzte Mal eine deutsche Komödie international durchsetzen können? Hier beginnen wir gerade erst die Ironie zu verstehen. Die Amerikaner haben aber schon den Sarkasmus hinter sich und sind beim Zynismus angelangt.

 

Wie kann man Humor lernen?

Selbstironie ist der Schlüssel. Indem man sich nicht so ernst nimmt, sondern über sich selbst lachen kann. Wer über andere lacht, der schließt sie aus. Das haben wir bei Erkan&Stefan nie gemacht. Wir haben immer nur uns selbst auf die Schippe genommen, uns selbst als die größten Idioten dargestellt.

 

"Wir haben eine Generation mitgeprägt" 

 

In diesem Duo zusammen mit Florian Simbeck hattet ihr damals einen unglaublichen Erfolg. Millionen Menschen sahen euch im Kino. Selbst den dritten Film, den am wenigsten erfolgreichen, besuchten 400.000 Menschen. Wie siehst du diese Zeit heute?

Es war großartig. Egal was über uns erzählt wird, aber Florian und ich waren ein unschlagbares Duo. Marketingtechnisch haben wir es nicht ganz so gut gelöst. Ich war zu sehr mit meiner Rolle verschmolzen. Viele Menschen dachten wirklich, ich würde Erkan Maria Moosleitner heißen.

 

Es gibt Leute, die sagen, du wärst gescheitert. Du hättest nie an den Erfolg von damals anknüpfen können.

Das ist witzig. Ich empfinde es überhaupt nicht so. Mit Erkan&Stefan haben wir damals wirklich einen Nerv der Zeit getroffen. Wir haben, ich erlaube mir das zu sagen, eine Generation mitgeprägt.

 

Wie kann man sich die Castings nach deiner Zeit als Erkan vorstellen?

Die Leute haben sich gewundert, dass ich Hochdeutsch sprach. Das hat schon ziemlich genervt. Aber Erkan hat auch mich persönlich gestört. Ich habe einfach zu oft krass oder brontal gesagt.

 

Wolltest du Erkan damals loswerden?

Zu dieser Zeit: Ja.

 

Heute nicht mehr?

Mit der Zeit bin ich gelassener geworden. Damals war Erkan wahnsinnig präsent, er war ein Teil von mir. Er hat John zu wenig Raum gelassen. Doch heute, mit dem Abstand, den ich gewonnen habe, den Büchern, die ich geschrieben und den Rollen, die ich gespielt habe, habe ich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Erkan und John gefunden.

 

Was kommt also als nächstes?

Das weiß ich nicht. Ich bin gerade wirklich entspannt und zufrieden.

 

Was hat Pulse of Europe dazu beigetragen?

Nachdem ich Jahre nicht auf der Bühne stand, habe ich gemerkt, dass sie mir doch wahnsinnig Spaß macht. Nach Erkan&Stefan wollte ich keine Karriere als Komiker einschlagen. Ich dachte mir, dass ich sowieso nicht an mein Idol Gerhard Polt heranreiche. Nun lasse ich die Dinge einfach auf mich zukommen. Vielleicht ist es das erste Mal in meinem Leben, dass ich mir diesen Luxus leisten und sagen kann: So, what’s next?

 

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