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"Das ist kein Kampf der Opposition, es ist der Kampf der Freiheit"

Junge Deutsch-Venezolaner erzählen, wie sie die Probleme und Proteste in ihrem Heimatland erleben.
Protokolle von Lara Thiede
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    Foto: privat

Seit Jahren steckt Venezuela in einer Krise. Die Wirtschaft liegt am Boden, viele Menschen müssen hungern, manche sprechen vom Untergang des Staates.

 

Im April begannen die Venezolaner deshalb, gegen die Regierung zu protestieren, die sie für den katastrophalen Zustand des früher reichsten Landes Südamerikas verantwortlich machen.

 

Wie das Leben in Venezuela nun aussieht, was am dringendsten fehlt und wie wichtig soziale Medien für die Proteste sind, haben uns zwei Deutsch-Venezolaner erzählt. Beide sind in Caracas aufgewachsen. Isabella lebt und kämpft noch immer dort, Ralph studiert inzwischen in München und reist nur selten in sein Heimatland.

"Meine Mutter und viele meiner Freunde wurden schon mindestens einmal entführt" (Ralph, 21, Deutsch-Venezolaner, studiert in München)

 

"Im Dezember wollte ich mit meiner Familie in einem Restaurant in Venezuela essen gehen. Die Preise auf den Speisekarten waren schon längst überklebt, weil unsere Währung, der Bolívar, ohnehin so schnell entwertet wird, dass Gastronome eigentlich wöchentlich neue Karten drucken müssten.

 

Die Bestellung verlief dann in etwa so: 'Hallo, haben Sie Pommes?' - 'Pommes geht leider nicht, wir haben kein Öl.' - 'Hmm... dann vielleicht Kartoffelpüree?' - 'Geht auch nicht, wir haben keine Milch.' - 'Was haben Sie denn?' - 'Nun ja, also, Fisch haben wir, wir sind ja an der Küste.' - 'Gut, dann hätte ich gerne Fisch. Hätten Sie auch Reis als Beilage?' - 'Reis gibt es zur Zeit leider keinen...'

 

Daran fehlt es am dringendsten: an Lebensmitteln wie Reis, Öl, Nudeln, Milch, Kaffee und vor allem Fleisch. Auch das typische Brot, das wir früher immer gegessen haben, gibt es in Venezuela nicht mehr.  

Venezuela hat in fast jedem Bereich Engpässe. Das Wasser ist oft verseucht oder fließt nur zu bestimmten Zeiten. Im Inland gibt es außerdem Probleme mit der Stromversorgung. Das Land hat fast keine Medikamente mehr und kann seine Kranken nicht mehr behandeln. Die Gefängnisse werden schon lange von den Insassen kontrolliert. Im Grunde ist alles kaputt. Nur zwei Dinge funktionieren noch: Korruption und Drogenhandel.

 

Aus dem Mangel ist sogar eine neue Berufsgruppe entstanden: Die Bachaqueros, also 'Feuerameisen'. Sie sind Schlangensteher, die Produkte, sobald sie im Handel ankommen, aufkaufen, um sie später für mehr Geld auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.

 

Ein großes Problem ist vor allem auch die Kriminalität. Sämtliche Waffen sind auf Seiten der Regierung, vor allem in den Händen der sogenannten Colectivos. Das sind Gruppen, die die Regierung unterstützen – unter anderem mit Kinderbetreuung oder Sportprogrammen, aber eben auch mit dem Auftrag, den Staat vor rechten Kapitalisten zu schützen. Im Gegenzug vertuscht die Regierung dann die Verbrechen, die einige dieser Banden begehen. So kommt es zu Raubüberfällen, Entführungen und Morden, die nicht geahndet werden. 

 

Meine Mutter und viele meiner Freunde wurden schon mindestens einmal entführt. Allerdings verlaufen Entführungen in Venezuela ganz anders, als man es sich in Europa vorstellt. Sie werden nicht lange geplant – sie gehören zum Tagesgeschäft und finden spontan statt. Im Anschluss wird sehr schnell Lösegeld von der Familie gefordert. Die Entführer verlangen dabei eine Summe, die tatsächlich bezahlbar ist, die man eben gerade noch so innerhalb eines Tages auftreiben kann. Meistens sind die Geiseln schon am selben Abend wieder zu Hause. 

 

Die wenigsten Menschen können heute noch in Venezuela überleben, ohne in irgendeiner Weise illegal zu handeln. Der Mindestlohn in Venezuela liegt – umgerechnet nach dem Schwarzmarkt-Kurs, denn der ist der einzige, der zählt – bei etwa 24 US-Dollar im Monat. Bei den derzeitigen Preisen, die auch stetig steigen, reicht das einfach nicht mehr zum Überleben: Ein Kilo Nudeln kostet umgerechnet circa einen Dollar.

 

In Venezuela wird nur wenig produziert, fast alles muss importiert werden. Dafür muss der Staat Devisen verteilen. Das passiert aber nur sehr selten, willkürlich und unzuverlässig. Die Unternehmen können also kaum noch planen, wann sie was in welcher Menge legal einkaufen. Deshalb müssen sich viele über den „Schwarzmarkt“-Kurs Geld beschaffen, wo der Dollar um ein vielfaches teurer ist als im offiziellen Kurs der Regierung.

 

Verkaufen müssen sie ihre Produkte dann aber wieder zum offiziellen Kurs. Dabei lässt sich fast kein Gewinn erzielen. Die einzigen, die noch zuverlässig Devisen bekommen, sind die Mitglieder der korrupten Oberschicht. Das sind die Reichen Venezuelas.

 

Unterstützung aus anderen Schichten bekommt die Regierung, indem sie Anhängern zum Beispiel günstige Wohnungen anbietet. Einmal die Woche werden an viele von ihnen auch Tüten voller Grundnahrungsmittel verteilt. So macht sich die Regierung Menschen zum Werkzeug: Denn wer diese Annehmlichkeiten genießt, verpflichtet sich auch, die Regierung zu wählen oder auf Gegendemonstrationen zu marschieren. 

 

Ich bin unendlich traurig, dass es meinem Land so geht. Ich fühle mich hilflos, bin verzweifelt und wütend. Entweder es ändert sich jetzt etwas durch die Proteste, oder Venezuela wird früher oder später zu einem großen Kuba. Das ist auch die Angst der meisten Demonstranten. Sie skandieren immer wieder auf Spanisch: 'Und nein, und nein. Ich hab keinen Bock auf eine Diktatur so wie in Kuba!'

 

Ich muss ehrlich sagen: Ich bewundere jeden, der da drüben etwas bewegt und ich wäre auch gerne einer von ihnen. Aber dafür, dass ich hier sein kann, haben viele Menschen hart gearbeitet. Jetzt zurückzugehen, wäre pure Undankbarkeit."

"Ein normales Studentenleben ist hier vollkommen unmöglich" (Isabella, 19, Deutsch-Venezolanerin, lebt in Caracas)

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    Foto: privat

"Ich kämpfe gegen die Regierung, weil sie aus Mördern besteht, denen nur Macht wichtig ist – und das Geld, das sie gestohlen haben. Sie sehen nicht einmal hin, wenn das eigene Volk Hunger leidet und an simplen Krankheiten stirbt, nur weil keine Medikamente importiert werden. Währenddessen kursieren im Netz Fotos von Rechnungen, die beweisen sollen, dass Regierungsmitglieder Millionen Dollar für Tränengasbomben und andere Waffen ausgegeben haben.

 

Anfangs glaubte ich nicht, dass man mit den Protesten etwas erreichen könnte. Ich dachte, das lege sich schnell wieder. Inzwischen halten wir aber schon seit 78 Tagen durch, es sind mindestens 69 Menschen dabei gestorben, auf Seiten der Demonstranten sagt man sogar, es seien schon 86. Der Druck auf die Regierung wird stärker, sie ist jetzt im Blick dieser Welt. Und auch, wenn ich keine Hoffnung hätte, würde ich weiter protestieren – denn die Menschen, die bisher schon ihr Leben gegeben haben, dürfen nicht vergessen werden. Wir müssen für sie weitermachen.

 

Ich schätze, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Venezolaner Anhänger der Regierung sind. Wir anderen stehen nicht auf der Seite der Opposition – wir stehen auf Seiten der Freiheit. Ich gehe zu beinahe jeder Demo, filme und fotografiere dort und stelle meine Eindrücke online. Ich will die Stimme meines Landes lauter machen, die Medien werden von der Regierung gesteuert.

 

Für Deutsche ist es sehr schwer, sich vorzustellen, welche Probleme es in Venezuela gibt: Die Menschen leiden Hunger, es gibt fast keine Medikamente mehr und wir leben in ständiger Gefahr. Fast alle Häuser haben hier Überwachungskameras oder sind zumindest umzäunt. Das ist kein Schnick-Schnack, es ist notwendig.

 

Ich hätte gerne in meinem Heimatland studiert. Doch unser Bildungssystem ist am Ende: Es gibt zwar gute Universitäten in Venezuela, aber die laufen nicht mehr zuverlässig. Oft fällt der Unterricht aus, weil die schlecht bezahlten Dozenten streiken oder auf den Protesten sind. Seit zwei Jahren bewerbe ich mich deshalb an europäischen Universitäten, um dort Medizin zu studieren. Später möchte ich mit meinem Wissen nach Venezuela zurückkehren und meinem Land helfen. 

 

Social Media sind sehr wichtig für uns Demonstranten. Über Twitter wird die Demo mitgeteilt, dann wird die Nachricht über WhatsApp, Facebook und so weiter verbreitet. Mein Instagram-Feed besteht quasi nur noch aus Bildern und Videos von Protesten. Manchmal taucht dazwischen ein Beitrag von deutschen Freunden auf. Das zeigt dann erst die Absurdität der verschiedenen Welten. Bei uns sind Wasserwerfer wahrscheinlich das, was am ehesten an die Realität meiner deutschen Freunde herankommt, die Selfies aus dem Freibad posten.

 

Gleichzeitig interessieren sich meine deutschen Freunde oft mehr für die Lage in Venezuela als Freunde aus Venezuela, die jetzt im Ausland leben. Das stört mich. Dieses Nichtstun, während die Heimat leidet. Auch aus dem Ausland kann man helfen. Und wenn es nur bedeutet, eine Unterschrift auf einer Petition abzugeben.

 

Meiner Familie geht es vergleichsweise sehr gut, die meisten Menschen sind viel stärker von der Krise betroffen. Zum Beispiel mein Freund. Er ist Diabetiker und es gibt kein Insulin mehr im Land. Außerdem ist er Student. Er arbeitet nebenher und kommt trotzdem kaum über die Runden, der tägliche Weg zur Uni ist lebensgefährlich. Ein normales Studentenleben, wie sich Deutsche das vorstellen, ist hier vollkommen unmöglich.

 

Ich verlasse das Haus inzwischen nur noch, wenn ich unbedingt muss oder demonstriere. Das liegt nicht nur daran, dass es gefährlich ist – sondern auch daran, dass ich nicht guten Gewissens ins Kino oder Eis essen gehen könnte, wenn so viele Menschen ihr Leben auch für meine Freiheit lassen."

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