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Zum Merkel-Fan mutiert

Aus Mitleid mit der in der Flüchtlingspolitik isolierten Underdog-Kanzlerin.
Von Christian Helten
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    Foto: Sean Gallup/Getty Images

Es gibt Sätze, von denen man glaubt, dass man sie nie sagen wird in seinem Leben. Einer davon lautete bei mir: „Ich finde Angela Merkel gut.“ Bis jetzt. Jetzt habe ich ihn gesagt. Und hier für jeden lesbar aufgeschrieben. Würde mich heute jemand fragen, ob ich mir wünsche, dass Angela Merkel auch nach der nächsten Bundestagswahl noch Kanzlerin ist, würde ich das bejahen.

 

Das fühlt sich seltsam an. Weil mein Merkelmögen überraschend kam. Und vielleicht auch, weil es ein seltsam irrationales Mögen und Gutfinden ist, das mir zeigt, wie viel mehr Politik mit Gefühlen und Stimmungen zu tun hat, als man es sich oft wünscht. Dazu aber später mehr.

Ich habe noch nie in meinem Leben die CDU gewählt. Ich konnte mit Angela Merkel nie etwas anfangen – außer für Witze. Es gab so vieles, was mich immer an ihr störte: konkrete Politik, aber auch Vage-Gefühliges. Ihre Sturheit beim Thema Rechte für Homosexuelle, ihr Herumlavieren in der NSA-Affäre. Die uninspirierende Art ihrer Reden und ihrer Fernsehauftritte, ihre ganze Hängemundwinkel-Haftigkeit und Sonntags-Rindsrouladen-Spießigkeit. Ihr Für-nichts-Stehen. 

 

Und dann passierten drei Dinge. Erstens: die Flüchtlingskrise. Zweitens: Merkels Flüchtlingspolitik. Drittens: Angriffe auf diese Flüchtlingspolitik von allen Seiten. Entscheidend war glaube ich vor allem Letzteres. Aber von vorne.

 

In den vergangenen Monaten hat Angela etwas getan, was man bei ihr in der Form selten erlebt. Sie hat sich klar positioniert. Von Anfang an. Ihr „Wir schaffen das“ wurde zu einem Slogan, an dem man sich festkrallen konnte, wenn man das reale Chaos da draußen in der Welt sah, in der vollbesetzte Schlauchboote kenterten, Menschen auf der Flucht im Meer ertranken und in Schleuser-Lastwagen erstickten. In der Grenzen geschlossen und Flüchtlingsunterkünfte angegriffen wurden. Merkel sagte „Wir schaffen das“ und entschloss sich in einer Nacht Anfang September, syrische Flüchtlinge über Ungarn nach Deutschland einreisen zu lassen. Ein kleiner Satz und ein menschlicher Akt von der sonst so kühlen Merkel. Ein Zeichen. Eine Willensbekundung. Das gab mir Hoffnung, auch wenn dieser kleine Satz natürlich weit entfernt war von einer politischen Lösung des Problems. Aber – das muss man Merkel lassen – sie hat es ja bislang meistens geschafft, ihren Willen durchzusetzen. Warum also nicht auch diesmal?

 

Hoffnung also. Weil: Wie Politik und Politiker beurteilt werden, hat ja am Ende doch viel mit Emotionen zu tun. Sehr viel. Kaum jemand liest Wahl- oder Parteiprogramme von vorne bis hinten durch, entscheidender ist oft, wie ein Politiker spricht, aussieht und auftritt, oder ob er zu gewissen Anlässen die richtigen Worte oder Gesten findet. Man denkt ja immer, das gelte für einen selbst nicht. Meine Merkelhoffnung im Herbst ließ mich aber am eigenen Leib spüren, dass da was dran ist.

 

Der Herbst ist längst vorbei. Er scheint unendlich weit entfernt, wenn man sich die aktuelle Lage von Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik anschaut. Seit Wochen muss sie von allen Seiten einstecken: Ihre Umfragewerte sind mies wie selten. In ihrer Partei schrumpft ihr Ansehen. Und fast ganz Europa wehrt sich dagegen, Flüchtlinge nach Quoten auf alle Mitgliedsstaaten zu verteilen. Frankreich, das Land, das in Merkels Reden so oft als „wichtigster Partner“ auftaucht, hat grade deutlich gesagt, dass man nicht mehr als 30.000 Flüchtlinge aufnehmen will – so viele kamen im Herbst in München manchmal an einem Tag an. Von allen Seiten ertönt Geschrei nach Grenzschließungen, selbst ehemalige Verbündete stimmen mit ein; Schweden und Österreich schotten sich ab, Wien hat sogar eine Obergrenze für aufzunehmende Flüchtlinge beschlossen. Beim EU-Flüchtlingsgipfel in Brüssel stand Merkel isoliert da, wie der kleine Junge, der aus seiner Clique ausgeschlossen wird, weil er dem anderen kleinen Jungen hilft, den die Clique auf dem Schulhof in der Pause immer verarscht.

 

Solche Momente sind es, an der mein Merkel-Sympathiebarometer plötzlich nach oben schnellt. Wenn alle sie angreifen und sie alleine da steht. Mir ist der kleine Junge, der dem Außenseiter helfen will, nun mal viel näher als die Gang, die auf dessen Kosten Witze reißt. Würde diese kleine Geschichte verfilmt, wäre er der Held. Ich würde mitfiebern, ob er sich durchsetzt. Hoffen, dass er standhaft bleibt und gegen die Übermacht besteht. Und genauso denke ich jetzt: Die Merkel, die ist die einzig Vernünftige. Die einzige, die das Richtige tut und will. Der Merkel, der muss man jetzt beistehen. 

Ich habe das Gefühl, dass es grade einigen so geht wie mir. Ich merke bei Freunden und Bekannten, die kein bisschen konservativ denken, dass sie plötzlich Merkel-Fans werden und sagen: Die macht das gut. Schon ein bisschen absurd: eine Konservative gutfinden, weil alle anderen noch konservativer werden.

 

Ich weiß übrigens, dass das bescheuert ist. Weil es eine so naive, gefühlsgetriebene und reflexartige Reaktion ist. Weil sich ja nicht Merkel selbst verändert hat. Sie erscheint nur annehmbarer, weil ihre Parteikumpanen mit Angstmacherei und Geschrei versuchen, Wähler einzufangen, die in Richtung AfD abhauen. Dass Merkel wöchentlich von Seehofer angeblafft und sich mit dem Schwachsinn herumschlagen muss, den er loslässt, führt dazu, dass sie einem leidtut. Und plötzlich wirkt wie die Flüchtlingshelferin schlechthin. Fast möchte man sich an ihre Seite stellen und ihr ebenfalls ein schulterklopfendes „Wir schaffen das“ mitgeben.

 

Dabei vergisst man schnell, dass sie früher oder später Zugeständnisse an eben diesen Seehofer machen wird. Man vergisst, dass ihre Bundesregierung sich immer auf das Dublin-II-Abkommen berief, das Flüchtlinge zwingt, in dem europäischen Land zu bleiben, in dem sie zuerst angekommen sind – was lange eben nicht Deutschland war. Man vergisst, dass ihre Regierung vor kurzem im Asylpaket II als Reaktion auf die Übergriffe in Köln beschleunigte Abschiebeverfahren beschlossen hat. Und man vergisst, dass sie wahrscheinlich dem kleinen Mädchen, dem sie im Sommer vor laufender Kamera gesagt hat, dass es leider nicht in Deutschland bleiben könne, heute dasselbe wieder mit dem gleichen Mangel an Mitgefühl sagen würde

 

Das werde ich mir also in Zukunft wohl immer in Erinnerung rufen müssen, wenn mein Merkel-Mitgefühl wieder aufkeimt. Denn ich merke jetzt schon: Nach dem Absatz, den ich grade geschrieben habe, schmeckt mir der Satz „Ich finde Merkel gut“ vom Anfang schon gar nicht mehr so sehr.

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