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Was ist "Pulse of Europe"?

In mittlerweile über 40 europäischen Städten demonstrieren Anhänger der Bewegung für europäische Werte.
Von Yannic Hannebohn und Miriam Pontius
  • löwe
    Foto: Yannic Hannebohn

Die Löwen des Bronzedenkmals auf dem Opernplatz in München beißen auf Fahnenstangen, blau-gelber Stoff weht vor ihren Mäulern. Clara Mokry, eine der Organisatorinnen von "Pulse of Europe", geht nervös ihren Text durch: Sie spricht gleich über das Weißbuch der Europäischen Kommission, fünf mögliche Szenarien für die Zukunft Europas. Ein anspruchsvolles Thema. Wie viele Leute werden heute wohl kommen? Gestern war Clara im Hofgarten Flyer verteilen, vor allem junge Menschen wollte sie und das Team noch für die Demo gewinnen. Daran fehlt es ihnen noch, zumindest hier in München. Nicht gerade einfach zu erklären, dass man für etwas demonstriert, nicht gerade einfach junge Menschen zu einer Demo zu locken.

Rückblick: Zu schlagen beginnt der Pulse of Europe in Frankfurt im November 2016. Ausgangspunkt: Das Juristen-Ehepaar Sabine und Daniel Röder. Brexit-Votum und Trump-Wahl haben sie unruhig gemacht, hibbelig wie man in Hessen sagt. Dazu der lauter werdende Populismus in vielen EU-Ländern. Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz – plötzlich scheinen sie nicht mehr so selbstverständlich. Also wendet sich das Ehepaar an Freunde und Bekannte. Die erste Versammlung im November ist ein Test und erfolgreich. 200 Menschen stehen bei Jackenwetter im Europa-Garten in Frankfurt, reden und halten sich symbolisch an den Händen. Es geht ihnen darum, ein Gegenpol zu bilden, den öffentlichen Raum nicht mehr nur nationalistischen Parolen zu überlassen. Das ist ziemlich neu und vielleicht deswegen auch durchschlagend erfolgreich: In den nächsten Wochen bilden sich weitere Ableger, organisiert von Menschen mit der gleichen europäischen Überzeugung wie die Röders.

 

Drei Monate später, im Februar in Berlin. Ein kalter Wind fegt über den Gendarmenmarkt und fährt den Demonstranten in die Krägen. Vielleicht 100 Europa-Befürworter sind es, die sich in einer Traube vor dem Französischen Dom zum ersten Mal versammelt haben. Immerhin. Einem ausgewachsenen Labrador hat sein Besitzer gegen die Kälte eine Decke umgelegt. Studenten mit alten Klapprädern stehen in Grüppchen zusammen, reden angeregt miteinander. Dazwischen viele junge Familien, kleine Kinder mit bunten Mützen auf den Schultern ihrer Eltern, auch ein paar graue Haarschöpfe sind in der Menge erkennbar. Die Wortfetzen, die über den Platz wehen, sind nicht nur deutsch, sondern auch englisch, spanisch, italienisch. Vielleicht typisch für Berlin, vielleicht aber auch charakteristisches Merkmal einer Demonstration, die für Zusammenhalt trotz Vielfalt eintritt. Vorne auf der breiten Treppe, moderiert eine Mittfünfzigerin Redner an. Ein junger Mann tritt ans Mikrofon, er spricht kurz und recht improvisiert von Europas Vorzügen. Geklatsche, Europafahnen wehen. Die vorbeirauschenden Autos auf der Französischen Straße dämpfen den Beifall. Steht man an der U-Bahn-Station zwei Querstraßen entfernt, sind die Demonstranten schon nicht mehr zu hören.

Pulse of Europe will genau das sein: Ohne Agenda und positiv

 

Wieder in München, 14 Uhr, Demobeginn. Clara und ihre Kollegin Anna Schwarzmann betreten die Bühne zur Begrüßung. Bestimmt 1000 Menschen sind vor Ort, eingedeckt mit Fähnchen und Kappen, manche tragen Friedensbemalung im Gesicht. Einer von ihnen: Akilnathan Logeswaran, kurz Akil, die Mutter Deutsche, der Vater Tamiler. Wie viele ist er hier, "weil Europa einfach wichtig ist". Konkret: mehr als 60 Jahre Friede, Reisefreiheit, Erasmus. Unkonkret: Das Gefühl von Zusammenhalt. Akil ist zum dritten Mal da, mittlerweile kennt er schon Leute allein von der Demo. Sie machen Selfies, die sie später auf Facebook teilen und zum Mitkommen nächste Woche aufrufen. "Ich bin viel im Ausland gewesen, in China und USA und da merkste schnell, wir sind alle sehr klein, wenn wir nicht zusammenhalten" sagt Thomas Zschoke, einer aus der Gruppe. Pulse of Europe will genau das sein: Ohne Agenda und positiv, so haben es die Veranstalter geplant. Irgendwie sind sie natürlich schon auch gegen etwas: Gegen Nationalismus, Populismus, Ausgrenzung.

  • Pulse
    Foto: Yannic Hannebohn

Die gute Stimmung trübt heute nur, dass es zu wenig junge Leute zur Demo schaffen. "Wenn ich mich hier so umschaue, sehe ich leider nur sehr wenige meiner Generation und sehr viele ältere Menschen", sagt Bianca Paulus, Studentin, für die es keine Frage war, auf der Bühne zu reden: "Es reicht eben nicht, nichts zu tun, dann darf ich mich nicht wundern, dass die Welt eben wird, wie es mir nicht gefällt." Dieser Meinung sind hier alle, deswegen bleiben sie selbst zur etwas unorganisierten Menschenkette. Clara, die Organisatorin, ist happy: "mega" sagt sie und verteilt ein paar Brezeln an die freiwilligen Helfer beim Abbau. Pulse of Europe ist im Aufwind, wöchentlich kündigen sich weitere Städte an. Nicht nur in Deutschland, auch Frankreich und die Niederlande sind vertreten, wo dieses Jahr ebenfalls gewählt wird. Natürlich sind die Wahlen Europas Pulsmesser, manche wie Akil wollen deswegen auch bis dahin durchhalten: "Also ich werde hier da sein bis die Wahl in den Niederlanden vorbei ist, bis die Wahl in Frankreich vorbei ist und wahrscheinlich sogar bis zur Bundestagswahl in Deutschland."

 

Dieser Überzeugung sind wohl viele: Bei der Demonstration Mitte März waren wieder rund 1000 Menschen mehr auf dem Opernplatz. In Berlin zählten sie über 5000 Demonstranten. "Liebesgrüße in die Niederlande" stand auf einem Schild, die Parlamentswahl dort am 15. März gilt als erster Schritt für oder gegen die Zukunft Europas. Ein Sieg des Rechtspopulisten Geert Wilders wäre für die Europafans ein Rückschlag. Oder er würde die Bewegung noch enger zusammenschweißen  – weil man eben doch auch gegen etwas sein kann. 

 

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