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„Wir finden es wichtig, feministische Pornos zu fördern“

Der Berliner SPD Nachwuchs fordert feministische Pornos im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Warum?
Interview von Annalena Sippl
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    Foto: Unsplash / Collage: Daniela Rudolf

Pornografie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – diese Forderung des Berliner SPD-Nachwuchses sorgt momentan für ungläubige Blicke. Was erst mal eher ungewöhnlich klingt, hat einen ernsten Hintergrund und zielt eigentlich auf das Thema Bildung ab. Ferike Thom ist 25 Jahre alt und eine der Autorinnen des Antrags, der nun am Wochenende beim Landesparteitag diskutiert werden soll. Wir fragten die Juso-Vorsitzende von Berlin-Pankow,  wo die feministischen Pornos genau laufen sollen – und was eigentlich die sehr männliche SPD-Spitze davon hält.

 

jetzt: Pornos im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – kannst du den Kern eures Antrags einmal zusammenfassen?

Ferike Thom: Wir wollen, dass es neben diesem vielen Mainstream-Porno, den man im Internet findet, auch leichten Zugang zu feministischen Pornos gibt. In diesen werden Menschen verschiedener Herkunft und eine Vielfalt an Körperformen, Geschlechtsidentitäten, Vorlieben und Praktiken gezeigt. Diese Art des Porno gibt es zwar schon, allerdings wird sie wenig geschaut, da es im Internet eben die jederzeit kostenlos zugänglichen Pornos gibt. Da aber ein großer Teil der Jugend seine sexuelle Bildung aus Pornofilmen zieht, finden wir es wichtig, feministische, vielfältige Pornos zu fördern. Denn im Aufklärungsunterricht wird ja eher nur über die Mechanik von Sex gesprochen.

 

Ihr wollt jetzt aber nicht, dass am Sonntag nach dem Tatort ein feministischer Porno läuft, oder?

Nein, so ist es natürlich nicht. Das könnte ja zu sehr unangenehmen Familienabenden führen. Die feministischen Pornos könnten zum einen in den Online-Mediatheken von ARD und ZDF zur Verfügung gestellt werden. Eine andere Möglichkeit sind aber auch Filmförderungen. Durch die sollen die Produzenten und Produzentinnen von Pornos dann bezahlt werden und den Film nicht mehr verkaufen müssen, sondern kostenlos auf ihren Seiten anbieten. Finanziert werden soll das Ganze dann durch die GEZ, aber auch durch Filmförderfonds.

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    Foto: Privat

Du hast vorhin angesprochen, dass du den Sexualkundeunterricht in der Schule für zu oberflächlich hältst. Inwiefern?

Wir wollen eine grundsätzliche Reformierung des Sexualkundeunterrichts, denn der kann natürlich nicht durch kostenlos verfügbare feministische Pornos ersetzt werden. Neben Mechanik und Verhütung sollte dort auch auf Aspekte wie Kommunikation und Konsens eingegangen werden. Beispielsweise, dass man beim Sex beim anderen auch mal nachfragt: „Hey, gefällt dir das, was ich da gerade mache?“ Und, dass man eben nichts macht, was dem anderen nicht gefällt. Wenn feministische Pornos kostenlos verfügbar wären, könnten Lehrer darauf verweisen und die Schüler könnten sich weiter informieren.

 

Ihr habt am Wochenende Landesparteitag. Wie geht es nun mit eurem Antrag weiter?

Auf dem Landesparteitag werden wir unsere Forderung diskutieren. Ich stelle mich dann vorne aufs Podium und erkläre den Antrag so, wie ich es gerade eben getan habe – was wir fordern und warum es wichtig ist. Bestimmt werden dann noch manche Änderungswünsche haben oder vortragen, warum es aus ihrer Sicht keine gute Idee ist. Wenn am Ende zugestimmt wird, ist das Beschluss und der Antrag wird auf den Bundesparteitag weitergeleitet.

 

Es kann aber auch sein, dass die Mehrheit der Delegierten beim Landesparteitag sagt: „Boah, das ist so ein komplexes Thema. Das überweisen wir noch mal an einen Expertenausschuss.“ Da wird es dann weiter diskutiert und bei dem nächsten Landesparteitag erneut besprochen.

Wie lange wäre denn der Weg vom Antrag bis zur Umsetzung?

Auf Bundesebene wird das natürlich kompliziert, da die SPD ja aller Voraussicht nach nicht in der nächsten Regierung sein wird. Dann können wir das Thema nur von der Oppositionsbank einbringen. Ich hoffe aber, dass vielleicht die Grünen, wenn sie dann in der Jamaika-Regierung sind, sich aufgrund der großen Diskussion unserer Idee annehmen.

 

Alle Führungspositionen in der SPD sind mit Männern besetzt. Glaubst du, dass die sich wirklich für feministische Pornos im öffentlich-rechtlichen Fernsehen stark machen werden?

Mit Andrea Nahles haben wir ja zumindest eine weibliche Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Aber es stimmt, die allermeisten Spitzenposten sind mit Männern besetzt. Aber auch die Männer in der SPD setzen sich für Vielfalt und für eine Kultur ein, die sich an Konsens und Kommunikation orientiert. Beim Schreiben und bei der Diskussion des Antrags in den Juso-Gremien hat sich das auch gezeigt: Da war die Zustimmung unter den Männern genauso da wie bei den Frauen. Es sind ja nicht nur Frauen, die keine Lust auf die Bilder haben, wie Mainstream-Pornos sie zeichnen. Männer werden da als Leistungssportler dargestellt, mit genauso unrealistischen Körpermaßen wie Frauen, und auch für Jungs in der Pubertät ist es problematisch mit diesen scheinbaren Idealen konfrontiert zu sein. Ich denke, die Debatte um feministischen und vielfältigen Porno ist für Männer wie Frauen gleichermaßen relevant. 

 

Aufmerksamkeit hat euer Thema ja nun schon reichlich auf sich gezogen, aber hältst du eine Zustimmung am Wochenende für realistisch?

Ich hoffe, dass diese Aufmerksamkeit und die in großen Teilen positive Berichterstattung dazu führen, dass viele Delegierte noch einmal darüber nachdenken. Vielleicht finden sie die Idee dann doch ganz gut – auch wenn sie auf den ersten Blick möglicherweise etwas skandalös wirkt. Denkbar wäre aber auch, dass einzelne Entscheider, beispielsweise von der Landeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, sich unsere Idee einfach zu eigen machen und mit ihren unabhängigen Kapazitäten umsetzen.

 

Das steckt hinter den feministischen Pornos: 

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